Übergriffe von Köln "Die Männer wussten genau, wie sie den Westen treffen"

Gewalt und Islam hängen nicht zusammen, sagt die ägyptische Harvard-Professorin Leila Ahmed. Die Übergriffe gegen Frauen in Köln seien ein strategisches Mittel gewesen.

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Silvesternacht in Köln: Ein Zusammenhang zwischen Islam und sexueller Gewalt?
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Silvesternacht in Köln: Ein Zusammenhang zwischen Islam und sexueller Gewalt?


  • Steve Gilbert/ Leila Ahmed
    Leila Ahmed wuchs in Ägypten auf, bevor sie zum Studium nach England ging. Heute ist Ahmed Professorin für Frauenstudien und Religion an der Universität Harvard. Sie forscht besonders zum Verhältnis von Islam und Gender in den USA - zuletzt zur Bedeutung des Kopftuchs für muslimische Frauen.
SPIEGEL ONLINE: Frau Ahmed, die ägyptische Wissenschaftlerin Shereen El Feki sagte jüngst im Interview mit SPIEGEL ONLINE: "Mohammed war auf gewisse Weise ein Feminist." Stimmen Sie ihr zu?

Ahmed: In manchen Punkten achtete Mohammed Frauen, in anderen nicht. Er heiratete ein Mädchen im Kindesalter. Seine erste Frau Chadidscha, mit der er monogam lebte, war aber eine 15 Jahre ältere Händlerin. Sie begleitete ihn loyal in seiner religiösen Entwicklung, er arbeitete zwischenzeitlich aber auch für sie. Chadidscha erzählt nicht nur etwas über den Propheten, sondern viel darüber, wie Frauen im sechsten Jahrhundert in Mekka lebten: Sie konnten reich und mächtig sein.

SPIEGEL ONLINE: Ging dieses Frauenbild im Islam später verloren?

Ahmed: Das lässt sich so nicht sagen. Man muss für jede geografische Region mit ihrer Geschichte genau hinschauen. Klar ist aber, dass in den Generationen nach Mohammed die historischen Beweise für eine relativ liberale Lebensweise in den arabischen Ländern immer weniger wurden. Unter anderem hat das mit dem Kontakt mit anderen Kulturen zu tun, die sehr viel patriarchalischer organisiert waren. Als die Araber im siebten Jahrhundert das Byzantinische Reich angriffen, färbte das etwa ab.

SPIEGEL ONLINE: Wo stehen wir heute? Seit den Übergriffen in Köln an Silvester wird in Deutschland der Zusammenhang zwischen Islam und sexueller Gewalt gegen Frauen diskutiert.

Ahmed: In Ihrer Aussage steckt schon implizit die Annahme, Gewalt und Islam seien verbunden. Das ärgert mich, weil es nicht stimmt. Viele Faktoren prägen, wie Religion ausgedeutet und somit instrumentalisiert wird. Prinzipiell transportierte der Koran, genau wie die Bibel, zwei unterschiedliche Botschaften: eine patriarchalische, laut der Männer Frauen überlegen sind. Aber auch eine von Gleichheit, geprägt von der Idee, dass die menschliche Seele, egal ob weiblich oder männlich, arm oder reich, vor Gott gleich ist. Es ist interessant, dass im Moment dieses Bild der sexualisierten Gewalt die westliche Vorstellung des arabischen Raums so stark prägt. Da gab es auch schon ganz andere Phasen.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Ahmed: Seit Jahrhunderten nutzen europäische Gesellschaften, besonders die alten Kolonialmächte wie England, den arabischen Raum für Projektionen - um sich abzugrenzen. Ende des 19. Jahrhunderts galten Araber als homosexuell, also nach damaligen Maßstäben als pervers, weil damals viele europäische Schwule nach Nordafrika flohen, wo sie ihre Liebe offener ausleben konnten, während etwa in England Homosexualität erst Ende der Sechzigerjahre legal wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Religion also für Sie nicht ausschlaggebend ist: Wovon hängt es dann ab, wie gut Frauen in einer Gesellschaft vor sexualisierter Gewalt geschützt sind?

Ahmed: Schwer zu sagen. Vor dem 20. Jahrhundert war zum Beispiel die Demokratie in den USA und Europa vor allem eine Veranstaltung für wohlhabende weiße Männer, an der erst später Frauen teilnehmen durften.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber heute nicht mehr so.

Ahmed: Der größere Schutz durch das Gesetz und die Sensibilisierung für das Thema Emanzipation ist sicherlich einer der größten Unterschiede, vergleicht man etwa die Situation von Frauen in den USA mit der von Frauen in Ägypten. Ich bin ja auch froh, dass ich in einem politischen System lebe, das nicht autokratisch organisiert ist und mich permanent einschränkt. Trotzdem wäre es eben auch unangemessen, von einer gleichberechtigten Situation zu sprechen - die sexualisierte Gewalt ist unterschwellig auch im Westen noch da. Die Berichte über die hohen Quoten von häuslicher Gewalt gegen Frauen erschrecken mich immer wieder; auch die vielen Vergewaltigungen auf amerikanischen Campus. Und wir haben schon ein Jahrhundert hinter uns, in dem Frauen und Männer für Gleichberechtigung kämpften.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn einen Unterschied zwischen einer Unterdrückungskultur, die unterschwellig in einer Gesellschaft implementiert ist und plötzlichen sexuellen Übergriffen wie denen in Köln?

Ahmed: In der Weltgeschichte wurden organisierte Vergewaltigungen, unabhängig von der Religion, immer wieder als strategische Kriegswaffen in Zeiten des gewalttätigen Konflikts eingesetzt. Im Bosnienkrieg wurden muslimische Frauen von Christen vergewaltigt.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Beispiel wollen Sie mit den Übergriffen in Köln vergleichen? Waren die dann auch ein Ausdruck von Krieg für Sie?

Ahmed: Nein, ich möchte nicht vergleichen. Natürlich handelt es sich um ganz unterschiedliche Umstände und Dimensionen. Ich bin mir aber sicher, dass die Männer hinter den Attacken in Köln genau wussten, wie sie den Westen treffen, wenn sie in Deutschland Frauen belästigen oder anderweitig unterdrücken. Deshalb ist die Gewalt gegen Frauen auch hier ein strategisches Mittel, das ganz gezielt ausdrückt: Wir achten eure Werte nicht. Vordergründig geht es dabei um die Ehre der Frauen, im Grunde werden sie aber zu Verhandlungsobjekten.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland diskutiert seit Silvester auch darüber, ob der Schutz von Frauen für andere Interessen instrumentalisiert wird; ob sich dahinter zum Beispiel im Grunde rassistische Argumente verbergen.

Ahmed: Auf das Narrativ "Frauenrettung" wird in Konfliktsituationen seit Jahrhunderten immer wieder zurückgegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Wann denn zum Beispiel?

Ahmed: Der Kolonialismus missbrauchte Feminismus permanent, um Invasionen zu rechtfertigen. Wer Deutungshoheit über Frauenrechte für sich beansprucht, untermauert die eigene Überlegenheit: Der britische Generalkonsul in Ägypten Earl of Cromer propagierte Ende des 19. Jahrhunderts etwa, dass die Verschleierung der Frauen ein Zeichen von Unterdrückung sei. Als er Regierungsgeld sparen musste, schloss er aber gleichzeitig auch Frauenuniversitäten, etwa für Medizin. Sein Argument: In zivilisierten Gesellschaften sind Männer die Doktoren.

Das Interview mit Leila Ahmed ist der zweite Teil einer Gesprächsreihe von SPIEGEL ONLINE, in der Perspektiven auf Islam und Sexualität beleuchtet werden.

Im ersten Teil sprach die Wissenschaftlerin und Publizistin Shereen El Feki darüber, welche Lebensumstände sexualisierte Gewalt begünstigen .

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