Serie "Das Wort" Die und Wir

Das Wort "Populismus" hat Konjunktur. Es beschreibt eine politische Strategie, die dem Machtgewinn dient. Sein Merkmal: Die Ablehnung alles Intellektuellen.

Pegida-Kundgebung in Dresden
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Pegida-Kundgebung in Dresden

Von Jan Hedde


Ein Wort wie ein Fußtritt: Populist. Es ist Vorwurf, Warnung, Stigma. Populismus scheint auf dem Vormarsch, das Wort hat Konjunktur.

Zu Unrecht.

Der Begriff geht zurück auf das lateinische Wort populus, Volk. Er beschreibt einen umstrittenen Politikstil.

Populismus ist eine politische Strategie, die wie alle Strategien dem Machtgewinn dient. Sein Hauptmerkmal ist die Kritik am Intellektuellen und Politischen an sich. Damit wird Volksnähe dargestellt. Dabei sind Populisten nicht minder intelligent oder politisch als etablierte Politiker; sie vermarkten sich nur anders. Diese unpolitische Fassade wird ergänzt durch eine offen zur Schau gestellte Ablehnung der politischen Klasse. "Die da oben" sind Feindbild aller Populisten. Die Ungenauigkeit dieser Beschreibung ist erwünscht, weil Populisten Festlegungen meiden. "Die da oben" korrespondiert mit einem unausgesprochenen "Wir hier unten", das Nähe schaffen und Solidarisierung erzeugen soll.

Die Teilung in "Die" und "Wir" ist ein weiterer Charakterzug des Populismus: er polarisiert. Differenzierungen stören, weil sie intellektuell fordernd sind. Gegensätze müssen geschaffen, mindestens aber herausgearbeitet und überhöht werden; dies erzeugt Spannung. Die Ablehnung des Intellektuellen geht einher mit der Berufung auf Moral: das gesunde Volksempfinden, die wahren Werte, das ganze Abendland. Das Gefühl ersetzt die Vernunft. Leichtes Spiel hat Populismus mit der Angst, denn sie ist ungleich einfacher zu mobilisieren als zu nehmen. Populismus greift auf, was sich anbietet: Euro, Zuwanderung, TTIP, Genfood. Populismus ist keine Ideologie; er transportiert sie.

Nicht reden, sondern handeln

Die Sprache des Populismus ist eingängig, knapp und einfach. Seine Rede ist laut, seine Bilder sind grell. Populismus gebraucht keine Relativsätze.

Populismus kennt keine Zukunft; Populismus ist Reaktion auf Gegenwart, die stets als Krise empfunden wird. Das Versprechen des Populismus ist Aktion in Gestalt des Durchgreifens, des Aufräumens, des Durchsetzens. Demokratischen Gesellschaften mit ihren austarierten Rücksichtnahmen und vielfältigen Kontrollinstanzen ist ein Mangel an Handlungsfähigkeit eigen: Flughäfen werden nicht fertig, Flüsse nicht vertieft, Grenzen nicht geschützt, Autobahnen bleiben unvollendet. Das regt auf. Hier soll die starke Hand Fakten schaffen: nicht reden, sondern handeln, nicht fragen, sondern antworten. Keine Gewaltenteilung, sondern Gewalt. Verkürzung der Prozesse bis zum kurzen Prozess.

Der interessierte und informierte Bürger wird sich nicht auf populistische Personen und Parteien einlassen. Er wird erkennen, dass Differenzierung eine Notwendigkeit ist, Feindbilder schaden und Angst ein schlechter Berater ist. Für Parteien in Regierungsverantwortung ist Populismus problematisch: einerseits verführt die Einfachheit der populistischen Argumentation; andererseits sind komplexe Probleme nicht mit einfachen Mitteln zu lösen. Der Streit zwischen den Parteien ist asymmetrisch, weil den Populisten andere Mittel zur Verfügung stehen.

Der Begriff weist jedoch verschiedene Schwächen auf.

Zunächst ist Populismus ein Sammelbegriff. Er beschreibt kein einzelnes Phänomen, sondern mehrere Eigenschaften einer Strategie in Kombination. Allgemein gilt: je umfassender ein Begriff ist, desto unschärfer wird seine Bedeutung. Wörter wie "Strukturen" oder "Verhältnisse" zeugen davon, ebenso Konstruktionen wie "die Ordnung" oder "das System". Wer solche Wörter gebraucht, bleibt im Ungefähren.

Populismus von akzeptierten politischen Strategien abzugrenzen ist fast unmöglich. Dem populistischen "Grenzen dicht!" etwa steht ein "Wir schaffen das!" gegenüber. Beide Aussagen moralisieren, verkürzen unangemessen, sprechen im Imperativ und sind argumentationsfrei. Dass der eine Satz populistisch sei und der andere nicht, ist abstrakt nicht zu begründen. Politische Slogans zeichnen sich häufig durch Schlichtheit aus: "Denn eines ist sicher: die Rente", "Wachstum braucht Weitblick", "Weil jeder zählt: Das Ganze im Blick", um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Vorwurf des Populismus beinhaltet nicht nur, dass sich jemand einer Strategie bedient, die niedere Instinkte anspricht; sie impliziert auch das Vorhandensein dieser niederen Instinkte bei denjenigen, die den Populisten folgen. Diese mittelbare Aussage ist für die Anhänger einer populistischen Partei herabsetzend, selbst, wenn sie zutrifft. Wer vom "einfachen Volk" spricht, das den Populisten auf den Leim geht, braucht sich um Zustimmung dieses "einfachen Volkes" weiter nicht bemühen. Im Gegenteil wird, wenn Scham verbraucht ist, Trotz die bestimmende Reaktion sein.

Populismus existiert. Bekämpft wird er durch erfolgreiche Politik.

Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe "Terror", "Satire" und "Toleranz"

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
hwdtrier 29.05.2016
1. Populisten sind nicht gegen
Intellektuelle sondern gegen die Intelellen die unter dem Vorwand sie seien Intelektuelle die Meinungsvorherrschaft beanspruchen
mr._.hyde 29.05.2016
2. @1
niemand beansprucht eine sogenannte Meinungsvoherschaft. Es ist nur vielfach so, das seitens der Populisten, welche ihre Meinung öffentlich äußern, eine genauso öffentlicher widerspruch nur ungern gesehen wird. Häufig basiert dieser widerspruch auf fakten und Argumenten, welche die vermeintlich einfachen Lösungen als Augenwischerei entlarven. das stört den populisten und er fängt an jedwede kritik ala lügenpresse, Meinungsvoherschaft oder auch Einschränkung der Meinungsfreiheit durch das System zu verkaufen um jedwede Kritik pauschal zu verunglimpfen.
ke_karolus 29.05.2016
3.
Zitat: Diese beiden Absätze muss man dringend allen "etablierten" Parteien und noch mehr den Medien unter die Nase halten. Zur Zeit kommt keine Rede, kein Artikel, kein Fernsehbeitrag mehr aus ohne mindestens fünfmal das Wort "Rechtspopulisten" fallen zu lassen. Auch für nicht rechts Infizerte ist diese gebetsmühle inzwischen nur noch lästig. Bewirken wird es genausowenig wie das Gendergeschwätz a la "Bürgerinnen und Bürger".
Inbetween 29.05.2016
4. Man kann diese Taktik
auch "Popo-lismus" nennen, denn was dabei letztlich herauskommt, ist Pure Kacke.
SK3112 29.05.2016
5. Irrtum.
Zitat von mr._.hydeniemand beansprucht eine sogenannte Meinungsvoherschaft. Es ist nur vielfach so, das seitens der Populisten, welche ihre Meinung öffentlich äußern, eine genauso öffentlicher widerspruch nur ungern gesehen wird. Häufig basiert dieser widerspruch auf fakten und Argumenten, welche die vermeintlich einfachen Lösungen als Augenwischerei entlarven. das stört den populisten und er fängt an jedwede kritik ala lügenpresse, Meinungsvoherschaft oder auch Einschränkung der Meinungsfreiheit durch das System zu verkaufen um jedwede Kritik pauschal zu verunglimpfen.
Kommentare aus der Feder von Augstein jun., Kuzmany, Diez etc. haben Sie dann aber noch nie gelesen. Sie Glücklicher!
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