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Stundenlang für das teure neue iPhone anstehen, aber digital grundsätzlich nichts zahlen wollen? So viel zum Thema Geiz.

Eine Kolumne von


"Dafür würde ich sogar bezahlen." Die wuchtigen Worte beziehen sich auf irgendeinen Quatsch. Eine App, einen Dienst, eine Funktion, und ich habe sie gerade als Kommentar auf einer Social-Media-Site gelesen. Sie wissen schon, Twitter, Facebook, irgendeine dieser Plattformen, die für viele die zweite Heimat sind und darum natürlich umsonst sein müssen.

Heimaten kosten nichts. Auch das Leben ist ein Geschenk. Oder der Mensch ein Geschenk an die Evolution, und darum steht uns alles zu. Jetzt. Sofort. Kostenlos. Also nun gut - nicht alles ist umsonst, viele Dinge werden anstandslos bezahlt. Apple-Produkte zum Beispiel oder der Preis, den ein Ersatzmensch verlangt, um in der Schlange auf ein neues, vollkommen umwerfendes Apple-Produkt zu warten. Das süße Internet. Es spielt dem Menschen eine Macht vor, die er nicht hat. Aber dazu später.

Ich wage zu behaupten: Kein Mensch hat das Internet verstanden, am allerwenigsten die, die sich Internetexperten nennen und die meist nur ein paar Takte schneller reden können als die restlichen Digital Immigrants. Das Internet zu verstehen, mit all dem, was sich aus ihm noch entwickeln wird, ist ein wenig, wie das All zu begreifen. Wir sind zu blöd dafür. Sagt aber keiner. Hallo, ich bin Sven, und ich bin zu blöd, um das All zu begreifen.

Meinungsführung durch Geiz

Alle quatschen. Alle haben recht. Doch wenn es eine Wahrheit gibt, dann die, dass es kluge und blöde Menschen gibt. Zu den Letzteren will keiner gehören. Die Klugen jedoch kommen nicht auf die Idee, eine Leistung umsonst anzubieten. Games zum Beispiel. Regt sich irgendein Gamer darüber auf, dass Spiele Geld kosten? Warum kosten die? Richtig, weil die Game-Entwickler klüger sind als die verschnarchte Kultur- oder Medienindustrie, die schon lange keine Industrie mehr ist, sondern aus traurigen Einzelversagern besteht, die ohne Halt durchs All trudeln.

Die Gamehersteller, die Social-Media-Tüftler, die Social-Media-Plattform- Erfinder, die Amazon-Entwickler, die Google-Freaks, die Server-Anbieter, die ihre Klienten erst durch ihre scheinbare Kostenlosigkeit anfüttern und dann an den Kapitalismus verscherbeln, diese Kameraden haben ihn verstanden, den Bezahlgraben, der sich durch die Bevölkerung schlägt.

Die Alten, sprich nahe 40-Jährigen, die sich klar darüber sind, dass alles im Leben seinen Preis hat (der Satz ist so blöd, ich musste ihn schreiben). Und die Jungen, die denken, durch ihre kleinen Zahlungen ein Recht auf irgendetwas zu erwerben. Hey, ich zahle vier Cent, und darum gebe ich den Ton an, weil: Wir sind die Masse, die User, die Kommentatoren. Ich bin nicht bereit, für ein Buch mehr als zwei Euro zu zahlen. Für einen Film zahle ich generell nichts. Musik zahl ich, also so 50 Cent ist mir das wert. Zeitungen zahl ich eh nicht, die sind ja alle blöd, die Journalisten. Umsonst muss das sein, und hauptsächlich will ich meinen Kommentar lesen unter dem Umsonsten.

Meinungsführung durch Geiz. Mit 50 Cent einen Platz in der Unsterblichkeitsbibliothek. Während im Internet Sparnasen eine Free-culture-sharing-whatever-Culture propagieren, die bei sich selber stets endet (wer will eigentlich gerne umsonst als Einzelhandelskaufmann arbeiten?), werden sie, wie es der Prinz von Hannover einst so treffend formulierte: seitlich gefickt.

Petitionen gegen Bezahlschranken, Shitstorms gegen die Preise von Filmen und Büchern, aber in der Schlange stehen und auf ein Produkt warten, weil der Hersteller beim Vorprodukt die Lebensdauer auf zwei Jahre beschränkt hat. So weit zum Thema Geiz. Genießen Sie den kostenlosen Beitrag, und vergessen Sie nicht darauf hinzuweisen, dass man für so einen Mist ja wirklich kein Geld verlangen kann. Recht haben Sie.

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insgesamt 179 Beiträge
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Seite 1
janix_ 27.09.2014
1. Öh, ja, die Sprüche kenne ich
Man kann ja dennoch eine Wochenzeitung (allerdings die tieferschürfende Zeit) und eine Tageszeitung in der bezahlten Holzvariante lesen. Einfach auf das teure Ding mit dem Apfel oder das unsinnige Auto verzichten, dann hat man das Geld für den wahren Genuss locker. Doch zur Frage an mich selbst: hätte ich dies hier eigentlich hinter einer Bezahlschranke auch angesehen? Vermutlich nicht. Ich fühle mich mit ertappt. :)
marthaimschnee 27.09.2014
2.
1. Die Ware hat den Wert, die der Kunde zu zahlen bereit ist. Für physische Güter gilt das nicht mehr, weil das Angebot normal stets kleiner ist, als die Nachfrage. Wenn ich es nicht kaufe, kauft es jemand anders zu dem Preis - und ich hab Pech. 2. Im Internet gilt das nicht, weil digitale Güter sich beliebig, praktisch ohne Aufwand und ohne Verluste vervielfältigen lassen. Das Angebot ist somit unendlich, bei begrenzter Nachfrage. Der Preis ist also per Marktdefinition nahe 0 und besteht bestenfalls aus der Großzügigkeit des Kunden. DAS ist das Problem des Internet, aus Sicht des Kapitalismus natürlich. Den Kunden interessiert nicht die Bohne, welcher Aufwand hinter einer Ware steckt!
phrasenmaeher 27.09.2014
3. Großartig!
Schön auf den Punkt gebracht. Aber wie es nun einmal so ist im Tierreich, dessen Teil auch der vermeintliche homo sapiens ist: Die weitaus meisten sind sich ihres eigenen Spiegelbildes nicht bewusst. Und so wird - zumindest in Teilen - genau das hier Beschriebene eintreten. Was erlaube Berg? Von meiner Seite aus jedenfalls vielen Dank für einen treffenden Kommentar.
sappelkopp 27.09.2014
4. Danke, ein wunderbarer...
...Beitrag. Allerdings bezweifle ich, das ihn diejenigen verstanden haben, die es angeht. Naja, was das Anstehen fürs neue Apfelhandy angeht und das freiwillige Heraustun des überteuerten Preises dafür, bei gleichzeitiger Kostenloskultur für die Inhalte, die Antwort darauf ist einfach. Das Apfelphone sieht jeder, wenn es vor einem liegt, die Inhalte nicht.
Kein Gutmensch 27.09.2014
5. Vielleicht........
....... sollte man darauf hinweisen, dass der Beitrag zwar nicht kostenlos ist (bezahlt wird durch die eingeblendete Werbung, die über die verkauften Produkte finanziert wird, welche am Ende die "dummen" "Free-culture-sharing-whatever-Culture"-Menschen durch ihren Konsum mit bezahlen), aber umsonst. Nur weil einige Profschreiberlinge nicht begriffen haben, dass alte Modelle sorgenfreien Schreibenkönnens, finanziert durch Verlage (und deren Leser) durch eine Vielzahl an Alternativangeboten im Netz nicht so wird weiterexistieren können wird, wie bisher. Und überlässt man die Definition von "Qualität" - gerade im journalistischen Bereich - nicht den Journalisten selber, sondern macht sie daran fest, wer davon leben kann (also entweder einen der aussterbenden Verlage oder genügend Leser findet, um das durch Werbung finanzieren zu können), dann trennt sich auch da schnell die Spreu vom Weizen.. Die "Masse Mensch" (Thema Schwarmintelligenz) bringt vielleicht nicht die Elite oder Elitäres hervor, ist aber meist intelligent genug, einer sich selbst zur Elite erhebenden Schreiberlingskultur die kalte Schulter zu zeigen.
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