Umbruch der Machtverhältnisse Das Schreien der Männer

Frauen nerven, sagen die, die den Zustand der Ungleichheit zu erhalten versuchen. Sollen sie. Die Ablösung alter Verhältnisse funktioniert eben nicht mit Höflichkeit.

#MeToo-Debatte
AFP

#MeToo-Debatte

Eine Kolumne von


Die positive Sicht auf die Welt, der ich mich zutiefst verpflichtet fühle, könnte bedeuten: Die verbalen Entgleisungen einiger, ihr Hass, die Sehnsucht nach Stärke und Sichtbarkeit, sie sind der erfreulichen Entwicklung des Lebens zuzuschreiben.

Was viele gerade als Backlash wahrnehmen, ist nicht mehr als ein ratloser Versuch, den Status quo der Ungleichheit zu erhalten. Mein großes Verständnis dafür. Es ist nicht einfach, Macht abzugeben. Es ist verwirrend, plötzlich verschiedene Geschlechter oder gar deren Uneindeutigkeit mitdenken zu müssen. Es ist unerfreulich, auf klare Ansagen, die man als Führungsperson gewohnt war, Widerspruch zu bekommen.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich hasse Widerspruch. Er hält einen in seinem absolut überlegenen Denkprozess auf. Es ist nicht einfach zu akzeptieren, dass Menschen gleichen Geschlechts heiraten. Inzwischen in 20 Ländern. In einigen Bereichen überwiegt die Anzahl von Frauen in Führungspositionen. In vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens werden Ungerechtigkeiten und gruppenbezogenes Komplettversagen sichtbar.

Man kann an der #MeToo-Kampagne herumnörgeln - was auch geschieht, was auch in Ordnung ist -, und doch ist sie nur eine weitere kleine Aktion im Kontext eines revolutionären Umbruchs von Machtverhältnissen, und das nervt mitunter, ermüdet, langweilt. Und das wird nicht die letzte ermüdende Aktion gewesen sein. Shit happens, wenn eine Hälfte der Weltbevölkerung als zweitrangig behandelt wird. Irgendwann ist halt gut. Irgendwann wird es Zeit, etwas Neues zu probieren.

Es lief doch recht behaglich - sagen die Männer

Der immer wieder gehörte Vorwurf, dass Frauen nerven, dass sie Wut und Argumente nicht trennen können - ja nun. Die Ablösung alter Systeme erfolgt nicht durch Höflichkeit. Einigen Frauen wie Männern ist nicht einsichtig, warum sich irgendetwas ändern muss auf der Welt. Es lief doch recht behaglich, so wie es bisher nie war. Mit klar verteilten Zuständigkeiten. Mit der Herrschaft der Männer über den weiblichen Körper, ihrer Macht zu deuten, zu strafen, ihrer Macht über Finanzen und Produktionsmittel.

Zu diesem für Teile der Bevölkerung angenehmen Zustand gibt es keinen Weg zurück. Die Steinzeit hat sich auch nicht halten können. Irgendwann setzt sich selbst bei der Spezies Mensch die Intelligenz durch, und intelligent ist es, zu erkennen, dass eine gleichberechtigte Gesellschaft in jeder Hinsicht für alle angenehmer ist.

Geteilte Verantwortung, gebremster Wettbewerb unter Männern, ausreichend Schlaf, freundlicheres Arbeitsklima und vor allem nachweislich mehr Effektivität und Umsatzzuwachs in Unternehmen, die relativ gleichberechtigt besetzt sind, sind eigentlich gute Argumente genug. Aber.

Es fällt den meisten Menschen sehr schwer, Gewohnheiten zu verändern, selbst wenn man weiß, dass sie schädlich sind. Veränderungen benötigen Geduld und immer wieder Momente der guten Laune, um durchzuhalten. Schauen wir uns die diesjährigen Modenschauen in Paris an, und gehen davon aus, dass ModedesignerInnen immer einen hervorragenden Sinn für gesellschaftliche Veränderungen haben, dann beobachten wir erfreut ein neues Männerbild. Männer, die endlich schöne Kleidung tragen und Spaß haben dürfen.

Stellen wir uns nun AfD-Mitglied Jongen oder einige wütende Männer der Backlash-Bewegung in so einem attraktiven Gewand vor, dann ahnen wir, wie sich die Welt ändern wird. Sie wird lustiger. Bunter. Und in anderen Bereichen genauso blöd wie bisher. Weil wir leider Menschen sind.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 225 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ayee 03.02.2018
1. Nerven tut nur das Gerede
Nerven tut nicht, dass Frauen Gleichberechtigung wollen. Nerven tut höchstens, dass sie lediglich davon reden und sie sich nicht einfach nehmen, auch gegen Widerstände, auch wenn man gegen die Widerstände allein stehen muss, auch wenn man dafür vielleicht auf andere Sachen verzichten muss, die vorher selbstverständlich waren. Die Sache mit Macht ist, man bekommt sie nicht geschenkt, auch Männer nicht, und es ist ein fortwährender Kampf sie zu behalten. Wem's gefällt, viel Spass dabei.
bausa 03.02.2018
2. Habs langsam satt
Feminismusdebatte, Sexismusdebatte, Kopftuchdebatte u.s.w. wenn wir hier in Deutschland keine anderen Probleme haben, dann gute Nacht. Auch eine Frau im Aufsichtsrat ist wirtschaftlichen Zwängen unterworfen und wird die Welt nicht alleine verbessern, siehe Frau Merkel. Und wenn wir demnächst keine Tanzmariechen mehr haben beim Karneval oder in der Formel1 keine Gridgirls, wird die Welt ein wenig ärmer und kälter. Und welcher Mann möchte schon eine starke Frau im Bett, Spaß wollen wir haben, gestern, heute und morgen.
jdm11000 03.02.2018
3. Gleichberechtigung - find ich gut!
Ja - Gleichberechtigung ist etwas schönes und ich find das wirklich gut. Denn dann ist es so, daß ich als Mann nicht mehr höre, wenn ich mich an die Frau lehnen will, ich sei ein Softie. Dann ist es auch ganz normal, wenn die Frau diejenige ist, die mit Hammer und Meißel das Kabel unter Putz verlegt und ich dann danach sie annörgeln kann, weil sie den Dreck nicht wegmacht. Dann ist es wirklich cool, wenn die Frau diejenige ist, die die viel zu schwere Tür aus den Angeln hebt, weil sie nun für 3 mm abgeschliffen werden muss. Dann ist es auch cool, daß die Frau diejenige ist, die nach 12 h Arbeit nach Hause kommt und ich derjenige, der ihr das Kind in die Arme drückt und ihr ein "Schatz - ich war den gaaaanzen Tag mächtig am arbeiten und jetzt hast Du das Kind für meine Entspannung" auf die Wange drücke. Bin echt gespannt, bis wann die Frauen kapieren, das Gleichberechtigung mehr ist, als nur "Macht" zu bekommen.
LittleBoy 03.02.2018
4. Schwarz und weiß
Wieso wird das eigentlich immer als entweder oder gesehen? Wieso werden immer alle Männer als Machthungrige Typen, die alle Frauen der Welt vergewaltigen wollen dargestellt? Die Welt besteht nicht nur daraus, es gibt auch vieles dazwischen. Dass kein Mensch irgendwas machen muss, was er nicht mag ist doch klar. Dass aber auch nicht jeder Mann ein Bösewicht ist aber auch. Viele Männer sind auch einfach nur unscheinbar und zurückhaltend und reißen eben keine Frauen auf. Die bleiben dann ein Leben lang Single, weil Frauen das eben auch nicht machen. Für Frauen sind diese Männer schlicht langweilig, während die betrügenden und falschen Männer als anziehend wahrgenommen werden und Frau sich dann fragt, wieso er auch sie verlassen oder betrogen hat. "Die Ablösung alter Systeme erfolgt nicht durch Höflichkeit." Dieses Argument ist nicht gut. Es ruft dazu auf, die Pfade der Kommunikation zu verlassen und ebnet Gewalt den Weg. Denn Höflichkeit reicht ja nicht mehr. Aber Gewalt erzeugt Gegengewalt und kann von niemanden erwünscht sein.
marthaimschnee 03.02.2018
5. der einzelnen Mensch mag intelligent sein
eine Ansammlung von Menschen ist es nicht! Oder genauer ausgedrückt: die Intelligenz einer Menge von Menschen reduziert sich auf die des dämlichsten Mitglieds dieser Gruppe!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.