Sibel Kekilli bei Beckmann: Die Porno-Rebellin

Ausgerechnet am Weltfrauentag stellte sich die Schauspielerin Sibel Kekilli erstmals nach der Enthüllung ihrer Porno-Vergangenheit der Öffentlichkeit. Bei Reinhold Beckmann durfte sie souverän von der "Rebellion" gegen die "türkische Welt in ihr" erzählen. Leider sparte sich der ARD-Talker die interessantesten Fragen.

Schauspielerin Kekilli bei Beckmann: Im Beichtstuhl der Nation
NDR/ face to face/ Tjaberg

Schauspielerin Kekilli bei Beckmann: Im Beichtstuhl der Nation

Schon der Wetterfrosch der "Tagesthemen", der für den Rest der Woche wieder nur fiese winterliche Kälte versprechen konnte, nahm in seiner Überleitung zur folgenden Talkshow das Wort "Porno" in den Mund. Aber: Erinnert sich noch jemand an den Untergang des Abendlandes vor genau vier Wochen? Tagelang beherrschte damals nur ein Thema die Schlagzeilen jenes übermächtigen Boulevardblatts, das "Tatort"-Kommissar Stöver alias Manfred Krug rein dienstlich gern die "Blöd-Zeitung" nennt und mit dem Bundeskanzler Gerhard Schröder jetzt endgültig nicht mehr sprechen will.

Sibel Kekilli, die 23-jährige deutsch-türkische Hauptdarstellerin in Fatih Akins Film "Gegen die Wand", eben erst mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichnet, wurde als ehemalige Porno-Darstellerin geoutet. Die Nation war erschüttert, und die braven Leser der Kontakt- und Erotikanzeigen blickten aufgeschreckt ins Leere ihres notorischen Triebstaus.

Der Skandal um die "sündige Filmdiva" schlug moralisch derart hohe Wellen, dass sogar Uschi Glas öffentlich das Wort ergriff und die Feuilletons hoch erregt ihre branchenübliche Grundsatzdebatte begannen: Darf man das? Was macht das mit uns? Und: Wo sind wir hier eigentlich?

Berlinale-Gewinnerin Kekilli: "Suche nach der Freiheit"
DDP

Berlinale-Gewinnerin Kekilli: "Suche nach der Freiheit"

Sibel Kekilli versteckte sich derweil ein paar Tage lang bei Freunden, während die Porno-Produktionsfirma Magma umgehend Sondereditionen von Filmen mit ihr auflegte. In vielen Videotheken liegen nun DVDs mit Kekillis Porno-Auftritten schön griffbereit neben der Kasse.

Doch Deutschland ist großzügig und gewährt gern die zweite, beziehungsweise dritte Chance. Und es funktioniert wie bei Michel Friedman oder Jörg Immendorff - wer in der Hölle der Medien zu verbrennen droht, dem wird Gnade und Rettung zuteil durch die Medien, ebenjene Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.

Längst heißen die Beichtstühle der Nation "Maischberger", "Kerner" und "Beckmann", und auch wer wie Sibel Kekilli eigentlich gar nicht beichten will, wird gleichwohl der Läuterung teilhaftig - in Ewigkeit. Amen.

Gestern Abend im Beichtstuhl "Beckmann", beim ersten Fernsehauftritt Kekillis seit dem Skandal, hatte Hochwürden Reinhold auch noch die perfekten Ministranten mitgebracht, welche die Sünderin fürsorglich umrahmten: Jutta Speidel und Fritz Wepper, Hauptakteure der ARD-Fernsehserie "Um Himmels Willen", und Wibke Bruhns, die gerade ein Buch über ihren Vater veröffentlicht hat, der als Nazi begann und als hingerichteter Widerständler endete - deutsche Normalität zwischen TV-Unterhaltung und Holocaust.

Kekilli in "Gegen die Wand" (mit Birol Uenel): "Ich fühle mich wie befreit"
AP

Kekilli in "Gegen die Wand" (mit Birol Uenel): "Ich fühle mich wie befreit"

Derart historisch eingeordnet nutzte Sibel Kekilli im schulterfreien, rot-schwarz gestreiften Pullover ihre Chance und präsentierte sich als ebenso anmutige wie bezaubernde junge Frau, die auf der "Suche nach der Freiheit" ist. Erstaunlich souverän und mit natürlichem Charme erzählte sie von der Zeit nach der Enthüllung: "Die ersten zwei Tage waren sehr hart. Die Übertragungswagen standen vor der Tür, und plötzlich kamen überall Leute aus ihren Löchern, die behaupteten, mich zu kennen. Aber jetzt lach' ich drüber. Es hat mich stärker gemacht, und ich fühle mich wie befreit." Fast schon Metaphysik ihre Erkenntnis: "Liebe kann auch Freiheit bedeuten."

Dennoch sei das Ganze auch für sie "erst mal ein Riesenschock" gewesen - und geweint habe sie auch, vor allem wegen ihrer Eltern, die nun über die "Bild"-Zeitung und "RTL Exclusiv" von der ungewöhnlichen Nebentätigkeit ihrer Tochter erfahren mussten. "Ich verstehe meinen Vater", sagte Kekilli. Für einen türkischen Vater bedeute dies alles eine ungeheure Ehrverletzung. Gegenwärtig hat sie überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Es tue ihr Leid, bekennt sie, aber es gebe keinen Grund zur Entschuldigung; denn gerade die "türkische Welt in mir", so Kekilli, habe ihre "Rebellion" hervorgerufen.

Für die türkische Gesellschaft sei das Thema Sex "tabu", und schon als Mädchen in Heilbronn fühlte sie sich gegenüber ihren deutschen Freundinnen benachteiligt: "Die durften fast alles, ich nichts."

Auffallend war, dass Beckmann, der mit Sibel Kekilli offenkundig ein ausführliches Vorgespräch geführt hatte, einen besonders sanften Abend verlebte und auf jene Nachfragen verzichtete, mit denen er sich sonst gern in die Weichteile der Intimität seiner Gesprächspartner gräbt. So ließ er etwa die These von der Porno-"Rebellion" ebenso unbefragt gelten wie das Motiv des jungen Mädchens, das eben Geld brauchte und nicht mehr putzen gehen oder kellnern wollte.

"Hat es denn vielleicht auch Spaß gemacht?", hätte er zum Beispiel fragen können, oder: "Kann es sein, dass diese Rebellion auch etwas mit sexueller Lust zu tun hatte?" Ob hier, in unserer durchsexualisierten Fernsehgesellschaft, doch noch ein kleines Tabu lauert, der Humus für Bigotterie und Verlogenheit?

Wie viele eher männliche Zuschauer, Klatschreporter und Redakteure von Boulevardblättern haben wohl gestern Abend Sibel Kekilli zum ersten Mal angezogen gesehen? Wie viele haben sich längst die DVDs besorgt, wie viele werden sie demnächst auf den Pornokanälen der Vier-Sterne-Hotels zu Gesicht bekommen?

Gestern jedenfalls, am Weltfrauentag, hat sich die "Bild"-Zeitung, total tabulos und voll emanzipiert, wieder einmal an die Spitze der geistig-moralischen Erneuerung des Landes gesetzt und eine neue Kampagne gestartet: "'Bild' sucht das schönste Dekolleté Deutschlands!"

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