Sensationeller Kunstfund Das Geheimnis des doppelten Lieschens

Mindestens 350 Jahre lagerte die Mona-Lisa-Kopie in den Archiven des Madrider Prado. Erst jetzt haben Restauratoren festgestellt, dass die angeblich minderwertige Replik zeitgleich zum Original von einem Leonardo-Schüler gemalt wurde. Wie konnte die zweite Lisa so lange unentdeckt bleiben?

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Zum ersten Mal taucht die nun wiederentdeckte Replik im Jahre 1666 im Inventar des spanischen Königshauses auf. Und auch an den Wänden des Prado in Madrid hing die zweite Mona Lisa immer mal wieder. Bloß: Keiner hat sich für sie interessiert. Die Experten hielten sie für eine unerhebliche Kopie des berühmten Leonardo-Werks, entstanden irgendwann im 17. Jahrhundert, wahrscheinlich gemalt von einem flämischen Kopisten.

Der Grund für diese Einschätzung: Eine oberflächliche Untersuchung hatte ergeben, dass das Bild auf Eichholz gemalt worden war - und dieses Material wurde im Italien des 16. Jahrhunderts, also zur Entstehungszeit des Originals, nicht verwendet.

Doch auch Nichtexperten konnten der zweiten "La Gioconda", wie das Leonardo-da-Vinci-Gemälde offiziell heißt, nicht viel abgewinnen: Die Kopie machte einen traurigen, dunklen Eindruck - zumal statt der dramatischen, feinziselierten Küstenlandschaft, die den Hintergrund des Originals ziert, hier nur eine stumpfe, braunschwarze Farbschicht aufgetragen war. Offensichtlich hatte sich da jemand nicht viel Mühe gemacht.

Ein junges, frisches Gesicht

Eine krasse Fehleinschätzung, wie sich im vergangenen Jahr zeigte, als die Restauratoren sich das Gemälde für eine Sonderausstellung zum Werk Leonardo da Vincis nochmal etwas genauer vornahmen. Hinter verschmutzten Firnisschichten und Farbaufträgen fanden sie nicht nur einen Landschaftshintergrund, der dem Original frappierend ähnelte. Sie befreiten auch das Antlitz der schönen Florentinerin von entstellender Patina - und blickten plötzlich in ein junges, frisches Gesicht.

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Mona Lisas Double: Original und Kopie
"Wir können Lisa jetzt gleichsam von Angesicht zu Angesicht ins Auge sehen", urteilt Martin Bailey, Journalist des britischen Kunstmagazins "The Art Newspaper", der das zu 90 Prozent restaurierte Bild auf einer Konferenz in London als erster Medienvertreter zu Gesicht bekam. "Wir sehen ihre verführerischen Augen und ihr enigmatisches Lächeln viel deutlicher und sie sieht viel jünger und attraktiver aus als auf dem Original, das im Louvre hängt."

Was den Restauratoren aber vor allem Schauer über den Rücken jagte, war eine andere Entdeckung: Die Untersuchung ergab, dass der Untergrund des Bildes keinesfalls, wie bisher vermutet, aus Eichenholz ist. Der Kopist hatte auf Walnussholz gemalt - ein Material, das im Italien des 16. Jahrhunderts gerne verwendet wurde.

Glänzende Zukunft für die zweite Mona Lisa

War das Werk also eine frühe Kopie des berühmten Porträts? Ist es gar in der Werkstatt Leonardos entstanden? Hinweise darauf fanden die Experten des Prado über eine andere Untersuchungsmethode. Sie verglichen Infrarotaufnahmen des Gemäldes mit solchen des Originals, um die Vorzeichnungen und Übermalungen der beiden Mona Lisas analysieren zu können. Das Ergebnis war erstaunlich: Offensichtlich war der Kopist Leonardo da Vinci in den wesentlichen Schritten gefolgt. Er änderte und übermalte wo auch der Meister geändert und übermalt hatte.

Diese Erkenntnis lässt für Ana González Mozo, die die Untersuchung im Prado vorgenommen hat, nur einen Schluss zu: Das Bild muss parallel zum Original im Atelier Leonardos entstanden sein. Es ist also durchaus möglich, dass der Kopist beim Malen die reale Mona Lisa vor sich hatte - aller Wahrscheinlichkeit nach Lisa Gherardini, die Frau eines Florentiner Kaufmanns namens Francesco del Giocondo - die im Atelier Modell saß. Mozo erklärte in London, es handele sich um eine "Arbeit von hoher Qualität". Bruno Mottin, Chefrestaurator am "Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France" ist der Auffassung, dass es sich bei dem Kopisten um einen der beiden Lieblingsschüler Leonardos handeln muss: entweder der junge Andrea Salai war am Werk, der auch ein Geliebter des Meisters gewesen sein soll und die Mona Lisa nach seinem Tod erbte - oder Francesco Melzi, der erst ab 1506 im Atelier Leonardos arbeitete.

Sicher ist: Der wiederentdeckten und restaurierten zweiten Mona Lisa steht eine glänzende Zukunft bevor - und vielleicht stellt sie das Original auch eine Zeitlang in den Schatten, was das Publikumsinteresse angeht. Im Unterschied zur Louvre-Mona-Lisa kann die aus dem Prado mit frischem Teint und leuchtenden Farben aufwarten. Dass das Pariser Museum Leonardos Gemälde von den eingedunkelten Firnisschichten befreit, die "La Gioconda" im Original düsterer und älter wirken lassen, ist jedenfalls nicht zu erwarten. Die Mona Lisa ist nunmal das berühmteste Kunstwerk aller Zeiten - und daher zu wertvoll für die Restauratorenwerkstatt.

Das doppelte Lieschen wird sich dagegen bald in vollständig restaurierter Form zeigen: Der Louvre will sie Anfang März ausstellen. Und zwar nicht irgendwo, sondern direkt neben der Original-Mona Lisa, die ihre ältere Schwester sein könnte.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
tetaro 02.02.2012
1. ..
Zitat von sysopMindestens*350 Jahre lagerte die Mona Lisa-Kopie in den Archiven des Madrider Prado. Erst jetzt haben Restauratoren festgestellt, dass die angeblich minderwertige Replik zeitgleich zum Original*von einem Leonardo-Schüler gemalt wurde. Wie konnte die zweite Lisa so lange unentdeckt bleiben? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,812880,00.html
Das ist ja wie eine Zeitreise. Die Farben sehen aus wie aus einem Modemagazin von letzter Woche.
m.breitkopf 02.02.2012
2. Zeitreise, wie wahr!
Die neue Mona-Lisa sieht besser aus als die alte! Toll gemalt, soweit man das online beurteilen kann. Man fragt sich wer hier Meister und wer Schüler war! Vielleicht muss auch das berliner Bild von Melzi neu beurteilt werden.
Parvis 02.02.2012
3. Ein bisher noch
unbekanntes Werk von Kujau?
Tom Joad 02.02.2012
4. *
Zitat von Parvisunbekanntes Werk von Kujau?
Nein, der arbeitet gerade an Wulffs Tagebüchern.
Frietjoff 02.02.2012
5. Keine Kopie!
Wenn das alles so stimmt wie geschildert, ist das wieder entdeckte Gemälde doch keine Kopie – oder wie jetzt?
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