Seattle Mysteriöser Monolith verschwunden

Rätsel über Rätsel: Der offenbar in Anlehnung an Stanley Kubricks Film "2001 - Odyssee im Weltraum" in einem Park der US-Stadt Seattle errichtete Stahlmonolith ist drei Tage nach seinem Auftauchen spurlos verschwunden.


Monolith von Seattle: "keine Wagenspuren, noch nicht einmal platt getretenes Gras"
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Monolith von Seattle: "keine Wagenspuren, noch nicht einmal platt getretenes Gras"

Seattle - Neujahr 2001, der Anbruch eines neuen Jahrtausends. Auf einem windigen Hügel in einem Park mitten in der Stadt steht plötzlich ein mysteriöser, fast drei Meter großer Stahlmonolith, der wie einer jener außerirdischen "Wächter" aus Stanley Kubricks Science-Fiction-Epos "2001- Odyssee im Weltraum" anmutet. Und dann - ebenso plötzlich - verschwindet der schwarze Klotz nahezu spurlos wieder vom Erdboden - an seiner Stelle lag am Mittwochmorgen nur noch eine zerdrückte, rote Rose.

"Ich weiß nicht, was passiert ist. Jemand könnte ihn weggenommen haben. Oder... keine Ahnung, es ist alles sehr mysteriös", sagte Parkdirektor C. David Hughbanks der "Los Angeles Times". Seit die Parkarbeiter am Neujahrsmorgen die verschlossenen Tore öffneten und den Monolithen auf einem Hügel vorfanden, ist das ominöse Kunstwerk Stadtgespräch in Seattle. Hunderte kamen in den vergangenen Tagen, um nur staunend dazustehen oder das stählerne Gebilde anzufassen. Geschichten und Anekdoten aus Arthur C. Clarkes Erzählung und Kubricks Film wurden ausgetauscht. "Sie sahen aus wie die Affen aus dem Film, wie sie die Hände danach ausstreckten", sagt Jack Boyer, ein ehemaliger Polizist und regelmäßiger Parkbesucher, und lacht. "Ganz offensichtlich bedeutete ihnen dieses Ding sehr viel."

In dem Science-Fiction-Klassiker von 1968 ist der schwarze Monolith eine gottgleiche Kraft, die möglicherweise von überlegenen außerirdischen Intelligenzen installiert wurde, um den Evolutionsprozess der Menschen zu überwachen. So, wie der Monolith einst den Übergang des Affen zum Werkzeug benutzenden Menschen bezeugte, erscheint er im Ende der Sechziger unvorstellbar futuristischen Jahr 2001 erneut auf der Mondoberfläche, um den Sprung des modernen Menschen zum universellen Sternenkind (im Film durch Dave Bowman (Keir Dullea) dargestellt) zu begleiten.

Ein Passant berührt den Monolithen: Wächter über die menschliche Evolution?
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Ein Passant berührt den Monolithen: Wächter über die menschliche Evolution?

Wie sein fiktives Vorbild zeigte auch der Monolith von Seattle keine Spuren seiner Herkunft. Die Tore des Stadtparks waren in der Silvesternacht fest verschlossen, der einzige Zugang zum Hügel bestand über einen Bootsanleger am nahen Lake Washington. Es hätte sieben oder acht Mann gebraucht, um den Stahlkoloss an seinen Platz zu hieven, vermutet Hughbanks. "Es war perfekt in den Boden gesetzt", staunt er. "Keine Wagenspuren waren zu sehen, noch nicht einmal platt getretenes Gras."

Die Parkwächter wollten die Struktur und Stabilität des Monoliths am Mittwochmorgen testen, doch als sie den Hügel erreichten, war das ominöse Objekt wieder verschwunden. Ein Betonsockel, der den Klotz offenbar im Boden verankert hatte, war noch da - ansonsten fanden die Männer wenig mehr als ein bisschen geschmolzenes Kerzenwachs und jene zerbrochene Rose.

Seattle und die lange Tradition der "Guerrilla Art"

Hughbanks spekuliert, dass der Monolith in der Tradition der berüchtigten "Guerrilla Art" Seattles steht. Schon 1993 hängten Künstler, die unter dem Namen Fabricators of the Attachment firmierten, eine Art Gefängniskugel aus Stahl mit einer Kette an die berühmte Skulptur des "Hammering Man" im Kunstmuseum der Westküstenstadt. 1996 ließ Jason Sprinkle ein 1800 Pfund schweres Metall-Herz mit der Aufschrift "Bomb" auf der Ladefläche seines Pick-Up-Trucks liegen und brachte den Verkehr in der Innenstadt für Stunden zum Erliegen.

Doch Virginia Rose, Sprecherin der "Fabricators", sagte gegenüber der "Los Angeles Times", dass "die üblichen Verdächtigen diesmal nichts damit zu tun" hätten. "Ich wünschte, wir hätten es getan", sagte sie dem Blatt, "es ist schon sehr cool." Wer immer sich hinter dem Monolithen von Seattle verbirgt, wird jedoch auch sein schnelles Verschwinden von vornherein eingeplant haben. Plötzliche, göttliche oder extraterrestrische Erhellung ist schließlich nichts, was tage- und wochenlang im Regen steht, bis man das Gras drum herum mähen muss.



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