Shopping Mall Alexa Berlins Graus-Haus

18 Jahre nach der Wende stürmen die Berliner wieder. Nicht in den gelobten Westen, sondern zum Alexanderplatz - in den neu errichteten Konsumtempel. Mag das Kaufhaus Alexa noch so hässlich sein, der Hauptstädter ist begeistert.

Von Reinhard Mohr


Nun haben sie es doch nicht ganz geschafft. Überall wird noch gewischt und gewerkelt, hier fehlen Verkleidungsteile, dort ist noch der Rohputz zu sehen, und für den Rasen am Eingang hat es auch nicht ganz gelangt. Auch mit der Warenanlieferung klappt es noch nicht recht. Egal. Das Alexa, Berlins neues und beinah größtes Einkaufszentrum hat heute morgen seine Pforten geöffnet - und wurde vom Berliner Volk sogleich gestürmt. Man könnte auch sagen: geflutet.



Aus allen Richtungen strömen die Massen in die gigantische Shopping Mall am Alexanderplatz, die die portugiesisch-französischen Bauherren Sonae Sierra und Foncière Euris in drei Jahren Bauzeit für knapp 300 Millionen Euro errichtet haben. Im Inneren des Baus befinden sich 56.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sowie rund 180 Geschäfte und Restaurants.

Die Eröffnung verlief turbulent: Als gestern um Mitternacht, zehn Stunden vor allen anderen, der neue MediaMarkt auf vier Stockwerken öffnete, kam es zu einem solchen Ansturm, dass eine Hundertschaft der Polizei eingreifen musste. Eine Glastür splitterte, es gab Verletzte, und draußen warteten immer noch 5000 Neugierige, die mitten in der Nacht mal nach den neuesten Flachbildschirmen schauen wollten. Auch das ist Berlin.

"Schief gelaufen, was schief laufen konnte"

"Gestern ist schief gelaufen, was schief laufen konnte", sagte ein Polizeibeamter im Gespräch mit Alexa-Verantwortlichen. Man konnte es beim zufälligen Vorübergehen hören. In dem ganzen Chaos konnten auch in aller Seelenruhe die ersten Graffitis an der Fassade platziert werden: "Köpi bleibt!"



Das stört nun Cindy aus Marzahn, Mandy aus Hohenschönhausen und alle anderen Berliner überhaupt nicht. Sie wuseln durch die drei Etagen, als hätten sie, 18 Jahre nach der "Wende", noch nie H&M, S. Oliver, Starbucks, Esprit, Zara, Gerry Weber, Mexx, Street One, Douglas, Barclay, Seidensticker, Thalia und hundert andere Markenkettenläden von Nahem gesehen, laufen über die 28 Rolltreppen und unzähligen Querstege hin und her, hoch und wieder herunter.

Was sie suchen, wissen sie nur selbst. Was sie allerdings nicht finden werden, ist Originalität, Schönheit, Eleganz, Nonchalance.

Architektur mit dem ästhetischen Vorschlaghammer

Die Architektur, außen wie innen, ist zum größten Teil mit dem ästhetischen Vorschlaghammer erledigt worden. Ein massiger, entlang der S-Bahn-Strecke leicht gebogener Baukörper prangt in rosaroten Fertigteilen, dessen Fassade mal von quadratischen Rastern, mal von pseudogotischen Rundbögen strukturiert wird. Das ursprünglich beauftragte Architekturbüro Ortner und Ortner, das gemeinsam mit RTKL Baltimore den Wettbewerb gewonnen hatte und einen "leichten gebrannten Ziegelton" präferierte, wurde vom Bauherrn in die Wüste geschickt.

Hausarchitekt, José Quintela da Fonseca, hat sich dann offenkundig als Zyklop betätigt und den klobigen Klotz mit aller Gewalt an den östlichen Rand des Alexanderplatzes gewuchtet, der durch die überdimensionalen Markenlogos nun noch weiter verunstaltet wird.

Vor allem die ausnehmend hässliche Farbgebung, die man bei einer Tiefgarage gerade noch durchgehen lassen würde, passt so gar nicht zum dezent hellen Muschelkalk und Travertin der angrenzenden, gerade sorgfältig restaurierten Bauten aus den zwanziger Jahren.

Art déco und Glittergold

Dabei protzt man im Innern des Alexa sehr aufdringlich mit Art-déco-Elementen aus dieser immer noch sagenumwobenen Ära Berlins. Dazu zitieren großformatige Fotografien aus der "goldenen" Zeit unverschämt nostalgische Erinnerungen.

Ein bisschen Glittergold hier, ein paar mit schwarzen Miniaturkacheln verkleidete Säulen dort, neckisch geschwungene Linien, Jugendstil-Applikationen und Lampen mit dem Hauch der guten alten Moderne erinnern an eine Zeit, in der Josefine Baker noch ihren legendären Bananentanz aufführte und Alfred Döblin an seinem Epochenroman "Berlin Alexanderplatz" schrieb. An einer rückwärtigen Außenseite zitiert ein goldener weiblicher Halbakt mit engelhaftem Antlitz jene mythischen Jahre, in denen soziales Elend, politischer Kampf und radikaler Stilwille noch eine aufregende Mischung ergaben.

Heute sind davon undefinierbare, industriell gefertigte Bodenornamente in Orange, Grün und Blau geblieben, brav gezackte Wandverkleidungen wie aus der Abteilung für Geschenkverpackungen - und viel Deckenweiß, das bei den Stahlglaskonstruktionen des Daches endet, die jetzt schon ziemlich alt aussehen. Und ziemlich billig.

Von Passagen zu "Gated Communitys"

So herrscht ein wüster Stilmix auf drei Etagen samt Seitengängen, das beste sind noch die Lichtblicke nach draußen - zur S-Bahntrasse und auf jenen Teil des Alexanderplatzes, der immer noch eine riesige Baustelle ist.

Mehrere Stunden soll sich der idealtypische Konsument in diesem Einkaufsparadies aufhalten, am besten den halben Tag. "Ziel ist es, den Bürger dem öffentlichen Raum zu entziehen, ihn in das Zentrum zu locken und dort zu halten", kommentiert der Architekturkritiker Falk Jaeger. Tatsächlich ist das Alexa eines von Dutzenden Malls im neuen Berlin, in denen der Flaneur trotz Erlebnisinszenierungen nicht erwünscht ist, sondern allein der Konsument.

Aus den Passagen des 19. Jahrhunderts, aus den kunstvoll intimen, behüteten, gleichwohl öffentlichen innerstädtischen Räumen sind "Gated Communitys" geworden, "ein kontrollierter privatisierter Raum für die Käufergemeinde", sagt Jaeger.

So mag es nur konsequent sein, dass Investoren sich einer stil- und kulturkritischen Öffentlichkeit gar nicht mehr stellen müssen. Ihr bestes Argument ist jenes Pärchen, das heute morgen gegen halb elf mannshohe Kistenstapel aus dem MediaMarkt schleppte.

Auch wenn es etwas blöd aussah.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.