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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Mehr billige Fetzen braucht die Welt

Eine Kolumne von

Näherinnen in Bangladesch: "Wenn wir nicht vorne sind, sind es die anderen" Zur Großansicht
DPA

Näherinnen in Bangladesch: "Wenn wir nicht vorne sind, sind es die anderen"

Wegwerfklamotten für den reichen Westen, hoffentlich machen sie Pickel: Wenn feiste deutsche Herren in kneifenden Sakkos neue Produktionsmärkte erobern, glüht die Gier.

Ein Dokumentarfilm in einem Spartensender. Ich hätte Ihnen gerne den Link präsentiert, das macht man heute so, damit man unbedingt nie in einen Fluss kommt, man könnte ja einen Text am Stück lesen müssen.

Also, der Film ohne Link. Eine lustige Rasselbande in einem Bus. Der Bus fährt durch Burma, Schotterstraßen, Slums, Dreck, Kinder, oh die lachenden Kinder. Im Bus wirklich feiste Menschen. Deutsche Textilhändler, Unternehmer, was weiß ich, was die Vögel genau machen, aber sie besichtigen Burma, um in die Zukunft zu investieren. In Ihre.

Hemdkragen kneift, es sind auch Damen anwesend in kneifenden Hosen, die Herren mit Sakkos. Geht klar im klimatisierten Bus. Wir erobern neue Produktionsgebiete. Bangladesch ist ja gut und schön, das geht aber alles noch billiger. Das muss noch billiger gehen, unsere Kunden verzeihen uns das sonst nie. Der Markt verzeiht nichts. Tommy Hilfiger produziert sehr gerne in Bangladesch.

Waren Sie schon einmal in Bangladesch? Ein Land, das man nie vergisst. Der Geruch nach verschimmeltem Metall, die Hauptstadt, die zu zwei Dritteln aus Slum besteht, der auf Müllhalden errichtet wurde, die Krankenhäuser, in denen Patienten auf Liegen mit einem Loch in der Mitte platziert sind, zum praktischen Ablauf aller Flüssigkeit, die ein Mensch so ausscheiden kann. Ein Grauen. Wir wissen das alles. Theoretisch. Frauen aus dem Slum gehen jeden Morgen zu ihren Zwölf-Stunden-Schichten, um übermüdet Kleidung für Discounter herzustellen.

Mehr billige Fetzen braucht die Welt. All die Discounter in Deutschland werden rege von einkommensschwachen Bürgern aufgesucht, die dringend neue Jogginghosen benötigen. Was sollen sie denn sonst machen? Bei Boss kaufen oder Hilfiger? Ach richtig, die lassen ja unter sehr strengen Kontrollen auch in Bangladesch herstellen.

Im Film schlendern die Anzugträger aus Deutschland durch eine Fabrik, in der streng überwacht Näherinnen am Arbeiten sind. Billiger als in Bangladesch. Wissen Sie, sagt ein Mann mit mehligem Dialekt, wissen Sie, es geht um den Cent. Wenn wir nicht vorne sind, sind es die anderen.

Die Textilhändler haben rotglänzende Gesichter

Dieses Argument hat der Menschheit in ihrer Entwicklung schon immer weitergeholfen. Wie absurd eklig diese Heuschreckenmentalität ist. Haben Heuschrecken eine Mentalität? Leerfressen und weiterziehen, nicht einmal die Knochen ausspucken, was in Bezug auf Insekten jetzt ein wirklich kaputtes Bild ist. Der Bus fährt weiter durch Dreck und Elend, die neue großartige Perspektive wird den Menschen im Land eben nicht helfen, statt für die westliche Welt Wegwerfkleidung herzustellen, könnten sie ja, sie wissen schon. Könnten, hätten, gehabt haben. Die Textilhändler, Booker, was auch immer sie sind, haben rotglänzende Gesichter. Es ist warm, von außen, und von innen glüht die Gier.

Man kann da ein gutes Geschäft machen. Ein gutes Geschäft. Die Wurzel allen Schwachsinns. Ich wünsche euch allen schmerzhafte Hämorrhoiden. Ich wünsche euch Pickel von den billigen Klamotten. Ich wünsche mir mehr Verstand für die Menschheit. Und beende den heutigen Aufsatz mit dem Gefühl, ein prächtiger Mensch zu sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 366 Beiträge
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1.
Lupus39 28.03.2015
Wären die Menschen besser dran, wenn dort keine Klamotten hergestellt würden?
2. Bravo, Frau Sibylle!
GinaBe 28.03.2015
Heute morgen,m an diesem Zeitumstellungswochenende eine Woche vor Ostern, klatsche ich Applaus zu Ihrer Lakonie, zu Ihrer Grausamkeit, mit der Sie die Zustände auf der Welt beschreiben, die vom Elend zeugen, welches produziert wird durch rationaes Denken, Gier und Rücksichtslosigkeit. ..."Leerfressen und weiterziehen, nicht einmal die Knochen ausspucken, was in Bezug auf Insekten jetzt ein wirklich kaputtes Bild ist...." Herrlich!!! Nein, ich kaufe keine Wegwerfklamotten, sondern trage alte Schätze, oftmals repariert, genäht und gewaschen, auf. Das bin ich meinem Bewusstsein schuldig.Und dafür sehe ich sicherlich in Augen moderner Menschen altmodisch und vielleicht sogar leicht abgerissen aus. Aber anschauen tu ich sie gerne, die neuen Sachen in Boutiquen- und zugegeben, selten greife ich auch zu, wenn ich gar nicht widerstehen kann. Bei einem dieser "shopping- Bummel" mokierte sich die Verkäuferin über meine liebe Jacke aus den 80ern, aus Ziehgenleder, dunkelviolett mit vielen Taschen und- zugegeben- schon ziemlich ausgebleicht. Sie sagte, ich sehe aus, als wäre ich Hartz 4- Empfängerin. Meinen Gesichtsausdruck hätte man fotographieren sollen. Kurze Zeit später schloß dieses Modegeschäft für immer und ich dachte - nichts mehr.
3. immer die Anderen !
Ishibashi 28.03.2015
aber selber nach dem billigen Schnäppchen gieren. Es ist unser Kaufverhalten und nicht irgendwelche "feisten deutsche Herren" die zu solchen Strukturen führen. Frauen sind da übrigens viel schlimmer als Männer wenn es um billige Kleidung geht.
4. Ja, so ist es. Leider?
lord.speedy 28.03.2015
Die Idee ist gut. Ich gehe zu Nortex (NMS), und bekomme dort Klamotten von Trigema? Mitnichten! Nee, sowas haben wir nicht! Was nützen mir als deutscher Konsument Hersteller, die in Deutschland produzieren, wenn ich Die Produkte nur überteuert im Internet bestellen kann oder in ausgewählten wenigen Testgeschäften? Hier muß der "Markt" mir auch die Change geben, alle diversen in deutschland produzierten Klamotten auch in normalen Geschäften erwerben zu können! Mal so nebenbei - "Made in Thailand" ist auch nicht so schlecht. Ist sehr teuer, dort zu produzieren, die Produkte sind recht hochwertig.
5.
MarkusW77 28.03.2015
Verbesserung geht nur durch Gesetze. Dem Konsumenten ein schlechtes Gewissen einreden ist wie früher in der Kirche. Durch Zoll oder verbote würde man Verbesserungen direkt erreichen. Ich bin aber ganz bei Ihnen: mögen den Geschäftsleuten Pickel am a*** wachsen.
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