Theaterpionierin Langhoff "Ich habe mich selbst gelabelt"

Mit Shermin Langhoff hat am Berliner Gorki-Theater in diesen Tagen die erste türkischstämmige Intendantin ihren Dienst bei einem Stadttheater angetreten. Die Vertreterin des "postmigrantischen Theaters" steht vor der größten Herausforderung ihrer Karriere - und geht sie gewohnt offensiv an.

Esra Rotthoff

Von Christine Wahl


Radenkovic, Lohse, Sahintürk: Klingt nach europäischem Spitzen-Fußballklub, jubelte die Berliner Presse, als die Namen der neuen Ensemblemitglieder des Maxim Gorki Theaters bekannt wurden. Tatsächlich funktioniert die interkulturelle Besetzungspolitik im Sport ja wesentlich besser als in hiesigen Schauspielensembles, wo fremdländische Namen bis heute selten sind. Und auf der Leitungsebene sieht es noch dünner aus. An Berlins kleinster Staatsbühne ist das seit ein paar Tagen anders. Dort hat mit Shermin Langhoff, die vor 44 Jahren als Shermin Özel in Bursa geboren wurde, soeben die allererste Chefin eines deutschen Stadttheaters mit türkischen Wurzeln ihren Job angetreten.

Langhoffs Einstand an der neuen Wirkungsstätte: ein von 30 verschiedenen Künstlern bespielter Ausstellungs- und Performance-Parcours, der sich aus allen erdenklichen Perspektiven mit dem historisch aufgeladenen Theater-Areal auseinandersetzt. An der 13. Station - konzipiert von Hans-Werner Kroesinger - treffen jeweils ein neuer Gorki-Akteur und ein Zuschauer zum Vier-Augen-Gespräch aufeinander.

Der 34-jährige Aleksandar Radenkovic fingert zwei Walnüsse aus der Hosentasche, die vom familieneigenen Baum in Novi Sad stammen, und ist sofort mittendrin in seiner serbischen Vorgeschichte. Radenkovics Kollegin Sema Poyraz - 1950 in der Türkei geboren und elf Jahre später nach Deutschland emigriert - serviert genau jenen Mokka, den sie als Siebenjährige von ihrer Großmutter in liebevoller Kombination mit einer Zigarette kredenzt bekam. Drei Minuten später ist sie bei der Fluchtgeschichte ihres Großvaters, deren Spektakularitätsgrad es locker mit einem Shakespeare-Drama aufnehmen kann.

So werden intelligente Bögen zwischen Familien- und Weltgeschichte geschlagen und kitschfrei Fragen nach Identität und Zuschreibungen gestellt. Zumal man in dem Briefumschlag, der einem zum Schluss in die Hand gedrückt wird, eine Anregung zum Weiterdenken findet: "Wo warst Du vor 70 Jahren?"

Karriere unter Rekordverdacht

70 Jahre! Shermin Langhoff hat für ihren Karriereweg gerade mal ein Siebtel dieser Zeit gebraucht. Damit steht die Intendantin, die ursprünglich aus der Filmbranche kommt, unter Rekordverdacht. Langhoff wuchs bei ihren Großeltern in der Türkei auf, bevor sie im Alter von neun Jahren ihrer Mutter, einer Gastarbeiterin bei AEG, nach Deutschland folgte. 2003 kuratierte sie im Berliner Theater Hebbel am Ufer erstmals das deutsch-türkische Festival "Beyond Belonging" und übernahm fünf Jahre später mit einem 100.000-Euro-Budget die kleine Kreuzberger Off-Spielstätte Ballhaus Naunynstraße.

Dort hatte sie mit Nurkan Erpulats Inszenierung "Verrücktes Blut" bald einen Kult-Hit im Programm, der offensiv mit deutsch-türkischen Klischees spielte und zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Und jetzt also: Staatsbühne.

"Ich konnte zwar in meinen zehn Off-Theaterjahren sehr viele Erfahrungen sammeln", kommentiert Shermin Langhoff den gewaltigen Sprung von der Naunynstraße ans Gorki. Aber in Berlin eines der fünf maßgeblichen Häuser zu übernehmen, sei schon noch mal ein anderes Kaliber. "Da stellte sich ganz klar die Frage: Was brauche ich an zusätzlicher Kompetenz?"

Die zweite Instanz an Langhoffs Seite heißt Jens Hillje und hat schon einmal (Berliner) Theatergeschichte geschrieben, als er 1996 mit dem heutigen Schaubühnen-Intendanten Thomas Ostermeier die radikal zeitgenössische "Baracke" mit ihrem Superhit "Shoppen und Ficken" von Mark Ravenhill aus der Taufe hob.

"Das Publikum ist noch woanders"

Langhoff und ihr leitender Dramaturg und Ko-Intendant Hillje verstehen sich ausdrücklich als Doppelspitze. Bisher sei das Medieninteresse ja eher in Richtung 'Frau und Türkin' gegangen, witzelt die Intendantin und ergänzt: "Vielleicht haben wir ja demnächst noch tollere Artikel: die erste Türkin und der erste Schwule im Pack." Gutes Stichwort: Nerven diese ständigen Etikettierungen von außen nicht wahnsinnig? "Ich habe überhaupt kein Problem damit, gelabelt zu werden", erklärt Langhoff. "Im Gegenteil: Schließlich habe ich das ja selbst hoch zwei betrieben." Mit dem dezidiert "postmigrantischen Theater", das sie am Ballhaus Naunynstraße ausrief, schuf Langhoff tatsächlich eine weit über die Berliner Grenzen hinaus erfolgreiche Marke. "Ich habe mich selbst gelabelt", ergänzt die Intendantin. "Denn wenn schon Zuschreibung stattfindet, dann möchte ich sie wenigstens selbst in der Hand haben."

Dieses Selbstlabeling ist freilich nicht der einzige mögliche Ansatz, um das deutsche Stadttheater auf lange Sicht "farbenblind" zu machen. Dieses lohnende Ziel wäre erreicht, wenn türkische oder afrikanische Darsteller mit ebensolcher Selbstverständlichkeit als "Hamlet" besetzt werden wie biodeutsche, ohne dass das Publikum es als besondere Inszenierungsidee auffasst. Es gibt da im Betrieb durchaus ermutigende Einzelbeispiele: Unter Langhoffs Vorgänger am Gorki, Armin Petras, spielte etwa der dunkelhäutige Schauspieler Michael Klammer wunderbar kommentarfrei sämtliche Dramenhelden von Kleists Achill bis zu Schillers Karl Moor.

Natürlich, steigt Jens Hillje in diese theaterinterne Diskussion ein, könne man besetzungstechnisch "einfach so tun, als gäbe es diese Differenzen nicht". Aber: "Das Publikum ist noch woanders", glaubt er. "In 10, 20 Jahren werden wir da sicher viel weiter sein, aber im Moment schreiben die Zuschauer Herkünfte und Identitäten noch deutlich zu." Am Gorki wird es beide Herangehensweisen geben - die "farbenblinde" genauso wie diejenige, die diese Zuschreibungen direkt thematisiert und mit ihnen spielt. Das Ideal wäre, fasst Shermin Langhoff zusammen, "dass wir selbstverständlich mit unseren verschiedenen Biografien, Herkünften und Standpunkten umgehen dürfen, aber nicht müssen."

Anders glauben, anders lieben

In diesem Sinne geht es jetzt am Gorki auch nicht mehr ausschließlich um ein "postmigrantisches Theater", sondern um eine generelle "Öffnung hin zu einer Stadtgesellschaft, die wir diverser wahrnehmen als sie bisher auf den Bühnen verhandelt wird", so Langhoff. Ausreichend zu tun gibt es bei so einem Vorhaben auf Jahrzehnte. Schließlich lässt sich die Perspektive, aus der Dinge normalerweise verhandelt werden - an den meisten Bühnen wie im Großteil der Gesellschaft überhaupt - mit dem Theatermacher René Pollesch lakonisch auf vier Vokabeln reduzieren: "weiß, männlich, heterosexuell, Mittelschicht".

Sie freue sich, sagte die Publizistin Carolin Emcke in ihrer klugen Rede zum Eröffnungsfestakt der neuen Gorki-Intendanz, dass die Menschen "vom Rand, die etwas anders glauben und etwas anders lieben, jetzt in der Mitte angekommen" seien. Und wandte sich gleichzeitig mit dem Wunsch an das neue Zentrum, "den Diskurs von Identität und Differenz" aufzubrechen und stattdessen "über Ähnlichkeit zu sprechen".

Wie seinerzeit schon Langhoffs Vorgänger Armin Petras, der im Sommer als Intendant nach Stuttgart wechselte, ist zur künstlerischen Erfüllung auch der jetzigen Leitung bereits im Vorfeld Wesentliches gelungen. Trotz der chronischen Unterfinanzierung von Berlins kleinstem Staatstheater konnte die neue Doppelspitze erstklassige Regisseure wie Sebastian Nübling, Yael Ronen, Falk Richter oder Sebastian Baumgarten gewinnen, die normalerweise auch gagentechnisch in der Champions League spielen.

In der eigentlichen Eröffnungspremiere - einer Tschechow-Inszenierung des neuen Hausregisseurs Nurkan Erpulat - wird aber erst einmal Taner Sahintürk als Sozialaufsteiger Lopachin symbolträchtig den "Kirschgarten" der weltfremd-selbstgewissen Gutsbesitzerin Ranjewskaja abholzen. Die wird vom dienstältesten Gorki-Ensemblemitglied Ruth Reinecke gespielt.

Übrigens war Sahintürk vor seiner Schauspielkarriere - von wegen Fußballmannschaft - tatsächlich auf dem Sprung zum Bundesligaprofi. Insofern ist es Ehrensache, dass sich das neue Gorki in der brancheneigenen Liga mindestens so weit nach vorn spielen muss wie Sahintürks Verein Schalke 04.

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Ballonmütze 14.11.2013
1.
Guter Artikel der die Spannung auf Langhoffs Gorki erhöht. Allerdings habe ich eine Anmerkung zu machen. Die Diagnose ist erst mal richtig, dass es am Staats- und Stadttheater zu wenig migrantischstämmige Schauspieler gibt. Aber wenn man genauer hinschaut wird man Osteuropäer, Franzosen, Engländer, Holländer, Belgier und Skandinavier finden. Die gibt es durchaus. Deswegen muss man klar von Rassistischen Denkmustern ausgehen, denn türkische, arabische, asiatische oder afrikanische Schauspieler sind in den Ensembles fast nicht existent, obwohl es sie zahlreich gibt. Das der Deutsche einen Dänischen Prinzen oder veronesischen Liebhaber spielt, war schon immer okay. Wenn ein anderer Weißer es tut, kann es auch durchgehen - siehe Radenkovic, der am Schauspielhaus Hamburg sämtliche Klassikerhauptrollen spielte. Aber wehe der Schwarzhaarige, Dunkelhäutige, Mandeläugige Kollege steht als Hamlet auf der Bühne. Das geht ja gar nicht. Man sehe mal nach Frankreich oder UK.
juergw. 14.11.2013
2. Das Puplikum ist noch woanders...
Toll,wenn die eigende SAelbstverwirklichung mit Steuergeldern finanziert wird.Jetzt wird noch Tschechow verhuntzt,da werden sie wohl alloe nackt über die Bühne rennen,der neuzeit angepaßt..
HirataDentata 14.11.2013
3. Überraschung
Zitat von BallonmützeGuter Artikel der die Spannung auf Langhoffs Gorki erhöht. Allerdings habe ich eine Anmerkung zu machen. Die Diagnose ist erst mal richtig, dass es am Staats- und Stadttheater zu wenig migrantischstämmige Schauspieler gibt. Aber wenn man genauer hinschaut wird man Osteuropäer, Franzosen, Engländer, Holländer, Belgier und Skandinavier finden. Die gibt es durchaus. Deswegen muss man klar von Rassistischen Denkmustern ausgehen, denn türkische, arabische, asiatische oder afrikanische Schauspieler sind in den Ensembles fast nicht existent, obwohl es sie zahlreich gibt. Das der Deutsche einen Dänischen Prinzen oder veronesischen Liebhaber spielt, war schon immer okay. Wenn ein anderer Weißer es tut, kann es auch durchgehen - siehe Radenkovic, der am Schauspielhaus Hamburg sämtliche Klassikerhauptrollen spielte. Aber wehe der Schwarzhaarige, Dunkelhäutige, Mandeläugige Kollege steht als Hamlet auf der Bühne. Das geht ja gar nicht. Man sehe mal nach Frankreich oder UK.
Frau Langhoff mit ihrem türkischen Hintergrund macht jetzt eine Menge Türken zu Ensemblemitgliedern und Gästen im Gorki-Theater, dazu neben anderen auch afrikanische und arabische Schauspieler. So weit, so vorhersehbar: die Multikulti-Intendatin gibt sich ein Multikulti-Ensemble. Wem aber ist damit geholfen, welche Idee von Theater wird damit verfolgt? Soll es ein Ort künstlerisch verbrämter politischer Propaganda sei, mit dem Ziel, Migration und Migranten bei der heimischen Bevölkerung zu mehr Anerkennung zu verhelfen? Nach dem Motto: oha, der Türke kann mehr als Döner? Natürlich wird Claudia Roth sich in diesem Theater wohl fühlen, wenn genug Presse dabei ist, aber ich bin skeptisch, dass viele Theatergänger solchem ideologiegetriebenem Kunstbegriff folgen mögen. Und dass die Idee Scharen von türkischen und arabischen Migranten ins Theater lockt, sehe ich auch nicht. Zum Thema Franzosen OK, Schwarze nicht: das hat vielleicht auch mit dem historischen Kontext zu tun, in dem die Werke entstanden bzw. in dem sie spielen? In dem Afrikaner oder Türken nichts verloren haben? Warum ist es falsch, Schiller von Weißen spielen zu lassen und ein Stück eines afrikanischen Autoren von Schwarzen? Will 2013 tatsächlich jemand behaupten, wir wären alle gleich und Hautfarbe hätte keine Bedeutung?
Ballonmütze 14.11.2013
4.
@Hirata Wann haben sie denn den letzten schwarzen Othello auf einer Bühne gesehen? Oder einen schwarzen Berdoa? Das sind nämlich schwarze Figuren der europäischen Literatur und sie werden immer von Weissen gespielt. Oft Frauen oder Alte. Und was ein Türke in einem Schiller verloren hat? Mit der gleichen Argumentation können sie Fragen was ein Deutscher bei Romeo und Julia verloren hat. @juergW. Also sie haben mit Sicherheit nie ein Stück am Ballhaus oder von Erpulat gesehen. Ihre Befürchtung trifft gerade auf Langhoffs Theater nicht zu.
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