Scientology bei Maischberger "Eine Reise in andere Leben"

Über manche Dinge kann man selbst in Talkshows nicht diskutieren - zum Beispiel über Scientology. "Wie gefährlich ist die Psycho-Sekte?", fragte Sandra Maischberger in der ARD. Verblüffende Erkenntnis am Ende der Sendung: Eine Machtübernahme in Deutschland steht nicht bevor.

Von Henryk M. Broder


Das Timing war perfekt: In Burma rebellieren Mönche gegen die Militärdiktatur, in New York phantasiert der iranische Präsident von einer Gesellschaft, in der es keine Homosexuellen gibt und die Frauen so frei sind, wie sonst nirgendwo auf der Welt. Und in Berlin dreht Tom Cruise einen Film über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, was umgehend zu einer Debatte darüber führt, ob ein amerikanischer Scientologe einen deutschen Widerstandskämpfer spielen darf.

Scientology-Kirche in Berlin: Reingeraten wie in einen Swinger-Club
DPA

Scientology-Kirche in Berlin: Reingeraten wie in einen Swinger-Club

Man könnte sich also zusammensetzen und gemütlich über das Thema "Meine Sorgen möchte ich haben" unterhalten, wenn da nicht eine Gefahr am Horizont aufziehen würde: "Was ist das mit Scientology, müssen wir Angst haben?", fragte Jörg Kachelmann gestern Abend am Ende der Wetterkarte in der ARD und gab das Wort an Sandra Maischberger weiter, die den Rahmen der Debatte absteckte: "Deutschland fragt sich: Wollen die Scientologen die Regierung unterwandern?"

Die Frage könnte auch lauten: "Haben sie es nicht längst getan?" Das sektiererische Gehabe einiger Minister in den letzten Tagen spräche dafür, das ganz normale Auftreten von Sigmar Gabriel und Horst Seehofer sowieso. Warum sollten wir uns also mit der Scientology beschäftigen, jetzt und hier? "Weil Scientology nichts mit Religion zu tun hat, es ist eine neue Form des politischen Extremismus", sagt Ursula Caberta, die seit 1992 die Arbeitsgruppe Scientology bei der Hamburger Innenbehörde leitet und als Expertin für Sektenwesen gilt.

Worauf Fernsehpfarrer Jürgen Fliege ihr ins Wort fällt und darauf hinweist, dass 75 Prozent der Scientology-Mitglieder "gut verdienende Männer" sind, die "eine Einsicht über das Leben" haben: "Wir wollen uns vervollkommnen."

Wie immer in Fällen, wenn es die Aktualität suggeriert und so getan wird, als stünde eine Gefahr unmittelbar bevor, hilft ein Blick in die Ablage dabei, die Gedanken zu ordnen und ein wenig Klarheit herzustellen. Im Mai 1995, vor zwölf Jahren also, veröffentlichte der damalige Bundesminister für Arbeit, Norbert Blüm, in der Zeitung "Die Woche" einen Artikel unter der Überschrift: "Die größte und gefährlichste Sekte in Deutschland unterwandert heimlich die Wirtschaft". Gemeint war natürlich Scientology.

Blüms Weckruf - zwölf Jahre alt

Blüms Weckruf fing so an: "Es geht um Macht. Es geht um Geld. Wenn wir uns auf der Welt umsehen, dann wird uns schnell klar, dass eine neue Form von Sekten auf uns zukommt, die über Leichen geht. Ich denke an die Massenmorde der Sonnentempler in der Schweiz, der Aum-Sekte in Japan oder der Davidianer und Milizen in den Vereinigten Staaten. Sie schlagen ihre eigenen Schlachten, führen ihre ganz persönlichen Kriege. Wir müssen uns auf diese Art von Kriegführung einstellen. Doch Krieg ist nicht nur, wenn Menschen verletzt oder umgebracht werden. Krieg ist nicht nur, wenn Häuser in Schutt und Asche liegen. Auch wer Menschen in ihrer innersten Persönlichkeit erobert, führt Krieg. Was ich meine, sind die weltweiten Feldzüge von Scientology. Dafür darf es kein Pardon geben." Scientology, so Blüm weiter, sei "eine verbrecherische Geldwäsche-Organisation, die unter dem Deckmantel der Religion ihre verblendete Ideologie weltweit verbreiten will und dabei vor nichts zurückschreckt".

Wenn dem wirklich so wäre, so müsste man sich vor allem über eines wundern: Dass in den vergangenen zwölf Jahren so gut wie nichts gegen die Ausbreitung der "Riesenkrake" (Blüm) unternommen wurde. Zwar wird Scientology in Bayern und einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz "beobachtet", aber dasselbe trifft auch auf die Linkspartei zu, die im Bundestag sitzt und in Berlin mitregieren darf.

So gab sich der bayerische Innenminister Günther Beckstein alle Mühe, Religion und Politik auseinander zu halten. "Jeder kann glauben, was er will", versicherte er, die Scientologen freilich "wollen einen Staat, der von Scientology beherrscht wird", es gehe "um übelste Geschäftemacherei und knallharte Macht, Menschen werden ausgenommen wie Weihnachtsgänse". Leider blieb Beckstein die Belege für seine Behauptungen schuldig, auch den Vorwurf, Scientology würde "Konzentrationslager" unterhalten, den er vor Jahren erhoben hatte, mochte er nicht wiederholen – die jüdischen Gemeinden hätten ihn gebeten, auf solche Vergleiche zu verzichten.

Ausstieg aus der Sekte - danach passierte nichts

Die Beweislast blieb an einem Ehepaar hängen, das elf Jahre lang bei den Scientologen mitgemacht hatte. Reingeraten war es so, wie andere Paare einem Swinger-Club beitreten: Er wollte es, sie kam mit. Anfangs war es "spannend" und "ein Abenteuer", eine Reise "in andere Leben"; es dauerte eine Weile, bis Gaby und Werner merkten: "Man wird ein Rädchen im Getriebe der Organisation." Da stiegen sie aus. Danach passierte nichts.

Es lag an Jürgen Fliege, die metaphysische Dimension des Phänomens zu erklären. Er tat es, indem er den etablierten Kirchen die Verantwortung zuwies. "Die Sekten sind die Sünden der Kirchen. Wir wissen nicht einmal, was Psyche ist. Freud und Jung sind keine Kirchenleute." Worauf Beckstein konterte: "Das System Scientology ist ganz anders als das System Kirche."

Es gehört zum Wesen solcher Diskussionen, dass sie sich im Kreise drehen und mit der Erkenntnis enden: Es gibt Themen, über die nicht diskutiert werden kann. Entweder ist die Scientology eine totalitäre Organisation, dann müsste mehr getan werden, als sie nur zu beobachten. Oder sie ist ein Haufen von Spinnern, die sich vorgenommen haben, die Welt zu retten, was zwar albern aber nicht verboten ist. Immerhin steht in der Bundesrepublik bis heute nicht einmal der Besuch von Trainingscamps für angehende Terroristen unter Strafandrohung.

Selbst dann, wenn die Religion nur ein Vorwand wäre, "um politische und wirtschaftliche Macht zu erlangen", wie es Beckstein mehrmals sagte, wäre das kein Argument, das man exklusiv gegen das Unternehmen Scientology einsetzen könnte. Auch die etablierten Kirchen greifen in das politische Geschehen ein und nehmen mit Hilfe des Staates Milliarden an Kirchensteuern ein. "Scientology steht in der Bundesrepublik nicht unmittelbar vor der Machtübernahme", räumte Beckstein gegen Ende der Debatte ein.

Dass mit ihm ein Protestant zum ersten Mal in der Geschichte des Freistaats Ministerpräsident wird, könnte von manchen Bayern als die viel größere Bedrohung empfunden werden.



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