S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Zeit zu lüften

Sich unbeholfen tätscheln, Gutscheine und Kosmetiksets austauschen, zwischendurch kleine Familientragödien absolvieren - und einen Besuch in der weihnachtlichen Fritten-Favela. Jetzt ist das endlich vorbei. Nächstes Jahr machen wir alles anders.

Eine Kolumne von

Weihnachtsmarkt in Berlin: Nicht so, wie man es sich vorgestellt hat
DPA

Weihnachtsmarkt in Berlin: Nicht so, wie man es sich vorgestellt hat


Die Wohnung. Man sollte sie lüften. Irgendeiner sollte sie lüften. Der Baum nadelt. Tristesse. Den lassen wir stehen. Da scheinen Gänseknochen zu liegen. Die lassen wir liegen. Es riecht nach Menschen, Heizung, Essen, nach Baum, und vielleicht kann man rausgehen. Wollen wir rausgehen, Blick zu schlaffen Angehörigen, nein, da sind die Weihnachtsmärkte. Oder sind die weg? Die temporären Vorhöllen, die bereits an Ostern errichtet werden. Nachbauten früherer Favelas, Wellblechhütten, Sperrholzbuden, um in den Städten die Zeit der Besinnung einzuleiten. Seht nur, so hat der arme Mensch früher gewohnt. Und die Stadtbewohner gehen, die Not zu besichtigen und sich ob des Elends zu besaufen.

Weihnachtsmärkte. Das Holz gewordene Grauen. Was tun die Leute da? Gepantschten, aufgekochten Alkohol trinken und Frittiertes essen, nonchalant noch ein paar Spielsachen aus Bangladesch kaufen und dann kotzen. Egal. Nun sind sie weg, die Familie dito. Und es war wieder nicht so, wie man es sich vorgestellt hat. Wie in einem Film. Mit einem kleinen Streit, Tragödien, und am Ende sitzt die Familie zusammen, der Großvater lebt noch, und alle umarmen sich. Und sagen: I love u Daddy, und Daddy sagt: I love u too.

Wie ein Geschlechtsverkehr ohne Orgasmus

Und dann Musik. Jazz. Traurig, aber hoffnungsvoll. Alle küssen sich. Lachen total. Sind intensiv, singen zu Radiomusik und lachen noch mehr. Die fühlen jede Sekunde. So ist es doch nie. Was ist, zu volle Straßen, zu viele Menschen, zu schlechtes Wetter. Und immer denkt man, die richtig guten Feten haben nur die anderen.

Und man selbst ist der einzige Mensch, der nun leer auf dem Sofa sitzt und das Gefühl hat, alles war wie ein Geschlechtsverkehr ohne Orgasmus. Irgendetwas Wichtiges ist nicht gesagt worden, irgendeine übergreifende Geste voller Liebe fand nicht statt. Warum kann man das nie genug zeigen, warum fühlt man das nie so stark, wie man es sich wünschte, das Glück, Menschen zu haben, mit denen man verwandt ist. Warum kann man das nicht verdammt noch mal genießen und zeigen? Außer durch blöde Geschenke, die zu besorgen so keine Freude macht.

Weiß man doch alles, die Obdachlosen, die alten Einsamen, die, denen der Liebste gestorben ist, und die nun allein in Küchen sitzen. Aber es hilft nicht, das eigene Glück wird nicht stärker durch das Wissen um das Unglück anderer. Und nun war eben wieder nur Weihnachten. Da wurde zu viel gegessen, peinlich berührt gesungen, sich unbeholfen getätschelt, wurden die Geschenke ausgepackt. Bar jeden Versprechens, liegen da einfach nur Gutscheine für iTunes und von L'Oréal zusammengesetzte Sets. Man muss das wegräumen, wohin nur mit all dem Zeug, und lüften. Und sich vornehmen, im nächsten Jahr alles anders zu machen. Wird man nicht.

Keine Sorge. Es wird alles bleiben, wie es war.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Angelheart 28.12.2013
1. Danke...
...für diese zutreffende Analyse deutscher Weihnachtstristesse! Vergessen haben Sie noch die völlig überflüssigen Kirchgänge! Zum Glück haben wir schon vor Jahren die Konsequenzen gezogen und belügen uns nicht mehr, sondern nutzen die freien Tage zu Unternehmungen mit den Kindern, die auch verstanden und akzeptiert haben, dass es mehr gibt, als Geschenkorgien unterm Baum!
neuronensalat 28.12.2013
2. Sehr schön!
Gut getroffen, wie fast immer, Frau Sibylle. Danke.
kallekie 28.12.2013
3. Wenn man,
wie Sie sagen, eben diese Erfahrung selbst macht, dass sich der andere genau denselben superrunden, goldmittigen Betrag als Weihnachtsgeschenk ausgedacht hat, dann wird es allerdings Zeit, besinnlich zu werden ;) Ich finde Ihre Kolumne heute auch wegen der kurzen, stichigen Sätze so gelungen - nutzen Sie doch bitte gefälligst konsequenter die Mittel der Sprache, um mit Ihrer Aufgebrachtheit ähnliche "als ob" (sie bei mir in der Küche stünde) - Erfahrungen wachzurufen...
schamyrha 28.12.2013
4. Wenn man Weihnachten
so negativ sieht, dann kann man es doch einfach sein lassen!!! Meinst muss auf Weihnachtsmärkte gehen. Niemand muss Geschenke kaufen. So ein Scheiß! Ich hatte schöne Weihnachten, nicht perfekt, aber den Anspruch habe ich auch nicht! Ich hatte Schöne Tage mit Familie und Freunden, habe lecker gegessen und schöne Geschenke gemacht, bei denen es mir Spaß gemacht hat sie zu besorgen oder sie selber zu machen. Und ich könnte höchstens kotzen, wenn ich so einen negativen Mist lese! Es steht jedem frei weg zu fahren oder einfach gar nichts zu machen! Aber verderben sie doch anderen Menschen nicht ihr Fest!!!
apostata 28.12.2013
5. Selber schuld,
kann ich nur sagen. Niemand braucht den Schwachsinn mitzumachen, weder den religiösen, noch den ökonomischen. Ich habe weder Adventskranz noch Tannenbaum, verschenke nichts, nehme keine Geschenke an und Kirchen betrete ich ohnehin höchstens aus musealem Interesse. Niemand muss den Konsumterror und die verlogenen christlichen Zeremonien mitmachen. Ich lade ungläubige Freunde und Verwandte zum Essen ein, wie ich das das ganze Jahr hindurch tue und erfreue mich der gegenseitigen Nächstenliebe fröhlicher "Heiden". Das geht problemlos, auch wenn es Kleris und Einzelhandel nicht gern sehen. - Wo also ist das Problem?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.