Sexistische Werbung Das Dekolleté von Nordhausen

Zwei Brüste, ein zweideutiger Spruch, eine schlüpfrige Botschaft - fertig ist die erfolgreiche Werbeanzeige. Das denkt man sich offenbar auch beim lokalen Nachrichtenportal "nnz-online" in Nordhausen. Doch dann entdeckt die Gleichstellungsbeauftragte des thüringischen Städtchens das Motiv.

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Damit hatte Stefani Müller nicht gerechnet, nicht hier, nicht in ihrer "Heile-Welt-Kommune", wie sie ihr Nordhausen nennt, eine Stadt mit rund 40.000 Einwohnern im Norden Thüringens. Als sie eines Junimorgens das örtliche Anzeigenblatt "Kleine Nordhäuser Zeitung" aufschlägt, fällt ihr sofort ein Motiv ins Auge: Eine bäuchlings liegende Frau ist darauf zu sehen. Besser gesagt: vor allem ihre Brüste, nur notdürftig verdeckt durch ein dunkles Top. Darunter der Spruch: "Kommt schneller als die Alte, ist besser gebaut und macht, was man ihr sagt."

Das Motiv soll die Leser auf das kleine lokale Online-Portal "Neue Nordhäuser Zeitung" ("nnz-online") aufmerksam machen, dessen Artikel zuweilen auch in dem Anzeigenblatt erscheinen, das wiederum im Gegenzug Werbung für "nnz-online" schaltet. Aber Brüste? Und so ein Spruch? Muss das sein? Stefani Müller ist entsetzt.

"Wer keinen Humor hat, sollte alle Medien meiden"

Und sie beschließt zu handeln, schließlich ist sie die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Seit mehr als 20 Jahren macht sie den Job, einiges habe sich in dieser Zeit schon verbessert, sagt sie - doch durch die Anzeige fühle sie sich um zehn Jahre zurückgeworfen. Also schreibt sie einen Brief an das Online-Portal "NNZ" und auch an das Anzeigenblatt. Darin bittet sie, den "Abstieg im Niveau" durch derartige Anzeigen nicht noch zu beschleunigen. Man versuche offenbar, Nachrichten mit Hilfe frauenfeindlicher und sexistischer Worte und Motive "an den Mann" zu bringen - worauf man doch bitte künftig verzichten möge.

Die Antwort der "nnz-online"-Redaktion, die im Wesentlichen aus dem Chefredakteur Peter-Stefan Greiner besteht, ist eindeutig. "Sehr geehrte Frau Müller", heißt es darin, "wer den Sinn der Werbung nicht versteht und keinen Humor hat, der sollte in nächster Zeit vielleicht alle Medien meiden."

Sowohl der Brief der Gleichstellungsbeauftragten als auch die Antwort werden online veröffentlicht und in der "Kleinen Nordhäuser Zeitung", dem kooperierenden Anzeigenblatt, auch abgedruckt. Was dann folgt, überrascht Müller nochmals: "aha, die frau obermoralaufseherin unserer städtin hat gesprochen" (sic!), ist da in einem Kommentar auf der Internetseite zu lesen. Und ob sie nichts Besseres zu tun habe, fragen gleich mehrere Nutzer. Fast alle Kommentare schlagen in die Kerbe.

"Dass die Behörden angefeindet werden, ist ja nicht neu", sagt Müller. "Aber dass ich als Person so in meiner Funktion angegriffen werde, hat mir schon zugesetzt." Natürlich sei sie da ins Grübeln gekommen, und sie habe auch kurz gezweifelt, ob sie richtig gehandelt habe. Ob sie das überhaupt gedurft habe?

"Erbärmlicher widerlicher Sexismus"

Zumindest nicht aus Sicht von "nnz-online". "Fraglich ist darüber hinaus auch, ob Sie als Gleichstellungsbeauftragte der Stadtverwaltung Ihre Kompetenzen auf die freie Wirtschaft ausdehnen können", heißt es in der Onlineversion des offenen Antwortbriefs an Stefani Müller weiter. "Ihre sicher notwendige Verantwortung in dieser sicherlich notwendigen Funktion sollte auf das Rathaus beschränkt bleiben."

Unterzeichner ist Chefredakteur Greiner. Er versteht nicht, was an der Anzeige auszusetzen ist. Das Motiv sei immerhin schon 13 Jahre alt, so lange gibt es "nnz-online" schon. Zusammen mit einer Agentur sei das Bild ursprünglich als Bildschirmschoner entworfen worden. Die Gleichstellungsbeauftragte Stefani Müller sei nun die erste Person, die sich daran störe.

Wenn man mit Greiner spricht, gewinnt man den Eindruck, dass er - trotz #Aufschrei-Debatte - nicht versteht, wie ein solches Motiv zum Alltagssexismus beiträgt. Und dass Greiner zudem etwas Elementares missversteht: Seine Vergleiche und Ausführungen im Telefongespräch, die er aber nicht zitiert haben will, zielen darauf ab, dass er sich nicht um seine journalistische Unabhängigkeit bringen lassen will. Das an sich wäre kein Grund zur Beanstandung, im Gegenteil. Nur macht es eben wohl doch einen Unterschied, ob man sich von Politikern nicht in die Berichterstattung hineinreden lassen will - oder ob man sich weigert, sich von einer diskriminierenden Werbeanzeige zu distanzieren.

Mittlerweile stört sich nicht mehr nur Stefani Müller an der Anzeige. Vergangenes Wochenende verbreitete sich der Link im Netz, bei Twitter finden sich etliche Kommentare dazu. "Erbärmlich widerlicher Sexismus", nennt die Amadeu Antonio Stiftung das Werbemotiv. Der Blogger Lukas Heinser bemerkt: "Hui, da hat aber eine Redaktion nicht mehr alle Latten am Zaun."

"Wir beenden hiermit die Diskussion"

Der "nnz-online"-Chef Greiner will in den vergangenen Tagen selbst auch zahlreiche Beschwerden direkt erhalten haben. Aber: "Wir lassen uns nicht erpressen", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Zumindest auf "nnz-online" ist die Diskussion ohnehin schon beendet - dort wurde einfach die Kommentarfunktion deaktiviert. Zur Erklärung heißt es: "Wir beenden hiermit die Diskussion, werden jedoch weiterhin mit unseren Motiven werben, ob der Gleichstellungsbeauftragten des Rathauses das passt oder nicht."

Inzwischen scheinen die Verantwortlichen von dieser Haltung wieder abzurücken: In den nächsten Tagen wolle sich Greiner unter anderem mit der Agentur, die für das Motiv und das "nnz-online"-Design mitverantwortlich sein soll, zusammensetzen, sagt er. Stefani Müller will sich hingegen nicht mehr direkt in die Diskussion einschalten. Sie habe als Gleichstellungsbeauftragte ja auch sonst noch genug zu tun.



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