Sex-Performance in München Das Klagen beim Stöhnen

Das Berliner Performancekollektiv She She Pop hinterfragt in München unsere Vorstellungen von Sexualität: "50 Grades of Shame" mixt Skandaldrama mit dem Sadomaso-Bestseller. Eine eher abtörnende Aufklärungsstunde.

Judith Buss

Von Bernd Noack


War das nun wirklich das, was wir schon immer über Sex wissen wollten? Trauten wir uns einfach nicht zu fragen, was die tödlichen erotischen Nöte junger Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts zu tun haben mit den freiwillig windelweich geklopften Körpern von heutigen Großstadtmenschen? Man muss da erst einmal drauf kommen: Das Berliner Performance-Kollektiv She She Pop verschränkt Frank Wedekinds einst gesellschaftserschütterndes Skandaldrama "Frühlings Erwachen" mit dem sprachlich erschütternden Sadomaso-Bestseller "Fifty Shades of Grey" (bei dem nur skandalös ist, dass er sich millionenfach verkaufen ließ) und bringt diese gewagte Melange zusammen mit Ensemblemitgliedern der Münchner Kammerspiele als eine Art Aufklärungsrevue mit lebenden Bildcollagen auf die Bühne.

Ein unterhaltsam provozierender Diskurs über den rechten Sinn von Scham und den falschen Stolz auf Schamlosigkeit hätte das wohl werden sollen und stellte sich dann doch als - wie man hier im Süden sagt - eher g'schamiges Allerlei heraus. Im Foyer der Kammerspiele stand zwar ein Schild, auf dem empfohlen wurde, über 16 Jahre zu sein, drinnen gab es dann aber doch nur ab und an einen Busen oder ein männliches Glied zu sehen, und zu hören waren nur ein paar welke Anzüglichkeiten, wie man sie von vielen Toilettenwänden kennt.

Zerwühlte Betten, verschwitzte Nächte

Ansonsten ist das (aus Improvisationen entstandene) Stück "50 Grades of Shame" textlich ein ziemlich wirres Durcheinander von Schnipseln und Gedanken aus den beiden so unterschiedlichen literarischen Werken, aufgepimpt mit persönlichem Erfahrungsschatz aus den zerwühlten Betten und verschwitzten Nächten der Mitwirkenden. Die Grenzen zwischen Theater und dem Zurschaustellen der eigenen Befindlichkeit waren bei She She Pop ja schon immer erfolgreich fließend. Und so trifft die Szenetruppe, die es längst in die großen Häuser geschafft hat, mit dem Sexthema natürlich mitten in Herz und Hypophyse ihres Publikums.

Denn wer wüsste nicht zu klagen beim Stöhnen? Zu jammern über dieses ewige Gewürge der Gefühle, über den Emotionsschwurbel nach One-Night-Stands? Wer kennt sie nicht, diese verdruckste Sehnsucht nach dem mal ganz anderen sexuellen Kick? Und die Frage, ob die Haut nur das Streicheln oder auch das Züchtigen aushält, hat sich so mancher sicher schon insgeheim mal gestellt. So gesehen, hat sich seit Wedekind nicht viel geändert, wie überhaupt der Umgang mit erotischen Wünschen heute keineswegs freier, unverkrampfter und natürlicher ist als zu Kaisers Zeiten, nur weil die gewünschte Erotik überall frei zu haben ist. Man ahnt ein wenig, worauf She She Pop hier eigentlich hinauswollten: Sie plädieren für einen selbstbewussten, selbstbestimmten und - wenn es sein muss - selbstbefriedigenden Umgang mit dem eigenen Körper und der Sexualität in jedem Alter.

Nur klingt das von der Bühne herab mal wie eine satirische Donnerpredigt, mal putzig wie in der Sesamstraße, und sinkt schon auch mal auf heiter-zotiges Herrenabend-Niveau ("Es wird nur angeblasen"). Irgendwo zwischen schwüler Romantik und hart im Nehmen und Geben, zwischen absurder Ekstase und gespieltem Orgasmus, zwischen Küssen und Bissen liegt sie wohl, die erotische Wahrheit. Doch die vier Frauen und vier Männer in ihren wechselnden Rollenspielen können sich noch so abmühen, sie landen immer wieder bei Klischees und vor dem Spiegel, in dem sie unzufrieden ihre Körper nach den Spuren der Lust absuchen.

Ungeahnt komische Effekte

Diese Körper aber - und das ist letztlich die Hauptattraktion des Abends - sehen wir in den ulkigsten Verfremdungen. Es gibt diese Kinderbilderbücher, deren Seiten aus drei klappbaren Teilen bestehen: oben der Kopf, in der Mitte der Rumpf, unten die Beine, und so kann man sich unendlich viele haarsträubend schräge Typen zusammenblättern. Nach diesem System werden bei She She Pop mit der Kunst des schwarzen Theaters ständig wechselnde lebende Figuren auf zwei Leinwände projiziert. Das geht ziemlich perfekt und bringt ungeahnte komische Effekte, wenn Männerköpfe auf nackten Frauenkörpern stecken und unten behaarte Beine baumeln. Baumeln kann auch ein männliches Teil, während oben ein junges Mädchen frivole Sätze spricht und der restliche Körper einer sittsam gekleideten Dame gehört. Bis zur surrealistischen Apokalypse wird das getrieben: Die Gliedmaßen werden selbstständig, aus gerade noch begehrter Schönheit schält sich ein Totengerippe...

Vielleicht will man uns damit sagen, dass unsere Identitäten ja gar nicht eindeutig und auf jeden Fall endlich, dass wir ein Produkt aus ganz verschiedenen menschlichen Eigenschaften und Vorstellungen sind und es eben nichts eindeutig typisch Männliches oder Weibliches in uns gibt? Mag schon sein, aber letztlich wirkt diese Show der gepuzzelten Körper doch nur nett zirzensisch und lenkt vollends vom blassen Inhalt ab. Und nach einer selbsterfahrungstherapeutischen Tanzeinlage des Ensembles schließt diese abtörnende Aufklärungsstunde endlich mit einer Erkenntnis: Sex wird völlig überbewertet. Auch keine ganz neue Erkenntnis.


50 Grades of Shame. Münchner Kammerspiele, nächste Vorstellungen am 6., 12. und 16.3., Tel. 089 23 39 66 00

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
mmayr 07.03.2016
1. Nett
Und das ist wohl das schlimmste was man über ein Theaterstück sagen kann. Diese Art von Aufklärung erwartet man sich nicht gerade als Kammerspiel Theater Gänger. Ich muss der Kritik (leider) voll und ganz recht geben.
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