Sexismus Lieber nicht kopulieren als falsch

Hat der harmlose Flirt Schaden genommen, muss er gerettet werden? Natürlich nicht, dem Flirt geht's gut. Doch in der Sexismus-Debatte treten traurige Vorstellungen von Sexualität zutage.

#MeToo-Demonstration (in Los Angeles)
AFP

#MeToo-Demonstration (in Los Angeles)

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Es sind scheußliche Geschichten, die zu hören waren, seit die Sexismus-Debatte im Oktober begann. Aber nicht weniger entsetzlich als die Geschichten der Opfer, die sich zu Wort melden, sind die Einblicke in den Geist derer, die nun erzählen, Sexualität sei ja an sich eine Art Kampf. Was für wahnsinnig traurige Vorstellungen von Sex da rauskommen, und das fast nebenbei, wenn Flirt-Retter und Sexismus-Skeptikerinnen zu erklären versuchen, warum man in der Debatte um Belästigung und Missbrauch nicht übertreiben sollte.

Dabei geht es zunächst eigentlich gar nicht um Sex. Die Erzählungen vom vor Frauen masturbierenden Louis C.K., vom belästigendem und nötigenden Harvey Weinstein und all den anderen Tätern sind keine Anekdoten über schlecht gelaufenen Sex, sondern Beschreibungen von Gewalt. Es gibt den Begriff der "sexualisierten Gewalt" - im Gegensatz zum Begriff "sexuelle Gewalt" -, um zu verdeutlichen, dass es nicht um etwas Sexuelles für den Täter geht, sondern um Machtmissbrauch, der so oder anders passieren könnte und sich in diesem Fall im Bereich Sexualität abspielt.

Aber das reicht schon, um den Diskurs bizarre Blüten treiben zu lassen. Denn wo immer die Themen Macht und Sexualität auf irgendeine Art zusammenkommen, drehen die Leute durch und Abgründe tun sich auf.

Zuletzt in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt": Da hat die Redakteurin Christina Rietz sich Sorgen gemacht. "Die Ehre des Flirts ist angekratzt, der Flirt hat Schaden genommen, steht unter Verdacht", befindet sie, und fordert deswegen: "Rettet den Flirt!" Aus der Erfahrung, dass ihr Bäcker sie für einen Flirt stets mit Quarkbällchen belohnt und sie das gern so beibehalten möchte - Tipp von mir: nie hungrig schreiben -, folgert sie, dass man für den kompletten Themenbereich Sex anerkennen müsse: "Sexualität ist der Inbegriff des Übergriffigen, sie ist darauf angelegt, dass jemand sich irgendwann übergriffig verhält." Das ist das Traurigste, was ich bisher in der gesamten Sexismus-Diskussion gelesen habe, und es macht mich fertig, dass das eine Autorin schreibt, die fast genau gleich alt ist wie ich und nicht ein Plagegeist aus dem 16. Jahrhundert.

Schon die erste Feststellung ist falsch. Dem Flirt geht es gut. Niemand will ihm was. Der Flirt ist, wenn man mal einen aktuellen Begriff benutzen will, ein atmender Rahmen: eine Situation, die sich über eine Weile erstrecken kann und bei der man gelegentlich die Rahmenbedingungen neu anpassen kann. Indem man sich küsst. Oder ein Bett aufsucht. Oder indem man sagt: Nee, doch nicht. Oder was anderes. Niemand auf der Welt will daran etwas ändern, außer religiöse Fundamentalisten, und die sind verrückt.

Lieber nicht kopulieren als falsch

Die Idee aber, dass Sexualität "der Inbegriff des Übergriffigen" sei, die ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich - wenn damit nicht die eher philosophische und sicher nicht alltägliche Bedeutung von "Übergriff" gemeint ist, dass man in die Sphäre des anderen Menschen "übergreift", wenn man ihn persönlich anspricht. Aber dann könnte man auch "Kommunikation" sagen oder "Austausch", wenn es doch um etwas Schönes gehen soll.

Wenn mit "Übergriff" gemeint ist, dass Sex immer eine Person braucht, die sich denkt, "okay, egal was ist, ich mache das jetzt", dann ist das etwas, von dem ich hoffe, dass kein einziger junger Mensch sich das zu Herzen nimmt. Und kein älterer. Überhaupt niemand. Es stimmt, dass Flirtversuche und sexuelle Sondierungsgespräche sich eine ganze Weile hinziehen können, wenn niemand sich traut, einen Schritt weiter zu gehen, aber verdammt, wie schön kann das sein! Dann dauert es eben länger. Immerhin kann man sich dann sicher sein, keine Grenzen verletzt zu haben. Lieber nicht kopulieren als falsch.

Dieses "keine Grenzen verletzen" wird mitunter als etwas völlig Absurdes dargestellt. Thea Dorn hat in einem Deutschlandfunk-Kultur-Interview neulich gesagt, man müsse Künstlern (wie etwa Kevin Spacey, um den es ging) schon zugestehen, dass ihre "Antriebskraft natürlich auch das Abgründige sein muss" und "die Lust daran, über die Stränge massiv zu schlagen" (etwa sich als Erwachsener auch mal auf einen 14-Jährigen zu legen?). Wer das nicht wolle, sei "spießiger und furchtbarer als der Geist der 50er und 60er". Sie glaubt, "diese Idee, man könne Machtverhältnisse oder Kränkungen oder Beleidigungen aus der Welt schaffen, das ist ein neuer Totalitarismus, der da heraufzieht, ein moralischer, und es schürt ja auch eine fürchterliche Paranoia".

Das ist so lustig und bekloppt. Die Feministinnen und Feministen, die ich am besten kenne, sind die ganze Zeit nur am vögeln. Andererseits ist es aber auch wieder überhaupt nicht lustig, denn aus welcher Ecke der Hölle kommt diese Idee her, in einer Welt, in der man versucht, sexualisierte Gewalt zu bekämpfen, bleibe am Ende nicht mehr viel Spannendes übrig? Es ist mir ein Rätsel, wie man denken kann, irgendwas würde der Menschheit fehlen, wenn Sexismus, Belästigung und Missbrauch wegfallen.

Selbst wenn es so wäre, dass es Künstler gibt, die ihre Schaffenskraft aus dem Über-die-Stränge-Schlagen ziehen, dann wäre wohl deren Kunst etwas, was man entbehren kann. Wenn das "moralischer Totalitarismus" ist, okay, dann her damit!

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insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 21.11.2017
1. Der Flirt ist nicht tot
darin stimme ich überein. Mit der Begründung jedoch nicht: Da ja prinzipiell jedes Kompliment und jede Berührung (z.B. beim Tanzen in der Disco) nach neuer Definition ja übergriffig sein kann, wäre der Flirt, würde jede Frau Feministin sein, in der Tat tot sein. Aber es ist ja nur ein kleiner Prozentsatz der Frauen, der das so unglaublich eng sieht und die Geschichten um Weinstein und Spacey (die, sofern wahr, höchst verabscheuungswürdig sind) mit alltäglichem vermischt. Das ist ja auch das, was immer angeprangert wird: Verwässert nicht den Sexismus, indem ihr Komplimente und nette Gestern als übergriffig brandmarkt. Da dieses extreme Verhalten aber eben nur in der Twitterblase gang und gäbe ist, kann man mit den ganzen normalen Frauen noch flirten wie eh und je.
andreasclevert 21.11.2017
2. Kurz, knackig,...
...gut und richtig. Hätte ich auch so geschrieben, wenn ich hungrig wäre. Danke Frau S.
sprengsatz 21.11.2017
3.
Das liest sich echt ultra bescheuert. Nach 20% musste ich auch aufhören. Wirklich schlecht geschrieben.
santoku03 21.11.2017
4.
Geniale Konstruktion: Eine Kolumne, die sich selbst gegen Kritik immunisiert. Ich bin immer noch dabei, zu verstehen, wie das genau funktioniert hat. Einzige Frage: Wozu dann hier ein Forum?
wutbürger23 21.11.2017
5. wat is?
Tut mir leid, habe den Artikel nicht vollständig kapiert. Kommt mal alle wieder runter.
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