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03. April 2009, 14:02 Uhr

Sex-Aufklärer Oswalt Kolle

"Alte Menschen wollen nicht nur vanilleschaumartigen Klöppelsex!"

Dr. Sex, Liebes-Guru, Orpheus des Unterleibs - das sind nur einige der Namen, mit denen man Oswalt Kolle belegt hat. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Aufklärungspionier über zurückgebliebene Männer, die Gefahr von Pornos und Sex im Alter.

Kolle: Wo wollen wir's machen?

SPIEGEL ONLINE: Äh, auf dem Sofa vielleicht?

Oswalt Kolle lässt sich behände auf das Sofa seiner Suite im Hamburger Madison Hotel nieder und lacht über den gelungenen Scherz.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kolle, seit 50 Jahren beschäftigen Sie sich ausschließlich mit Sex, wird das nicht irgendwann langweilig?

Kolle: Das ist mein Thema, in dem bin ich zu Hause. Ein Arzt hat ja auch nicht irgendwann genug von Menschen und will lieber Tiere behandeln.

SPIEGEL ONLINE: Sex ist heute in der Werbung und den Medien allgegenwärtig. Woran liegt es, dass die Menschen davon nie genug bekommen können?

Kolle: Sex ist eine Naturkraft, an der sich schon alle möglichen Regierungen und Religionen abgearbeitet haben. Vor allem die katholische Kirche und die Nazis haben versucht, sie einzudämmen. Noch heute müssen wir erleben, wie der Papst wie ein kolonialer Herrscher mit der Bibel in der Hand den Afrikanern sagt: Nehmt keine Kondome! Sterbt mal schön!

SPIEGEL ONLINE: In den sechziger Jahren, als Sie zum Aufklärer der Nation wurden, war Sex ein öffentliches Tabu.

Kolle: Das war vor allem eine absolut frauenfeindliche Zeit, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ende der fünfziger Jahre wussten 90 Prozent aller Frauen nicht, wie viel ihre Männer verdienten. Außerdem hatten die Männer das Recht, über den Aufenthaltsort der Familie, die Erziehung der Kinder und darüber, ob die Frau arbeiten darf, zu bestimmen. Es war eine reine Männergesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Bis ins Bett hinein?

Kolle: Auch im Bett hatten die Frauen zu gehorchen und ihre eheliche Pflicht zu erfüllen. Die war einklagbar. Wenn sie sich zu viel bewegten, waren sie nuttenhaft, wenn sie sich überhaupt nicht bewegten, frigide. So war die Zeit, und da habe ich eingegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen hat sich in puncto Gleichberechtigung einiges getan, Frauen sind auch sexuell selbstbewusster geworden. Kommen die Männer dieser Entwicklung überhaupt noch hinterher?

Kolle: Ich habe immer wieder gesagt: Männer, ihr müsst euch ändern, sonst steht ihr in 20 Jahren mit dem Rücken an der Wand! Und die Männer, die das nicht getan haben, haben heute tatsächlich Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Haben Männer Angst vor emanzipierten Frauen?

Kolle: Manche Männer haben noch immer nicht begriffen, dass völlige Gleichberechtigung die Grundlage für eine Beziehung ist. Wenn mir einige erzählen, sie hätten Orgasmusschwierigkeiten, wenn die Frauen sexuell fordernd sind, dann sage ich: Freut euch doch! Da haben wir immer darauf gewartet, dass die Frauen ihre Lust zeigen. Das ist ein endloser Diskurs zwischen Männern und Frauen, wir müssen uns irgendwo einpendeln. Und dieses Einpendeln nenne ich Aufklärung. Aufklärung ist ja nicht, dass ich erkläre, wie man das Ding reinsteckt. Sie besteht aus Information, Diskussion, miteinander reden. Miteinander aushandeln, was beide eigentlich wollen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Sex durch mehr Gleichberechtigung und größere Offenheit auch besser geworden?

Kolle: Ja. Wir haben eine viel größere Anzahl von Orgasmen bei Frauen, in Westdeutschland lag die Rate lange nur bei zehn bis 15 Prozent, in der DDR hingegen bei 54 Prozent, weil sie dort viel gleichberechtigter waren. Da müssen wir hin!

SPIEGEL ONLINE: Setzt die Pornografisierung der Gesellschaft die Menschen nicht unter enormen Leistungsdruck?

Kolle: Bei unserer großen Umfrage für den "Sexreport 2008" für ProSieben haben wir festgestellt: Männer und Frauen, die im Internet oft Pornos gucken, neigen dazu, zu denken, dass ihr Partner sie mit dem Dargestellten vergleicht. Das ist eine gefährliche Haltung. Man muss schon den ganz jungen Leuten sagen: Pornos sind Märchen für Erwachsene, die mit der Realität nichts zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Charlotte Roches explizitem Roman "Feuchtgebiete"?

Kolle: Nachdem ich das Buch gelesen hatte, wollte ich mindestens 14 Tage keinen Sex mehr. Sie empfindet Sexualität offenbar als etwas Schmutziges.

SPIEGEL ONLINE: Es geht ihr wohl vor allem darum, den herrschenden Hygienewahn, der auch den Sex beeinflusst, anzuprangern.

Kolle: Das ist mir entgangen. Ich nehme es für bare Münze, dass für sie Sexualität wie eine aufgestochene Eiterblase ist. Ekelhaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im vergangenen Jahr 80 geworden und immer noch sexuell aktiv. Warum ist Sex im Alter nach wie vor ein Tabu?

Kolle: Eben weil die Gesellschaft immer älter wird und dagegen wehrt sie sich verzweifelt. Jugendlichkeit gilt als schön, Sex wird mit ihr assoziiert. Außerdem haben selbst die aufgeklärtesten Menschen Schwierigkeiten, sich ihre eigenen Eltern im Bett vorzustellen. Meine Eltern tun so etwas nicht, heißt es dann. Und Opa und Oma tun so etwas auch nicht, die sitzen auf einer Parkbank und singen Volkslieder, aber sie treiben sich nicht im Bett herum.

SPIEGEL ONLINE: Da die Menschheit immer älter wird, wird Sex zukünftig eine untergeordnete Rolle spielen?

Kolle: Für die Menschen, für die Sex immer wichtig war, bleibt er auch im Alter meist wichtig. Sexologen geben den Rat, ihn nicht einschlafen zu lassen. Use it or lose it, darum geht es. Es ist wichtig, auch auf körperlicher Ebene miteinander zu kommunizieren und sich nicht von jungen Leuten erzählen zu lassen, dass das nichts für Ältere ist.

SPIEGEL ONLINE: Verändert sich der Sex im Alter?

Kolle: Er wird weniger und dauert manchmal länger, aber sonst ist er nicht anders. Es ist Quatsch, dass ältere Menschen nur noch vanilleschaumartigen Klöppelsex wollen. Meine Freundin ist fast 70, die würde mir was Husten, wenn ich der nur ein bisschen auf dem Körper rumspielen würde. Die will schon richtigen Sex.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei der Sexualität so etwas wie ein Grundwissen oder muss jede Generation sie für sich neu entdecken?

Kolle: Das muss jede Generation für sich neu erobern, und ich finde es erschreckend, wie wenig junge Leute heute wissen. Sie tun nur so, als wüssten sie alles. Mädchen haben wieder Pilzerkrankungen, weil keine Kondome mehr benutzt werden oder sie teilen sich mit ihrer Freundin die Pille und wundern sich dann, dass sie schwanger sind. Die einzige Aufklärung, die sie bekommen, kommt aus der "Bravo", von einigen frauenfeindlichen Rappern oder aus Pornos.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Kolle: Die Eltern klären nicht mehr auf, und die Schulen auch nicht. In Großstädten haben wir das Problem, dass vor allem Eltern von muslimischen Jugendlichen absolut nichts damit zu tun haben wollen.

SPIEGEL ONLINE: In den USA werden Bewegungen, die propagieren, keinen Sex vor der Ehe zu haben, immer stärker. Erleben wir da einen Rückschritt?

Kolle: Es gibt ein breites Spektrum von Menschen, die Sexualität schön finden und auch darüber reden wollen, aber an den Rändern gibt es Extreme. Die Exzessiven auf der einen Seite, die Gruppensex und was weiß ich machen. Und auf der anderen Seite die "Wahre Liebe wartet"-Leute. Die sind genauso extrem. Ich habe mich erst neulich mit einem katholischen Vertreter dieser Bewegung gestritten. Mir ging es gar nicht um die moralische Komponente. Mich regt auf, dass die so einen mechanischen Begriff von Sexualität haben. Wie man fühlt, wie das aussieht und riecht, das interessiert die überhaupt nicht. Die denken, egal, wen man heiratet, das klappt dann schon im Bett. Als wären Partner zwei Holzpuppen, die ineinandergeschoben werden müssen und Sex nur ein Rein und Raus. Das ist unmenschlich und brutal.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben immer die Rolle der Liebe beim Sex betont. Herrscht heute weniger Intimität?

Kolle: Ich bin immer ein Romantiker gewesen. Doch es gibt Leute, die behaupten, heute gäbe es weniger Intimität oder Sehnsucht danach. Aber das stimmt nicht! Die meisten Menschen sehnen sich nach einem Partner, mit dem sie alt werden können. Mindestens zweimal im Jahr bekomme ich eine Anfrage zum Thema "Treue ist wieder in". Das ist doch Quatsch! Junge Leute waren immer moralisch rigide. Bis zum Mord aus Eifersucht!

SPIEGEL ONLINE: Uns steht also keine neue sexuelle Revolution bevor?

Kolle: Schon in den sechziger Jahren war das keine Revolution, sondern eine Evolution. Es war eine notwendige und gute Entwicklung, die mit Übertreibungen, Experimenten und Rückschlägen verbunden war. Natürlich sind die Menschen damals genauso wie heute irgendwelchen Trends gefolgt, was sie besser hätten bleiben lassen sollen. Sie haben zum Beispiel wilde Sexorgien gefeiert und hatten danach fürchterliche Schuldgefühle. Aber insgesamt kann Sexualität heute angstfreier erlebt werden. Trotzdem wird sie immer etwas Romantisches, sehr Menschliches bleiben.

Das Interview führte Jenny Hoch


Zuletzt sprach Oswalt Kolle auf dem Körber-Forum über die Zukunft der Sexualität. Informationen gibt es auf der Website der Körber-Stiftung

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