"House of Cards"-Original Der Teufel trägt Nadelstreifen

Die Konservativen als böse alte Männer: Das britische Original der Erfolgsserie "House of Cards" stammt aus einer Zeit, als die Linke noch Hoffnungsträger war - und Fernsehen die schmuddelige Schwundstufe des Kinos. Jetzt erscheint die BBC-Produktion in Deutschland.

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BBC/ Pandastorm

Damals, Ende der Achtziger, als Großbritannien seit mehr als einem Jahrzehnt von Margaret Thatcher regiert wurde, soll es sie noch gegeben haben, die klaren Feindbilder und die Hoffnung auf Befreiung von den grauhaarigen, graugesichtigen Strippenziehern in den Hinterzimmern der Macht. Eine Hoffnung, der Tony Blair seine Wahl zum Premierminister ebenso verdankte, wie später Gerhard Schröder das Kanzleramt, oder Barack Obama den Einzug ins Weiße Haus. Fast überall in der westlichen Welt trugen Idealismus und die Sehnsucht nach einem Stilwechsel eine Generation von vergleichsweise jungen Politikern ins Amt - die darauf folgenden Momente der Ernüchterung sind bekannt.

Dementsprechend ist es in der vieldiskutierten, US-amerikanischen Serie "House of Cards" kein Rechter, der als Inbegriff des skrupellosen Machtpolitikers auftritt, sondern der Demokrat Frank Underwood, dargestellt von Kevin Spacey. Der Schauspieler, der Bill Clinton gut kennt und sich von ihm womöglich mehr hat inspirieren lassen, als es dem Ex-Präsidenten lieb sein kann, spielt Underwood als Verkörperung all dessen, was enttäuschte Linksliberale ihren Volksvertretern vorwerfen könnten: machtgierig, prinzipienlos, grausam.

Und doch hat die Figur Underwood ihre Wurzeln im Thatcherismus: 1989 verarbeitete der Werbetexter Michael Dobbs seine Erfahrungen als Tory-Funktionär in einem Roman mit dem Titel "House of Cards". Der kam, leicht verändert, 1990 ins BBC-Fernsehen. Nun liegt die vierteilige Serie, Grundlage für die Neuverfilmung mit Kevin Spacey, auf DVD vor.

In Bett und Hinterzimmer

Es ist eine finstere, schmierige Welt, die das britische Original von "House of Cards" zeigt. Nichts hat sie vom kristallklaren, harten Ästhetizismus der von David Fincher produzierten US-amerikanischen Version aus den Jahren 2013 und 2014. Hier sehen Politiker noch so aus, wie sich die Wähler von Blair und Schröder eine überkommene Kaste vorgestellt hatten: Eine Riege älterer Herren in dreiteiligen Nadelstreifenanzügen, Krawattenmuster und Frisuren stammen aus der Zeit des Kalten Kriegs. Und Krieger sind sie ja allesamt, nur, dass ihre Scharmützel nicht in Schützengräben stattfinden, sondern in Hinterzimmern des Unterhauses, auf Parteitagen und, wenn es sich ergibt, im Bett. Sie sind allesamt konservativ. Lediglich in einer Episode tritt ein sympathischer junger Mann auf - er ist bei Labour.

Francis Urquhart, wie die Hauptfigur im britischen Original heißt, ist als Tory-Fraktionschef um eine Beförderung ins Kabinett betrogen worden. Nun nimmt er Rache und nutzt dabei seinen direkten Zugang zu den Medien: Er hat ein Verhältnis mit einer jungen Reporterin. Wenn sich bei der Neuverfilmung auch einige Namen, Nebenfiguren und Handlungsstränge geändert haben: Die Grundkonstellation der BBC-Serie ist die gleiche, einige Dialoge sind gar identisch. Auch den für Spacey typischen Kunstgriff, als Underwood die Zuschauer direkt anzusprechen, hat sein Vorgänger, der Shakespeare-Darsteller Ian Richardson, schon als Urquhart eingesetzt.

Doch so, wie das britische "House of Cards" von einem klassischen Fernsehsender ausgestrahlt wurde, die US-amerikanische Version hingegegen vom Internetanbieter Netflix gestreamt, zeigt sich auch in der Ästhetik der beiden Verfilmungen der Unterschied zwischen traditioneller Fernsehserie und moderner Serie.

Im Original von "House of Cards" gibt es weder Mobiltelefone noch E-Mails oder das Internet, das in der neuen Version eine entscheidende Rolle spielt. Aufgezeichnet wird mit Kassettenrecordern, auf den klobigen Bildschirmen der Personalcomputer flackern gelbe Buchstaben auf schwarzem Grund. Und doch sind es weniger derartige Details, die diese Serie antiquiert wirken lassen - sondern die schlichte Kameraführung, die primitive Ausleuchtung, das kaum vorhandene Make-up der Schauspieler. Bescheidene Stilmittel einer Zeit, als Fernsehunterhaltung noch die alltägliche, fast schmuddelige Schwundstufe der großen Kinoinszenierung war. Inzwischen hat die Serie das Kino abgelöst. Doch egal, ob sie wie "Downton Abbey" im frühen 20. Jahrhundert spielt oder wie "Mad Men" in den Sechzigern - so historisch wie das Original von "House of Cards" wirkt keine. Dafür sind sie einfach zu perfekt.

Auch David Finchers "House of Cards"-Version ist hervorragend inszeniert und zudem eine brillante, zeitlose Darstellung der Prozesse von Machtgewinnung und Machterhalt. Wenn auch der Drehbuchautor Andrew Davies an beiden Versionen beteiligt war: Eine derartige analytische Schärfe dürfte die BBC 1990 nicht angestrebt haben. Dafür ist die Geschichte um Urquhart viel zu überkandidelt, fast satirisch inszeniert - und die Hauptfigur ein Abbild alter Urängste. Urquhart wirkt, wenn nicht wie der Leibhaftige, so doch zumindest wie ein Vampir. Underwood hingegen trotz aller Untaten undämonisch, eigentlich sympathisch.

Aber wie sagte dessen Darsteller Kevin Spacey schon in "Die üblichen Verdächtigen"? Der größte Trick des Teufels ist der, die Menschheit glauben zu lassen, dass er gar nicht existiert.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
hartmannulrich 27.03.2014
1. Es lebe das Original
Ich wundere mich über diesen Artikel: zum einen, weil ich die Originalserie schon seit Jahren auf DVD besitze, zum anderen weil für den Verfasser die neunziger Jahre irgendwo in grauer Vorzeit zu liegen scheinen. Vor allem aber, weil ich mir nicht erklären kann, wie man ausgerechnet bei dieser Serie auf den Gedanken kommen kann, das Fernsehen sei damals eine schmuddelige Vorstufe des Kinos gewesen. "House of Cards" ist Theater mit anderen Mitteln und heute noch so faszinierend wie am ersten Tag.
Am_Rande 27.03.2014
2. Britannia, Du hast es besser!
Ja, man merkt, dass die Briten verstanden haben, dass *Politik ein schmutziges Geschäft* ist und Politiker nur eines wollen: *Macht!* "Yes, Minister"; "House of Cards", "The Thick of It" - alle diese Serien zeigen, wie Politik funktioniert - im besten Fall ist sie *blauäugig und inkompetent*, in den meisten Fällen aber *korrupt und verkommen*. Was aber kriegen die *braven, staats- und politikgläubigen Deutschen* zusammengestümpert, wenn es um politische Satire geht? Das *"Kanzleramt"* im ZDF - mit "unserem Lehrer Doktor Specht" und *soo grottenschlecht*, dass es selbst dem ZDF auffallen musste und die Serie vorzeitig abgebrochen wurde... Britannia, Du hast es besser!
Kri Chan 27.03.2014
3.
Ich darf meinem Vorschreiber absolut Recht geben und muß noch eins drauf setzen: Ian Richardson aka Francis Urquardt ist zig mal besser als der auch noch supergute Kevin Spacy aka Francis Underwood. Und ich finde, dass die Original-Serie einfach mehr Spaß macht, denn die Bösen sind böser und gewitzter.
maierii 27.03.2014
4. Eine fantastische Serie
im Original. Wäre schön wenn die Fortsetzungen auch erscheinen.
"Armenhaus" 27.03.2014
5. Vierteljahrhundert
Ein Vierteljahrhundert später wissen wir dass es doch noch schlimmer kommen kann!
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