Nippes-Sammler Selim Varol: Himmler blieb im Zoll hängen

Von Karin Schulze

Er sammelt Manga-Püppchen ebenso wie Roboter und Nazis aus Plastik: Der 39-jährige Düsseldorfer Selim Varol hat die für seine Generation typische Leidenschaft für Street Art, Popkultur-Nippes und Obskures auf die Spitze getrieben - nun zeigt eine Berliner Ausstellung seine Riesensammlung.

Spielzeuge für Erwachsene gibt es viele: Modellflugzeuge, tolle Schuhe, olle Autos, junge Frauen. Für Selim Varol, 39, aber sind es - Spielzeuge.

Dabei war seine erste Sammlerkarriere, begonnen als Sechsjähriger, schon jäh abgebrochen, als er eines Mittags aus der Schule nach Hause kam: Fassungslos starrte er in sein Zimmer. Seine Mutter hatte alle seine Sammelfiguren, vor allem Superheroes und Figuren aus Star Wars, abgeräumt. Und weggeworfen.

Heute hat er Verständnis dafür. Seine Mutter hatte einfach angenommen, er sei zu groß dafür. Für den damals Zwölfjährigen war es eine Katastrophe. Aber selten war ein Erziehungsfehler so fruchtbar: Selim kompensierte den Verlust. Gründlich.

Er kaufte. Oft waren es nur billige Teile. Für eine Mark vom Ramschtisch bei Hertie: kleine Roboter aus Japan etwa. Bald aber kaufte er auch auf Floh- und Sammlermärkten. Heute hat er derart viele Figuren beieinander, dass er nur schätzen kann: 15.000 vielleicht.

Entdeckung in Tokio

Und zu den simplen Spielfiguren sind, seit er sie 1999 in Tokio entdeckte, die Designer-Toys hinzugekommen. Das sind speziellere, meist limitierte Figuren, die häufig von Künstlern gemacht werden, die in der Street-Art-Szene aktiv sind - nachdem er mit ihr in Kontakt gekommen war, begann Varol, auch deren Arbeiten zu sammeln.

An die 3000 Stücke seiner Sammlung sind jetzt im Berliner Ausstellungsraum Me Collectors Room versammelt. Dabei sind zahllose Figuren auf Sockeln und in Vitrinen und großformatige Werke von Street-Art-Größen wie Blek le Rat, der als der Urvater der Stencil Art (des Schablonen-Graffito) gilt. Oder von Shepard Fairey, der 2008 durch sein Obama-Plakat "Hope" Furore machte.

So kann Varol einen großen Teil seiner Kollektion auf einmal sehen und ist selbst ganz überwältigt. In seiner Düsseldorfer Wohnung hat er eine Wand für seine Leidenschaft. Vieles andere hat er eingelagert.

Im Toykio in Düsseldorf, einer Mischung aus Café, Toy-Shop und Galerie, bringt Varol zusammen, was er auf Reisen findet. Den Verdacht, da käme ihm die Ausstellung als Werbung für seinen Shop gerade recht, den lacht er einfach weg. "Nein, nein, nein. Das Toykio müssen Sie sich nicht als Profit-Unternehmen vorstellen. Ich bin schon froh, wenn die Miete wieder reinkommt." Wirklich wichtig seien ihm die ausliegenden Künstlerbücher, in denen jeder, der sich für Künstler wie JR, Phil Frost oder Banksy interessiert, schmökern kann.

Post aus China

JR, der im Rahmen der Berliner Schau im Juli die größte Wand in Berlin Mitte bespielt, kennt Varol persönlich. Bekannt ist JR für seine riesigen S/W-Fotoporträts, plakatiert etwa in einer Favela Rios. Bei einer JR-Ausstellung hat Varol seine Freundin kennengelernt. Im Juli werden sie heiraten. Und wenn sie dann Kinder haben? "Nicht mit der Kunst, aber mit den Figuren dürfen die dann selbstverständlich spielen. Ich bin nicht so ein Sammler, der alles in der Originalverpackung aufhebt, damit ja kein Stäubchen dran kommt. Gebrauchsspuren sind okay."

Einmal aber hat ihn sein Sammeln in Schwierigkeiten gebracht. Ein chinesischer Toy-Produzent hatte ihm einen kleinen Hitler zugeschickt - nach dem Motto "Sie leben in Deutschland, das interessiert Sie bestimmt". Als dieser wohlmeinend auch noch eine weitere Nazigröße hinterherschickte, blieb die Figur von Himmler im Zoll hängen und ein Mitarbeiter musste Varol am Rande einer geschäftlichen Besprechung verschämt informieren: "Wenn Sie die Sendung annehmen, wird gegen Sie wegen nationalsozialistischem Hintergrund ermittelt!"

In der Berliner Schau ist in einer Vitrine neben anderen Mördern und Diktatoren auch ein kleiner Hitler zu sehen, weil eben, so Varol, in den Kosmos der Toys nicht nur die Good Guys gehören. Den vom Zoll beanstandeten Vinyl-Himmler aber, den hat er damals doch zurückgehen lassen.

Art & Toys - Collection Selim Varol, 26. Mai bis 16. September im me Collectors Room, Berlin.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite