Eine Kolumne von Sibylle Berg
Berlin. Du große Stadt, du Moloch, du einzige Metropole, oh du metropolische Metropole mit den kosmopolitischsten Einwohnern, die je in einer deutschen Stadt gelebt haben.
Ja gut, sie sind ein wenig rassistisch, die Berlin-Bewohner, sie haben ihre türkischen Freunde, stänkern aber gegen Schwaben und Touristen. Aber Schwamm drüber! Das sind Kinderkrankheiten einer über sich selbst hinauswachsenden Gesellschaft, einer Megacity-Gesellschaft.
Während es in untergehenden Metropolen wie, sagen wir, New York, vollkommen Stulle ist, wo einer herkommt, solange er sich ruhig verhält, während es in Tokio, im lächerlichen Tokio, Regeln gibt, die die Einwohner nicht durchdrehen lassen, wie zum Beispiel sich nicht anrempeln, sich verdammt noch mal klar darüber sein, dass man nur einer von Millionen ist, übt Berlin noch ein wenig.
Toleranz zum Beispiel.
Ein kleines, bevölkerungsgruppenrassistisches Berliner Café hat also Pömpel gegen Kinderwagen in seinen Eingang gepflanzt, oder ist es nur ein Pömpel? Egal. Der Cafébesitzer kann mit seinem Laden machen, was er will. Er kann ihn von Kindern, alten Menschen, hinkenden Menschen oder Menschen mit Sprachfehlern reinhalten. Er kann Jugendliche verbannen, er kann es auch mit Pansen auslegen, es ist ja sein Hab und Gut.
Gefluche, Gehupe und lauter Touristen!
Jeder fühlt sich ja irgendwie von jedem gestört, der nicht er selber ist. Jeder hat etwas gegen irgendeine Menschengruppe, Religion, Hautfarbe. Kurz: Am liebsten wäre den meisten, sie säßen mit ein paar handverlesenen Buddys in einer tuffigen Altbauwohnung und der Essenslieferservice brächte das Abendbrot.
Ist aber nicht. Es ist dicht geworden, voll geworden und wir stören uns an allem, was laut ist, mühsam, wir offenbaren unsere Spießigkeit mit Beschwerdebriefen an die da oben. Mit unserer Forderung an die da oben, was gegen Einwanderung, Kinderwagen, Ruhestörung zu tun.
Wir fühlen uns im Recht und sind genervt. Für die Leistung unserer Anwesenheit auf dem Planeten stünde uns eigentlich eine Medaille zu, aber keiner kommt und hängt sie uns um den Hals. Keiner, verdammt, nimmt Rücksicht auf unsere Bedürfnisse. All das Gefluche, Gehupe, all die Touristen. Nein-danke-Schilder, die Kindwagenabwehrpoller, das Geplärr, wenn ältere Menschen zu Feierabendzeiten einkaufen gehen. Wenn nicht jeder bei drei zur Seite federt.
Das offenbart einen so eklatanten Mangel an Weltgewandtheit, dass ich mir denke: Berlin, du Nest. Bist doch nur besiedelt von Menschen aus der Provinz, die sich nach Gummersbach zurücksehnen. Aber da ist ja auch Globalisierung. Die ist natürlich blöd gelaufen, dieser Kannibalismuskapitalismus geht uns ja allen, die wir nicht davon profitieren, auf den Wecker.
Aber warum, um Himmelswillen, dann keine Verbotsschilder für Rohstoff- oder Nahrungsmittel-Dealer und deren Aktionäre anbringen? Ist es nicht unvergleichlich angenehmer, inmitten von Kindern zu sein, als umzingelt von vollverblödeten, mit den Kiefermuskeln mahlenden Tradern? Aber soweit denkt in dem wundervoll urbanen Berlin keiner, da richtet sich das Unwohlsein gegen die Spezies an sich, gegen den Nachwuchs. Uns in klein.
Und eigentlich ist das wieder sehr nach vorne gedacht: Lehnen wir doch Kinder ab, hassen wir uns selber, sterben wir doch bitte endlich aus.
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