Selfies von Drohnen Terrorjob erledigt, bin in der Bar

Sie knipsen sich auf dem Klo oder im Schlafzimmer: Die Drohnen auf den Selfie-Fotos von Matteo Cremonesi posieren fast wie Menschen. Im Interview erklärt der Künstler, warum seine Drohnen cool sein wollen und wir uns fürchten sollten.

IOCOSE

Ein Interview von Anne Backhaus


SPIEGEL ONLINE: Herr Cremonesi, Sie haben gemeinsam mit den drei anderen Mitgliedern der Künstlergruppe IOCOSE Selfie-Fotografien von Drohnen angefertigt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Cremonesi: Die Menschen sollen sich die Bilder ansehen und danach mehr Probleme haben, als sie bisher hatten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Cremonesi: Drohnen werden zur Überwachung und als Waffen genutzt. Sie bekommen in unserer Gesellschaft immer mehr Bedeutung, die aber nicht hinterfragt wird. Sobald man darüber nachdenkt, ist das ziemlich unheimlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das Projekt dann "In Times of Peace" ("In Zeiten des Friedens") genannt?

Zur Person
  • IOCOSE
    Matteo Cremonesi, 30, lebt in Italien und ist Teil der Künstlergruppe IOCOSE. Die vier Männer fanden 2006 in ihrem letzten Studienjahr in Bologna zusammen. Cremonesi studierte Kunstgeschichte, David Prati Informatik, Filippo Cuttica Interaction Design und Paolo Ruffino Semiotik. Bekannt wurden sie unter anderem mit dem "No Tube Contest" (2010), einem Wettbewerb für die wertlosesten Videos auf YouTube. Im Januar 2011 machten sie mit "Sunflower Seeds on Sunflower Seeds" auf sich aufmerksam, bei dem sie unerlaubt je einen Sonnenblumenkern auf die Sonnenblumenkern-Installation "Sunflower Seeds" von Ai Weiwei in der Londoner Tate Modern schnippten.
Cremonesi: Wir wollen keine Antworten geben, sondern den Leuten Zweifel einpflanzen. Bekommt ein praktisches Kriegsgerät menschliche Züge, denkt man anders darüber nach. Also fragten wir uns: Was macht eine Drohne, wenn sie nicht vom Menschen benutzt wird? Was tut sie in Zeiten des Friedens, wenn der Terror vorbei ist?

SPIEGEL ONLINE: Der erste Teil Ihres Projekt ist das Video einer Drohne, die einen 100-Meter-Sprint übt.

Cremonesi: Ich finde es spannend, eine Drohne beim Sport zu beobachten, weil sie sonst ja diejenige ist, die Menschen beobachtet.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheint sehr verbissen zu trainieren!

Cremonesi: Genau! Deswegen haben wir den Film "Drone+" genannt, denn sie überwacht ihre eigene Aktivität sehr streng mit der Trainings-App "Nike +". Auch in Friedenszeiten muss man fit bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Die Selfies zeigen die Drohne hingegen starr in verschiedenen Innenräumen.

Cremonesi: In Teil zwei unseres Projekts soll sich die Drohne entspannen und präsentieren. Sie will nun zu den Coolen gehören, da macht man Bilder von sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Sind das ebenfalls menschliche Züge?

Cremonesi: Wir haben jedenfalls tausende Selfies im Netz studiert und uns vor allem auf Instagram viele unbekannte Menschen angesehen. Die Hauptorte, an denen sie sich fotografierten, waren öffentliche Toiletten und Bars oder zu Hause. Unsere Drohne haben wir also an solchen Orten platziert.

SPIEGEL ONLINE: Besonders in einem normalen Umfeld wirkt die Drohne aber viel weniger menschlich.

Cremonesi: Oh ja, das stimmt! Das war nicht unser Plan, aber jetzt fällt es mir auch auf. Wir haben eher an das erste Mal gedacht, an dem die Drohne sich selber sieht, anstatt nur andere zu beobachten. Sich selbst zum ersten Mal im Spiegel zu erkennen, kann ein sehr unheimlicher Moment sein.

SPIEGEL ONLINE: Hm, würde Sie sich dann aber nicht eher im Spiegel begutachten, statt sofort ein Selfie zu machen?

Cremonesi: Stimmt. Aber Sie vergessen, dass Drohnen ja die ganze Zeit über filmen. Jetzt sieht sich eine eben zum ersten Mal selbst im Spiegel, steht einfach still und macht ein Foto von sich.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Bild von der Drohne selbst aufgenommen, oder haben Sie Photoshop bemüht?

Cremonesi: Wir haben alles tatsächlich genau so fotografiert, bei manchen Bildern allerdings später einen Filter darüber gelegt. Die Fotos zu machen, war sehr schwierig. Die Drohne hat keine hochwertige Kamera und steht nahezu nie still in der Luft. Sie ruhig zu halten, ist kompliziert.

SPIEGEL ONLINE: Mir fehlt eine Drohne mit klassischem Duckface.

Cremonesi: Mist, daran sollten wir arbeiten! Dabei haben wir an alle anderen wichtigen Details gedacht. Angefangen bei dem Format. Wir haben extra ein Quadrat gewählt, damit es an Instagram erinnert. Angelehnt an die Foto-Plattform haben wir auch die Filter benutzt und die Bilder jeweils als Hashtag betitelt.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie fotografiert?

Cremonesi: Ausschließlich an Orten in der norditalienischen Stadt Brescia. Echte Selfies sozusagen. Wir haben sehr viele Locations überprüft und uns dann für diese Auswahl entschieden (mehr dazu in der Fotostrecke).

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet?

Cremonesi: Ungefähr drei Monate. Zum ersten Mal haben wir im März darüber gesprochen, das Fotoshooting war dann im Juni. Seit Ende Juli zeigen wir die Bilder auf der Gruppenausstellung "3030_2.0 Art da Brescia" von Fabio Paris und Dario Bonetta.

SPIEGEL ONLINE: Und wie reagieren die Besucher auf die Fotos?

Cremonesi: Die Menschen in der Ausstellung - wie auch online - waren bisher sehr beeindruckt und überrascht. Viele dachten, es seien echte Selfies, die wir gesammelt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit der Reaktion zufrieden?

Cremonesi: Klar. Wir wollen jedem, den wir erreichen können, die Möglichkeit geben, seine Gedanken zu den Dingen zu ändern. Jeder von IOCOSE liebt Science Fiction. Wir sind aber nicht davon überzeugt, dass die Technologie einmal besser sein wird als wir Menschen und die Welt retten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie über die enge Zusammenarbeit jetzt eine besondere Beziehung zu Ihrer Drohne entwickelt?

Cremonesi: Ich liebe meine Drohne über alles! Nein, im Ernst: Die Arbeit war lustig, aber Drohnen sind schon sehr gruselige Gestalten.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
henrikw 07.08.2014
1. Es funktioniert!!!
"Cremonesi: Die Menschen sollen sich die Bilder ansehen und danach mehr Probleme haben, als sie bisher hatten." ich habe tatsächlich ein Problem mehr als vorher. Ich habe Minuten mit einem gähnend langweiligen Projekt verschwendet, dem das Label "Kunst" mit aller Gewalt aufgedrückt wurde, damit es nicht völlig belanglos ist.
was..soll..das?? 07.08.2014
2. Es nervt!:)
Also alles was ferngesteuert fliegt ist eine Drohne? Drachen für Kinder, der Spielzeug Helikopter oder quadrocoter bei toys r us? vielleicht sollte man Begriffe besser definieren. drohen sind im militärischen Sinne ferngesteuerte Geräte die aufklären und ggf. Ziele bekämpfen, das macht der toys r us quadrocoter für 6-12 jährige nicht!!!!....schon gar nicht bei einem selfie im Klo oder auch sonst wo!:) think about it!
euroman 07.08.2014
3.
Zitat von sysopIOCOSESie knipsen sich auf dem Klo oder im Schlafzimmer: Die Drohnen auf den Selfie-Fotos von Matteo Cremonesi posieren fast wie Menschen. Im Interview erklärt der Künstler, warum seine Drohnen cool sein wollen und wir uns fürchten sollten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/selfies-von-drohnen-cremonesi-der-kuenstlergruppe-iocose-im-interview-a-984473.html
Man mixe etwas Trend ("selfies"), zwei Teile Aufreger (Drohnen) und einen Schuss diffuser Ängste ("gruselig"), fertig ist der wohl fundierteste Beitrag zur Drohnenthematik, den die Welt je gesehen hat. Wenn das nicht die gesellschaftliche Debatte um Drohnen oder generell Hitech Ge- oder Mißbrauch insgesamt in ganz neue Bahnen lenkt, dann weiss ich auch nicht...
lupidus 07.08.2014
4.
mir kommt es vor als unterstellt der fotograf der drohne ein bewußtsein. so wie er davon redet... tja, drohnen werden derzeit hauptsächlich für die unschönen dinge des lebens benutzt. das traf früher auch mal auf messer, fahrzeuge, flugzeuge und nicht zuletzt internet und computer zu. heute hat sich das geändert. oder soll ich kein internet nutzen, weil die anfänge militärisch waren ? in einigen jahren werden wir wohl alles mögliche per drohne geliefert bekommen, die straßen werden entlastet usw. und man wird sich wohl fragen wie je jemand gegen drohnen sein konnte, wo die doch nützlich sind...
schmusel 07.08.2014
5. Von unsinnigen Assoziationen
Ich seh da nur ferngesteuerte Fluggeräte. Zuweilen auch Spielzeug genannt. Die haben einen Kamera. Na und? Damits spannend wird, nennt man sie "Drohnen" - und schon sollen sie Gefahr verströmen, die Aura der Killermaschine aufbauen. Dabei haben diese Geräte damit nichts zu tun. Auch Überwachung war und ist nicht auf Ferngesteuerte Modellflugzeuge in Form von Quadrocoptern angewiesen - es ist eben nur ein praktisches Anwendungsgebiet. Und jetzt kommen diese Künstler und verquicken die buzzwords "Drohne" und "selfie" zu einem langweiligen Projekt. Gott, wie einfältig die Gesellschaft mittlerweile geworden ist...
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