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Sex-Talk bei Maischberger: Im Gruselkabinett der Dr. Sandra M.

Von Reinhard Mohr

Eizellen auf Eis, Samenbanken in Dänemark: Bei Sandra Maischberger debattierten 50-jährige Mütter und impotente Männer über die Fortpflanzung per Reagenzglas und Pinzette. Deprimierendes Fazit: Die zweite sexuelle Revolution hat mit Lust nichts zu tun.

Über Masturbation wurde nicht geredet. Dabei ist die sexuelle Selbstbefriedigung, folgt man dem langjährigen Experten Woody Allen, nichts weiter als Sex mit jemandem, den man wirklich mag. Kommt eine zweite Person hinzu, wird es schon kompliziert. Wie kompliziert, das zeigte sich in Sandra Maischbergers Talkrunde zum Thema "Pille, Viagra und Designerbabys – kommt die zweite sexuelle Revolution?" Nachdem das Gespräch um 0.16 Uhr beendet war, drängte sich ein erster Eindruck auf: Mit Lust hat sie jedenfalls nichts mehr zu tun.

Talkgäste Marx und Djerassi: Sex und Zeugung trennen sich
WDR

Talkgäste Marx und Djerassi: Sex und Zeugung trennen sich

Sex, Drugs und Rock'n'Roll – das war gestern. Morgen – das ist In-Vitro-Fertilisation, Fremdeibefruchtung, Leihmutter, Samenbank und Eizelle auf Eis, Mütter als Großmütter ihrer selbst, impotente Männer in der Selbsthilfegruppe "Erektile Dysfunktion" und Genanalyse am befruchteten Ei: eigentlich ein "Gruselkabinett", wie es der Moderatorin einmal selbst kurz entfuhr.

Die Schöne Neue Welt des Sex, wie sie sich in solch realen Szenarien zu entfalten scheint, zeigte sich in der Fernseh-Sprechstunde von Dr. Maischberger allerdings recht brav und ansehnlich. Felicitas Schirow, eine attraktive 50-Jährige, berichtete eloquent vom Zustandekommen ihres gerade acht Wochen alten Babys. Zu dritt, die fremde Ei-Spenderin inklusive, sei man nach Tschechien gereist, wo das vom Lebensgefährten befruchtete Ei in die Gebärmutter eingesetzt wurde. Anders sei der lebenslange Kinderwunsch nicht erfüllbar gewesen.

Die lesbische Isabella Manuela Torelli und ihre Lebensgefährtin dagegen brauchten einen anonymen dänischen Samenspender, um ihrem "Triebschicksal" ein Schnippchen zu schlagen und den gleichfalls intensiv gehegten Kinderwunsch verwirklichen zu können. Nur nach dem Vater darf der Nachwuchs nicht fragen, denn der wird für immer unsichtbar und abwesend bleiben. Dafür gibt es jetzt gleich zwei Muttis.

Günther Steinmetz, Gründer einer Selbsthilfegruppe, hat da ganz andere Probleme: Schon an der Quelle ist der Wurm drin. "Erektile Dysfunktion", vulgo Impotenz, verhindert bei vielen Männern, dass es überhaupt zum erfolgreichen Austausch von einschlägigen Körperflüssigkeiten zwischen Mann und Frau kommt. Ein durchaus altes Thema in Zeiten der literarischen Feuchtgebietsbetrachtung, in denen es keine Unschuld mehr gibt, wenn von Nassrasur die Rede ist.

Dr. Gabriele Marx war das alles ziemlich fremd und zuwider. Sie beharrte auf den biologischen Grenzen, die die Natur seit jeher setzt, einschließlich der außergewöhnlich langen "Brutpflege" der menschlichen Nachkommen, vergleiche man sie mit kleinen Eisbären oder Singvögeln. Dies war nun leichtes Spiel für den Chemiker Dr. Carl Djerassi, 84, der einst die "Pille für die Frau" vulgo "Antibabypille" erfunden hat. Was heiße hier Biologie? Binnen eines Jahrhunderts habe sich durch wissenschaftliche, ökonomische und kulturelle Errungenschaften das durchschnittliche Lebensalter verdoppelt. So sei es nur normal, dass sich der weibliche Gebärzeitraum im Mittel um fünf bis zehn Jahre nach hinten verschoben habe.

Seine These verlieh der Sendung immerhin den dünnen roten Faden: Sex und Fruchtbarkeit, so Djerassi, trennten sich zunehmend. Nachdem die Pille seit Jahrzehnten die sexuelle Befriedigung von der geschlechtlichen Zeugung gelöst habe, gehe es nun, andersherum, immer mehr um die Zeugung ohne Sex. Der Begriff des "Geschlechtsverkehrs" bekommt so eine ganz neue, eigenartige Konnotation. Immer häufiger wird nun mit Reagenzglas und Pinzette hantiert statt mit den seit alters her bekannten primären Geschlechtsorganen.

Djerassi sieht das durchaus als Fortschritt, nicht als Bedrohung. Und tatsächlich könnte man ebenso gut darauf verweisen, dass im Mittelalter die Natur schwindsüchtigen und anderweitig kranken Menschen weit vor dem 40. Lebensjahr biologische Grenzen aufgezeigt hat, die heute niemand mehr fraglos akzeptieren würde.

Gleichwohl ist die Furcht vor einer "kalten, lieblosen Welt", wie sie die "ganzheitlich denkende" Ärztin Gabriele Marx (die auch die Pille nicht mehr verschreibt) aufscheinen sieht, nicht ganz absurd. Allerdings reicht schon das Stichwort "Amstetten", um daran zu erinnern, dass allein die Tatsache einer körperlich authentischen Sexualität mit natürlicher Fruchtbarkeit keineswegs vor dem schlimmsten Horror schützt. Das Böse ist eben immer auch biologisch nebenan. Die Triebnatur ist nicht unschuldig.

So blieb nicht nur der ermattete Fernsehzuschauer zu später Stunde ein wenig ratlos zurück. Es ist schon vertrackt: Einerseits verschafft der wissenschaftlich-technische Fortschritt, wie eh und je, immer neue Optionen der Selbstverwirklichung – andererseits ist man selbst ziemlich froh, dass man Mama und Papa noch in echt hatte statt im anonymen Operationssaal einer globalisierten Welt zusammengebraut zu werden, während die Pharmaindustrie weiter an der "Härte der Erektion" à la Viagra plus forscht.

Lust auf Zukunft? Eher Fehlanzeige.

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