Selbstüberschätzung Ein Wort und jeder weiß Bescheid

Warum tragen manche Leute ihre Kämpfe 3600 Kilometer vor der eigenen Haustüre aus? Weil inkompetente Menschen die Tendenz haben, sich selbst für unglaublich klug zu halten. Ein weitverbreitetes Problem.

Kate Tempest
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Kate Tempest

Eine Kolumne von


Die Welt hält den Atem an. Bald beginnt die erste Spielzeit des neuen Volksbühnenintendanten in Berlin. Das Theater, zu dem fast jeder, der irgendwann mal im Theater war, eine Meinung hat, vollkommen egal, ob er oder sie in Berlin wohnt oder jemals in einer Volksbühnenaufführung war. Da darf ich nicht fehlen.

Am Anfang der Spielzeit findet ein Konzert oder eine Performance der angesagten englischen Spoken-Word-Künstlerin Kate Tempest statt. Eine aufrechte, wütende Kapitalismuskritikerin. Und glühende Israel-Boykottiererin. Wann immer es eine Petition des BDS zu unterzeichnen gilt, Großbritanniens Künstler sind dabei.

Beherzt kämpfen sie von der Insel aus gegen Produkte von Juden, gegen Künstler, die aus Israel kommen oder dort arbeiten wollen, was besonders sinnvoll ist, gegen die Besatzung, gegen all das Unrecht, das so angenehm weit entfernt von zu Hause stattfindet. Vermutlich ist es gerade den englischen Kunst- und Geistesschaffenden sehr wichtig, sich einzubringen. Ein bisschen Frieden auf der Welt, die weit entfernte und nähere Geschichte des eigenen Landes vergessen, die Vergessenen in Sozialsiedlungen verdrängen, den Brexit-legitimierten Rassismus, weg damit. Lasst uns unseren Klassenkampf 3600 Kilometer von zu Hause austragen.

Die Vehemenz, mit der eher linkspolitische Menschen auf aller Welt ihr schlechtes Gewissen auf ein winziges Land in weiter Entfernung auslagern, hat pathologische Züge. Ob Amerikas Nazis oder einige Linke der westlichen Welt - der Feind steht fest.

Dabei gäbe es so vieles, was man boykottieren könnte. Als Erstes fallen mir alle Unternehmen und Produkte der Familie Trump ein. Dann folgt der Rest der Welt. Ist aber nicht so cool, nicht so akzeptiert, da entsteht doch kein We-Feeling, wenn man mit seinem Plakat vor dem Supermarkt steht und Datteln aus Burkina Faso boykottiert, das macht doch keine klare und hippe Aussage.

Die krankhafte Gewissheit, alles besser zu wissen

Juden. Ein Wort und jeder weiß Bescheid. Da kommen wir zum nächsten Problem. Das Bescheidwissen. Ich danke den Wissenschaftlern Dunning und Kruger aufrichtig dafür, einen Namen zur Krankheit unserer Zeit gefunden zu haben. Der Dunning-Kruger-Effekt. Kurz: die krankhafte Gewissheit, alles besser zu wissen, weil man irgendwie irgendwo was gelesen hat.

Die Menschheit, noch nie die hellste, hat sich durch Führer, die die Sehnsucht nach einfachen Antworten für sich nutzen, zu einer einzigartigen Weltgemeinschaft der Auskenner gemausert. Der Hubert von Nebenan weiß alles über Impfungen, die Beschaffenheit der Erde, über Atomspaltungen, Einsturzqualitäten von Hochhäusern. Der neue Trend wird zur Eigenoperation gehen, zur kellergemachten Arznei und zum Eigenautobau. BDS ist die Bewegung der Superauskenner.

Aber vermutlich sind wir alle ein wenig Dunning-Kruger, denn wer ist nicht überzeugt, meistens recht zu haben. Vielleicht könnte Frau Tempest mir sogar erklären, warum sie sich gegen Menschen engagiert, die mit ihrem Lebensalltag nichts zu tun haben. Aber leider weiß ich es besser.

Überdies boykottiere ich Israel-Boykottierer. Und so ist wieder ein kleines Manifest zum Nichtmiteinanderreden entstanden. Gern geschehen. Eine friedliche Woche Ihnen.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
dareios 19.08.2017
1. Ist das ...
... nun doppelbödige Realsatire oder einfach Blindheit auf einem Auge, Frau Berg? Sie leben unter anderem davon, zu alles und jedem, zu Hinz und Kunz, zu Gott und der Welt Ihren schriftlichen Senf dazu zu geben. Die darin enthaltene Meinung basiert sicherlich auf dem Wissen, das Sie sich dazu angeeignet haben - oder glauben, sich angeeignet zu haben. Nun werfen Sie anderen Menschen vor, dasselbe zu tun, und verurteilen dies? Oder besser: Sie werfen anderen Personen ohne Nachweis einfach vor, sich weniger fundiert zu informieren als Sie. Sie können gern deren Meinungen kommentieren und davon abweichen, aber den generellen Vorgang der Meinungsäußerung zu verhöhnen ist lachhaft, insbesondere in Hinsicht Ihrer eigenen Tätigkeit. Sie sind nicht per se informierter oder klüger als Ihre Mitmenschen, so dass dies in Ihrem Fall gerechtfertigter wäre. "Respice post te, hominem te esse memento."
sgk43 19.08.2017
2. Dunning-Kruger-Effekt
Im Israel-Konflikt ist das Hauptproblem, dass es eben keine eine richtige Lösung zu geben scheint. Der Boykott ist mir insofern völlig unverständlich, dass linke doch eigentlich nicht dazu tendieren, Künstler und Wissenschaftler zu boykottieren, erst recht nicht wenn es um Juden geht? Im Wahlprogramm der linken steht sogar die Bestrebungen einer zwei-staaten-lösung. Was den oben genannten Effekt betrifft muss ich aber widersprechen: wenn sich der Hubert gut informiert hat und tatsächlich interessiert ist am Thema Impfungen, dann ist es doch kein Problem, wenn er es tatsächlich besser weiß?! Dieses pauschale kritisieren von mehrwissen in der einfachen Bevölkerung ist mir ziemlich zuwider, da ja erst (echtes) wissen zu Wohlstand/Fortschritt führen kann.
hdudeck 19.08.2017
3. Leider kommt der Autor des
Spiegel Artikel aus einem Land, in dem jedweilige Kritik an Israel oder "den Juden" sofort einen Shit Storm startet und den Verursacher in die "spezielle" Ecke stellt. Kann man historisch verstehen, muss und darf man aber nicht akzeptieren. Denn Kritik kann auch helfen, Missstaende zu ueberwinden. Diese zu unterdruecken (eben durch das beschriebene Verhalten) macht das Wirken derjenigen, den diese Kritik zuegeln sollte nur noch schlimmer. Ehrlich, wer in Deutschland hat den Mut, Israel oder Juden zu kritisieren, selbst wenn diese dringent Noetig waere?
katiamobil 19.08.2017
4. Leider wahr
Behauptungen jeglicher Art zu überprüfen, sich zu informieren, Meinungen und auch Gegenmeinungen einzuholen und zu bewerten....das erfordert natürlich Zeit und Interesse, mit Sicherheit auch ein gewisses Maß an Intelligenz....die Tendenz ist eindeutig: unreflektiert mit bestenfalls Halbwissen nachzuplappern. Es fängt im kleinen an und kann gefährlich hohe Wellen verursachen.
spon-facebook-1058210486 19.08.2017
5. An Besserwisserei mangelt es anscheinend bei der Autorin nicht.
Das war's schon.
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