Podcast-Hit "Serial" "Ein Mensch wurde ermordet. Im wirklichen Leben"

Wurde ein Teenager zu Unrecht als Mörder verurteilt? Seit der Podcast "Serial" den Fall neu aufrollt, rätseln Millionen Zuhörer mit. Manche feiern die Sendung als Radio-Äquivalent von "True Detective", die Familie des Opfers aber protestiert.

Courtesy Serial

Von , Washington


Wenn es noch eines Beweises bedurfte für die Durchschlagskraft dieses Podcasts in Amerika, dann wurde er jetzt erbracht: In der vergangenen Folge hatten die "Serial"-Macher zu Spenden aufgerufen, falls die Zuhörer an einer weiteren Staffel, an einem neuen Fall interessiert sein sollten. Nur eine Woche später war genug Geld eingegangen.

Der Podcast hat schon jetzt Rekorde gebrochen. Mehr als fünf Millionen Menschen haben ihn allein über iTunes heruntergeladen. Noch nie ist auf der Apple-Plattform diese Marke in so kurzer Zeit erreicht worden. Zudem kann er über die App des Radio-Klassikers "This American Life" heruntergeladen oder auf der Website serialpodcast.org umsonst gestreamt werden.

Die Serie, im Oktober vom nicht-kommerziellen Radiosender WBEZ Chicago gestartet, hat sich zu einem journalistischen und popkulturellen Phänomen gleichermaßen entwickelt. Erzählt wird die Geschichte eines realen Mordes, geschehen am 13. Januar 1999 in einem Vorort der US-Ostküstenstadt Baltimore.

Es klingt wie ein Hörspiel

Das Opfer: die Schülerin Hae Min Lee. Der zu lebenslanger Haft verurteilte Täter: ihr damals 17-jähriger Mitschüler und Ex-Freund Adnan Syed. Es gab keine physischen Beweise, nur einen einzigen Belastungszeugen, Adnans Kumpel Jay. Der sagte aus, Adnan Syed habe Hae Min Lee am helllichten Tag aus Eifersucht im Auto erwürgt und dann ihn, Jay, zu Hilfe geholt, um die Leiche zu vergraben.

"Serial" rollt nun diesen Mordfall 15 Jahre später wieder auf: War Adnan Syed tatsächlich der Täter? Pro Folge wird ein jeweils neuer Aspekt beleuchtet. Alles mutet an wie ein Kriminalhörspiel, der Spannungsbogen, die eigens komponierte Musik. Nur: Es ist Realität. Im Januar wird sich ein Berufungsgericht in Maryland erneut mit dem Fall des mittlerweile 34-jährigen Syed beschäftigen. Es wird wohl seine letzte Chance auf vorzeitige Entlassung sein.

Der Kopf hinter "Serial" ist die Journalistin Sarah Koenig, die sagt, sie wisse selbst nicht, wie die Geschichte ausgehe. Sie pflegt einen bewusst subjektiven Erzählstil, lässt die Zuhörer an ihren Zweifeln, Rückschlägen und Fortschritten teilhaben, heißt: an ihrer Wirklichkeitskonstruktion. Sie denkt nicht nur laut über den Fall nach, sondern auch darüber, wie sie ihn wahrnimmt. Produziert wird Woche für Woche, "Serial" ist work-in-progress. Vielleicht würden es am Ende zwölf Folgen, heißt es. Vor zwei Wochen lief der neunte Teil, in dem die Hintergründe des Zeugen Jay erforscht wurden. Am kommenden Donnerstag, nach einer Thanksgiving-bedingten Pause, steht die nächste Folge an.

Darf man ein Fan von einem wahren Fall sein?

"Das erste Mal hat jetzt ein Radio-Podcast das geschafft, was wir bisher von TV-Shows wie 'Game of Thrones' oder 'True Detective' kannten", schreibt die "Washington Post": Eine Armada von Analysten und Hobby-Deutern diskutiert, bloggt, mutmaßt rund um die eigentliche Show. "Ein unwiderstehliches Konzept", urteilt der "New Yorker": Als ob ein kluger Freund einen Mordfall untersuche und einem davon berichte. Es gibt Klingeltöne fürs Smartphone mit der "Serial"-Melodie, Parodien auf YouTube, Podcasts über den Podcast, Debatten und Verschwörungstheorien auf Reddit. Es ist ein Hype.

Aber kann man wirklich "Fan" sein von dieser Story, von einer non-fiktionalen Kriminalermittlung? Geht das, ethisch? "Ein Mensch wurde ermordet. Im wirklichen Leben", schreibt Adrienne LaFrance im US-Magazin "The Atlantic": Sicher, auch zuvor habe es schon solche auf der Wirklichkeit beruhenden Serien gegeben, etwa in Tageszeitungen. Im Zeitalter des Internets aber fühle sich das anders an: Früher habe man in der Küche darüber diskutiert, heute publiziere jeder selbst. "Die Zuhörerschaft von 'Serial' produziert eigene Stories voller Spüreifer, Kritik und Verschwörungstheorien", so LaFrance.

Ja, sagt Julie Snyder, die Produktionsleiterin von "Serial", das alles sei "schon ein bisschen bizarr". Aufmerksamkeit und Reaktionen seien viel heftiger, als man sich das jemals habe vorstellen können. Und die Reaktionen beeinflussen die Geschichte. Denn die ist ja nie fertig.

Die vergangene Folge etwa begann damit, dass Sarah Koenig von einer Zuhörerin berichtete, die Entscheidendes zum Fall beizutragen hatte. Per Reddit meldete sich der mutmaßliche Bruder von Hae Min Lee: Man solle seine Familie bitte in Ruhe lassen, denn für die Zuhörer des Podcasts sei das alles vielleicht "eine weitere Kriminalgeschichte", für ihn aber sei es "das echte Leben". Koenig und ihre Mitstreiter sollten sich schämen: "Ich hoffe nicht, dass ihr jemals das durchmachen müsst, was wir durchgemacht haben und dann eure Geschichte an fünf Millionen Zuhörer rausgehauen wird."

Journalisten und Zuhörer als Voyeure, als Spanner? Ist solch eine Real-Life-Serie nur der neue Kick nach all den aufwendig produzierten, fiktionalen TV-Mehrteilern wie "Mad Men" oder "The Wire" (das ebenfalls in Baltimore spielt)? Und vor allem: Ist das, was Sarah Koenig da macht, noch Journalismus?

Ja, das ist es. Denn journalistisches Erzählen kann eben auch serielles Erzählen sein. Eine handwerklich gute Geschichte zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die Fakten stimmen, dass sie unterhaltsam ist, spannend. Und auch offen. Im Interview mit der "New York Times" sagte Koenig, sie spüre nicht die Verantwortung, für ein "perfektes Ende" der Geschichte zu sorgen, "wie das der Fall wäre bei einem TV-Drama".

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wanderer777 03.12.2014
1. So schafft man Bewusstsein
Ich finde es gut, das gerade für einen Fall, in dem jemand nur aufgrund von Indizien verurteilt wurde, ein grosses öffentliches Bewusstsein geschaffen wird - ob der Täter nun schuldig ist, oder nicht, wenigstens verstaubt der Fall dann nicht in irgendeinem Aktenschrank und kann - hoffentlich - aufgeklärt werden.
daniel_hübner 04.12.2014
2.
Zitat von wanderer777Ich finde es gut, das gerade für einen Fall, in dem jemand nur aufgrund von Indizien verurteilt wurde, ein grosses öffentliches Bewusstsein geschaffen wird - ob der Täter nun schuldig ist, oder nicht, wenigstens verstaubt der Fall dann nicht in irgendeinem Aktenschrank und kann - hoffentlich - aufgeklärt werden.
Der Mörder ist wegen einer Zeugenaussage verurteilt worden, nicht wegen Indizien ! http://de.wikipedia.org/wiki/Indiz http://de.wikipedia.org/wiki/Zeuge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.