PR für Scientology: Der automatische Skandal

Von Karoline Kuhla

Ein umgebauter Fotoautomat und 158 Worte: Hamburg hat einen Scientology-Skandal. Künstler Oliver Sturm und Sektenexpertin Ursula Caberta streiten über den Gebetomaten. Keiner wollte Werbung für Scientology machen. Doch am Ende lief es genau darauf hinaus.

Gebetomat: Per Knopfdruck zu Gott Fotos
HR

"Möge der Schöpfer des Universums alle Menschen befähigen, ein Verstehen ihrer geistigen Natur zu erreichen. (…) Wir beten dafür, dass die Menschenrechte bewahrt werden, so dass alle Menschen frei glauben und ihre Andacht verrichten können."

Soeben haben Sie diese Zeilen zur Kenntnis genommen. Sind Sie damit in den Fängen von Scientology gelandet? So befürchtet es Sektenexpertin Ursula Caberta.

Im Gebetomaten des Berliner Künstlers Oliver Sturm erklingen auf Abruf die genannten Zeilen. Sturm hat einen Passbild-Automaten, wie man ihn auf vielen Bahnhöfen findet, umgebaut. Statt Fotoporträts entstehen zu lassen, kann man dort für 50 Cent pro Minute Gebete anhören, sich per Touchscreen von den fünf großen Weltreligionen über ethnische, orientalische, afrikanische bis zu polytheistischen Religionen klicken. Insgesamt hält der Automat 320 Gebete in 64 Sprachen bereit. Und: Über die Unterpunkte "Weitere" und "Sonstige" gelangt man auch zu dem 158 Worte umfassenden "Gebet für völlige Freiheit" von Scientology.

Obwohl der Gebetomat schon seit längerer Zeit bekannt ist, sorgte seine Ausstellung im Hamburger Goldbekhaus jetzt für Diskussionen: "Aus meiner Sicht setzt der Gebetomat Scientology völlig unkritisch mit Weltreligionen gleich. Wenn der Künstler damit provozieren wollte, ist ihm das nicht richtig gelungen", sagte Ursula Caberta zu SPIEGEL ONLINE.

"Ich würde auch das Skurrilste aufnehmen"

Von 1992 bis 2010 war Caberta Leiterin der "Arbeitsgruppe Scientology" in der Hamburger Innenbehörde, ihr Wort bei dem Thema hat Gewicht. Journalisten hatten ihr deshalb von dem Gebetomaten erzählt und sie nach ihrer Meinung gefragt. Anfang November berichtete das "Hamburger Abendblatt" großformatig von ihrem Vorwurf, das Kunstwerk betreibe Werbung für Scientology. "Die Welt braucht keinen Gebetomaten", sagte die Sektenexpertin auch am Freitag zu SPIEGEL ONLINE. Das Kunstwerk hat sie nicht gesehen.

Vor allem in Deutschland wird seit Jahren stark kritisiert, dass die Organisation Scientology sich selbst Religion, ihr Haus Kirche, ihre Riten Gebete nennen darf. Die gleichberechtigte Aufstellung unter Religionen im Gebetomaten spiele den Scientologen insofern in die Hände, so Cabertas Befürchtung. "Damit gibt der Künstler Scientology einen Rahmen, der ihr nicht gebührt. Es gehört zu meinem Job, darauf aufmerksam zu machen."

Künstler Oliver Sturm sieht das anders. "Kunst muss nicht political correct sein", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. "Der Gebetomat hierarchisiert nicht und bewertet nicht. Für mich war das Auswahlkriterium nicht, was ich selbst als Gebet akzeptieren kann oder nicht, sondern was eine Gemeinschaft für sich als Gebet ausgibt - da würde ich auch das Skurrilste aufnehmen." Trotzdem wolle er Scientology nicht verharmlosen, so Sturm. Bei seinem Besuch in der Berliner Dependance habe er den Eindruck einer "Geheimdienstzentrale" gehabt.

Doch für Sturm blieb es nicht bei der Kritik von Caberta. Die Grünen-Abgeordnete und ehemalige Bildungssenatorin Christa Goetsch stellte am 7. November in der Hamburger Bürgerschaft eine Kleine Anfrage mit dem Titel "Gebetomat - Bedenklicher Interreligiöser Dialog?". Noch am selben Tag wurde die geplante Ausstellung des Gebetomaten in den Hamburger Bücherhallen abgesagt.

Für deren Direktorin Hella Schwemer-Martienßen sei es klar geworden, dass der Gebetomat nicht mehr dort ausgestellt werden kann. "Ursula Caberta und Scientology wirken beide in Hamburg", erklärt sie. "Als eine Einrichtung, die öffentlich gefördert wird, müssen wir uns da nicht einmischen. Ich wollte nicht, dass Frau Caberta oder Scientology bei uns auftauchen, um diese als Plattform zu nutzen."

Im Umgang mit Scientology hat Schwemer-Martienßen bereits Erfahrung. Lange habe sich ihre Einrichtung dagegen gewehrt, von Scientology vereinnahmt zu werden - alle kostenlosen Büchersendungen mit der Lehre von L. Ron Hubbard wurden zurückgesendet oder weggeworfen, erzählt sie. Keines dieser Bücher fand Eingang in die Bibliothek. Bei Scientology hat sie sich damit keine Freunde gemacht. Eine neuerliche Auseinandersetzung wollte sie sich und ihren Mitarbeitern offenbar ersparen.

Dabei wäre eine Begegnung offenbar genau das, was sich alle Beteiligten wünschen. "Ich würde mich gerne mit Frau Caberta auf ein Podium setzen", meint Sturm. Ähnlich äußert sich Caberta: "Mir wäre es am liebsten, es würde eine kritische Diskussion über das Kunstwerk stattfinden." Persönlichen Kontakt hatten die beiden bisher nicht. Schwemer-Martienßen hätte sich mehr Zurückhaltung gewünscht. Künstler und Kritikerin hätten vielleicht besser direkt miteinander gesprochen. Dafür scheint es jetzt jedoch zu spät zu sein: "Jeder, wirklich jeder in Hamburg weiß jetzt von dieser Geschichte." Eine öffentliche Podiumsdiskussion in den Bücherhallen wird es nicht geben.

Bleibt bis heute das Bild eines produzierten Skandals, in dem alle Beteiligten weder persönlich noch öffentlich das gemeinsame Gespräch suchen. Um Scientology war es in letzter Zeit eher still geworden. Doch der Rummel um Sturms Gebetomaten und Cabertas Kritik hat sich zum Bumerang entwickelt: Ohne eigenes Zutun ist Scientology wieder im Gespräch, kann sich über fremde PR freuen. Dabei kann das eigentlich niemand gewollt haben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Scientology
neu_ab 28.11.2012
Gibt es etwa kein Recht auf Dummheit?
2. Deutsche Sprache in Schrift Und Bild
dalethewhale 28.11.2012
Ich rate dem/die Autor/in nocheinmal den Text vor Weitergabe zu kontrollieren,dann wären nicht so viele Fehler enthalten wie Hier ersichtlich. oder verabschiedet sich auch der Spiegel von der Deutschen Sprache ?
3. Stimmt, kostenlose PR
socketuning 28.11.2012
ohne ihren Bericht wüsste ich davon nichts. Und es stimmt, vor ihrem Bericht hatte ich auch Scientology nicht mehr beachtet.
4. Künstler?
Malshandir 28.11.2012
Also Kunst ist so etwas nicht, eher Kommerz und als verantwortungsvoller Künstler hätte er Scientology von Anfang an nicht aufgenommen. Also ich frage mich eher was für einen Horizont so ein Künstler hat.
5.
Zephira 28.11.2012
Zitat von MalshandirAlso Kunst ist so etwas nicht, eher Kommerz und als verantwortungsvoller Künstler hätte er Scientology von Anfang an nicht aufgenommen. Also ich frage mich eher was für einen Horizont so ein Künstler hat.
Es handelt sich um einen Künstler, der sich nicht in der Verantwortung sieht, das Oligopol einiger weniger Kirchen und Anschauungen zu wahren. Wen Sie damit ein Problem haben, sollten Sie dringend überdenken, welche Rolle Kunst in der Gesellschaft spielen soll...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare
  • Zur Startseite