Prostitutionsdebatte "Sexarbeiterinnen sind unsichtbar"

Prostituierte werden von der Gesellschaft ignoriert oder gar geächtet. Margarita Tsomou will das ändern. In der Konferenz "Fantasies That Matter" lässt die Kulturwissenschaftlerin Frauen zu Wort kommen, die sonst keiner hören will.

Ein Interview von

Liad Hussein Kantoworicz

Die Große Koalition will das Prostitutionsgesetz von 2002 verschärfen. Das Gesetz gilt als eines der liberalsten in Europa, es erkennt Sexarbeit, die bis dahin als sittenwidrig galt, als Dienstleistung an. Prostituierten ist es seitdem möglich, sich in der Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung anzumelden. Kritiker monieren hingegen, das Gesetz habe den Menschenhandel befeuert und Deutschland zum größten Bordell Europas gemacht.

Mit der Überarbeitung des Gesetzes sollen Frauen nun besser vor Menschenhandel und Zwangsprostitution geschützt werden, etwa durch verbesserte Kontrollmöglichkeiten. Zudem soll es schärfere Auflagen bei der Genehmigung von Bordellen geben. Die Journalistin und Mitherausgeberin des "Missy Magazine", Margarita Tsomou, hat die Debatte zum Anlass genommen, um eine Konferenz dem Thema zu widmen. Sie will dazu anstoßen, über das gesellschaftliche Bild der Prostituierten nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Tsomou, mit der Konferenz "Fantasies That Matter" klinkt sich das "Missy"-Magazin in die Debatte um das Prostitutionsgesetz ein und will den Fokus auf Frauen und Männer richten, die in dem Gewerbe arbeiten. Warum ist das nötig?

Tsomou: Als Journalistin, Feministin und Macherin von "Missy" habe ich festgestellt, wie schwer es ist, mit dem Thema umzugehen, weil es sehr komplex und emotional stark aufgeladen ist. Als die Debatte um Sexarbeit im vergangenen Jahr ausgebrochen ist, dachten wir in der Redaktion auch zunächst, wir könnten die perfekte Position dazu ausarbeiten und sagen, welche Einstellung dazu die richtige ist.

  • Missy Magazine
    Margarita Tsomou wurde 1977 in Thessaloniki/Griechenland geboren. Sie ist Mitherausgeberin des "Missy Magazine", schreibt für Print und Radio und arbeitet als Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Performerin in Hamburg und Berlin. Als Kuratorin realisierte sie zusammen mit dem künstlerischen Mitarbeiter und Theaterwissenschaftler Eike Wittrock des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel in Hamburg die Konferenz "Fantasies That Matter".
SPIEGEL ONLINE: Und?

Tsomou: Das ist nicht leicht, denn die Faktenlage ist sehr dünn. Und wenn die Gesellschaft über Sexarbeit diskutiert, dann geht es meist um Moral.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran falsch?

Tsomou: Es geht doch um viel mehr. Wir weißen Mittelschichtsfrauen können die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern doch gar nicht bewerten. Wir müssen anders an das Thema herangehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Tsomou: Indem wir den Blick auf Vorstellungen richten, die unser Denken über die Sexarbeit bestimmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie denkt die Gesellschaft denn über Prostitution?

Tsomou: Die Gesellschaft projiziert in Prostituierte das Bild des gefallenen Mädchens, des Opfers. Sie sieht die Rumänin oder Bulgarin, die nach Deutschland geschleust wurde. Oder sie denkt an die glückliche Hure, bei der alles gut ist. Doch die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen sind so unterschiedlich, da ist es unmöglich von der einen Gruppe zu sprechen. Es ist daher wichtig, zunächst mit ihnen selbst zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Zur Konferenz haben Sie auch Performancekünstler eingeladen, die erotische Tänze aufführen. Wie soll das den Sexarbeitern eine Stimme geben?

Tsomou: Das ist eine Möglichkeit der Selbstrepräsentation, ebenso wie Filme, Theater und Literatur.

SPIEGEL ONLINE: Wieso müssen sich die Frauen selbst repräsentieren?

Tsomou: Sexarbeiterinnen sind in der Öffentlichkeit unsichtbar, sie werden nicht gehört. Kaum einer nimmt sie ernst.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind denn erotische Tänze eine ernsthafte Möglichkeit, Öffentlichkeit herzustellen?

Tsomou: Es gibt nicht die eine Darstellungsform, die dem großen Thema Sexarbeit gerecht werden kann. Aber die Porno-Darstellerin und Künstlerin Annie Sprinkle, die wir eingeladen haben, zeigt uns, dass auch anders mit Sexualität umgegangen werden kann. In ihrem Bosom-Ballett holt sie ihre Brüste raus und lässt sie miteinander zum Walzer tanzen. Natürlich eine total ironische Nummer. Sprinkle spielt mit unseren Grenzen. Sie zeigt eine Sexualität, die nicht nur in Stripclubs stattfindet, sondern den Stereotypen entgegenläuft.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Sexarbeit also aus dem negativen Licht rücken?

Tsomou: Wir wollen intervenieren und zwar in einer Zeit, in der über die Überarbeitung des Prostitutionsgesetzes diskutiert wird. Die Neuerungen von 2002 waren schon ein Riesenschritt. Die Prostitution nicht mehr als sittenwidrig zu sehen, entlastet sie von der juristischen Ächtung. Aber es wurde auch vieles nicht geklärt, zum Beispiel, wo man Bordelle einrichten darf. Viele Entscheidungen wurden damals an lokale Gerichte übertragen, in Deutschland gibt es deswegen überall einen anderen Umgang mit Prostitution. Wir schauen uns die Koordinaten dieser Debatte an, ergänzen und reflektieren sie. Und wir schaffen eine Öffentlichkeit für die Sexarbeiterinnen selbst.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie damit bewirken?

Tsomou: Das Prostitutionsgesetz soll so verändert werden, dass sich die Situation von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern verbessert, ökonomisch und gesundheitlich. Je mehr der Beruf entstigmatisiert wird, desto mehr Mut werden sie fassen. Das Bild, das die Gesellschaft von Sexarbeit hat, sagt auch etwas über Sexualität und Weiblichkeit aus. Es gibt etwa auch den Spruch: 'Wenn es den Huren gut geht, dann geht es auch den Frauen in einer Gesellschaft gut.'

SPIEGEL ONLINE: Geht es den Huren denn gut in Deutschland?

Tsomou: Das kann man nicht pauschal sagen. Es gibt Frauen, die sehr zufrieden sind in ihrem Beruf. Die gutes Geld verdienen. Das sind meist auch die Frauen, die in Verbänden organisiert sind, die sich gegenseitig stützen. Und es gibt Frauen, denen es sehr schlecht geht.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich an, als wäre die Hälfte der Prostituierten zufrieden mit ihrem Zustand. Dabei geht es der großen Mehrzahl der Frauen doch sehr schlecht. In den Medien kursieren Zahlen, nach denen es in Deutschland 400.000 Prostituierte gibt, von denen 90 Prozent aus dem Ausland kommen und sich für wenig Geld prostituieren.

Tsomou: Diese Zahlen stimmen nicht. Es gibt keine genauen Angaben. Auch Migrantinnen haben unterschiedliche Status. Einige arbeiten als Escorts, andere bieten Webcamsex an, die nächsten arbeiten als Stripperinnen. Welche Gruppe bildet da eine Mehrheit? Das Problem ist ja auch, dass man die Elendsprostituierte, die Drogen nimmt, nicht zum Reden bekommt. Die hat andere Sorgen. In der Konferenz werden aus diesem Grund Sexarbeiterinnen und Wissenschaftlerinnen sprechen, die selbst eine Migrationsgeschichte haben oder in Bordelle gehen und dort Prostituierte über Verhütung, Gesundheit und Arbeitsrechte aufklären. Es geht auch um Menschenhandel. Die Konferenz ist nicht Happy Life.


Konferenz "Fantasies That Matter", Kampnagel, Hamburg 8.-10. August

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
sunspirit1 08.08.2014
1. eine total verlogene Diskussion
Wenn man die Meinungsmacher und Gesetzesmacher hört, dann ist Sexualität an sich schon Schmuddelkram der verboten gehört.Anderseits vögeln genau diese Leute auch lustig in der Gegend herum, ob im Puff oder bei der geliebten. Mittlerweile ist es soweit, dass die Berührung einer anderen Person schon als Übergriff bestraft werden kann. Bald wird auch hier wieder die amerikanische Welle übers land schwappen und Kinder werden im Kindergarten wegen einer Umarmung verhaftet. Man sollte sich vielleicht mal gedanken über die Ursachen des Prostitutionsgeschäftes machen. Da stehen ganz normale Bedürfnisse der Beschämung und Verurteilung durch verklemmte Meinungsmacher, oder solche, die einfach ein Geschäft darus machen. Wenn die breite Masse der Gesellschaft mit dem Thema Sexualität vertrauter wäre, dann könnte vieles zwischen Männern und Frauen besser laufen und Das Geschäft mit Sex würde deutlich zurückgehen. Man sollte mal bedenken wieviel Schaden durch die Verurteilung sexuell aktiver/freier Menschen verursacht wird! Wenn vögeln nur noch zur Bestandsicherung akzeptabel ist, denn sollte man es lieber gleich ganz verbieten.
kumi-ori 08.08.2014
2.
Ist ja alles sehr schön und wahrscheinlich auch zum großen Teil wahr, aber das Problem ist doch, dass zu viele ganz verschiedene Schicksale in einen Topf geworfen werden. Es gibt die Mädchen, die schon mit fünfzehn wussten, dass sie mal Prostituierte werden wollten, und diesen Weg auchkonsequent verfolgt haben. Wer hätte das Recht, denen Steine in den Weg zu legen. Es gibt aber auch die Armutsflüchtlinge aus prekären Ländern, die von irgendwelchen Schleusern mit dem Versprechen auf eine Arbeitsstelle geködert werden und dann in Deutschland in ein Zimmer gesperrt werden, wo ihnen dann jede Nacht die Kunden zugeführt werden. Dann gab es neulich den Fall einer Kindergärtnerin, deren Gehalt nicht zum Leben reichte und die sich abends etwas hinzuverdienen musste, die von einem Kollegen dort gesehen wurde, angeschwärzt wurde, und der nun gekündigt werden soll. Ganz unterschiedliche Baustellen. Und was macht in diesem Artikel die Stripperin? Striptease ist eine künstlerische Darbietung, die mit Sex erst mal nichts zu tun hat. Es gibt ja jetzt auch Striptease-Kurse für Hausfrauen und Striptease-Kurse für Manager. Wenn Sie den Begriff der Prostitution so weit fassen, dann müssen Sie auch die Tanzschulen hier mitzählen. Die Leute wollen die Prostitution nach Möglichkeit nicht vor der eigenen Haustür haben. Mit "Moral", wie die Autorin meint, hat das eher wenig zu tun (höchstens im Fall der protestantischen Kindergärtnerin). Die meisten hätten kein Problem mit den Mädchen an sich, auch nicht mit der eigentlichen Betätigung, um die es geht, sie haben vielmehr keine Lust, dass ständig die Zuhälter und die Freier bei ihnen vor dem Haus rumlaufen. Autotüren die ganze Nacht, Polizeisirenen, Schlägereien, Besoffene, Wichtigtuer, Spanner, Pariser im Vorgarten, Gegröle, vielleicht sogar Missverständnisse, wenn man selbst abends nach Hause kommt. Das große Problem ist, dass die Politik sich nicht traut zu formulieren dass die fundamentalreligiösen Werte des neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts heute keine Rolle mehr spielen. Niemand interessiert sich mehr für "Sittlichkeit". Es geht einzig um die Begleitumstände.
3zack 08.08.2014
3. Was kommen wird
Wohnungsbordelle werden mit Auflagen belegt und schlussendlich damit abgeschaft. Damit läuft der Markt in Richtung Grossformen der Bordelle und damit in die Arme der Organisierten Kriminalität. Das steckt einzig und allein hinter der verlogenen Diskussion ums Prostitutonsgesetz.
3zack 08.08.2014
4. Was kommen wird
Wohnungsbordelle werden mit Auflagen belegt und schlussendlich damit abgeschaft. Damit läuft der Markt in Richtung Grossformen der Bordelle und damit in die Arme der Organisierten Kriminalität. Das steckt einzig und allein hinter der verlogenen Diskussion ums Prostitutionsgesetz.
cathyzr 08.08.2014
5. Nur keine Sexarbeiterinnen
Ich habe mir gerade das Programm angesehen und fand eine ganze Menge Professorinnen und Künstlerinnen - aber keine Sexarbeiter an sich. Mich würde dann doch interessieren wie das Missy Magazin nun den arbeitenden Frauen zu Stimme verhelfen will. Für mich geht es dabei nicht um Moral sondern um das Bild der Frauen. Wenn sich Mensch Frau kauft um SEx zu haben entwertet das die FRau an sich. Es ist die Einstellung zu FRauen nicht zum SEx die kritisiert wird.
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