S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Schrotflinte ist die falsche Antwort

Aufgrund vieler Reaktionen geht die Debatte über die Buchbranche weiter: Hört auf, liebe Verleger, jeden Text zu drucken, der euch angeboten wird. Und merkt euch eins: Die Politik wird die Buchbranche nicht retten.

Eine Kolumne von


Das ist der große Buchreport, Teil zwei. Auf meinen letzten Text an dieser Stelle kamen viele Reaktionen, die überraschenderweise über das reine Beschimpfen hinausgingen. Hauptsächlich meldeten sich Kolleginnen und Kollegen. Viele beklagten die zunehmende Hektik der Branche. Ratlos waren sie, wie sich Geschwindigkeit, der Zwang zur Selbstvermarktung, mangelndes Einkommen mit Qualität vereinbaren ließen.

Es kamen aber auch Antworten wie diese, die ich in ihrer Brillanz gerne zum Anlass nehme, um noch einmal die Situation des Buches aus der fast ahnungslosen Sicht einer Autorin zu beschreiben. Einer Autorin mit Glück, muss ich anfügen, denn ich habe einen Verlag, der noch nicht einem Großkonzern gehört und der sich noch den Luxus hervorragender Lektoren gönnt. Die werden andernorts gerne als Erstes eingespart.

Dass jeder heute sein Buch im Eigenverlag herausbringen kann, ist fantastisch. Es kann ja auch jeder Aquarelle malen oder eine Plastik erstellen, ein Theaterstück aufführen, wenn er die Geduld dazu aufbringt. Ich wage zu behaupten, dass nach dem zehnten unredigierten Buch auch der ambitionierteste Käufer ermattet aufgibt. Nein, Kollege Beckmann, ich habe keine Brandrede gegen das gedruckte Buch verfasst, ich sagte nur, dass es egal ist, in welcher Form der Leser liest. Die Frage ist, welche Rolle der Verlag in einer sich für den Menschenverstand zu schnell verändernden Zeit hat. Ist die Antwort auf abnehmende Leserzahlen wirklich, mit einer Schrotflinte in die Luft zu schießen? Und im Verlag das Internet nachzustellen, was heißt: Wir drucken alles, was sich uns anbietet, und werfen es mal in den Handel?

Oder denken wir darüber nach, wieder zu einer Form der Qualität zurückzukehren, da sich doch das Konzept der Quantität nicht wirklich bewährt hat. Wollen wir vielleicht eher wieder konzertiert arbeitende Verlage mit hervorragenden Lektoren? Und wäre es eine Möglichkeit, bestimmte Bereiche auszulagern? Oder jammern wir, dass sich die Welt verändert? Die Menschen lesen weniger als früher, ganz einfach, weil wir in einer Phase leben, in der viele zwei Jobs haben, wo früher ein halber langte. Weil die meisten Menschen gar nicht mehr nachkommen mit all den Filmen, Artikeln, sozialen Plattformen, E-Mails. Wer findet angesichts des "Das musst du noch tun"-Dauertons noch den Frieden, ein Buch gedruckt oder in digitaler Form zu lesen?

Zu allen Zeiten war es nur ein kleiner Teil der Menschheit, dem Bücher fast lebenswichtig waren. Der Anteil ist nicht gewachsen. Ist es also sinnvoll, dem Umstand mit mehr Büchern zu begegnen? Großhändlern fassungslos beim Raubbauen zuzusehen und panisch wieder einen neuen Buchpreis ins Gelände zu werfen, um eine minimale Aufmerksamkeit zu erreichen? Also das Netz in 1.0 nachzustellen?

Auch die Literaturkritikerinnen und -kritiker der in der Krise befindlichen Medien arbeiten unter hohem Druck die eingehende Bücherflut ab, sie beklagen die mangelnde Qualität, um im Anschluss schnell die neuste Biografie eines Fußballers zu erstellen. Der Leser will das so. Der will in allen Artikeln, die er online abruft, dasselbe verhandelt sehen.

Es ist einfach zu sagen, die Politik sollte. Klar sollte sie, tut sie aber nicht, weil wir eine weitgehende Kulturfeindlichkeit gewählt haben, mit unserem Hang zur rechtskonservativen Sicherheitsvortäuschung. Also müssen wir selber ran. Die Verleger, die Buchhändler, die Autoren. Zusammen. Darum ging es, lieber Herr Kollege.

Und nächstes Mal wieder: die Weltpolitik.

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Nabob 19.07.2014
1. Es ist doch ganz einfach zu verstehen
Zitat von sysopAufgrund vieler Reaktionen geht die Debatte über die Buchbranche weiter: Hört auf, liebe Verleger, jeden Text zu drucken, der euch angeboten wird. Und merkt euch eins: Die Politik wird die Buchbranche nicht retten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-buchmarkt-und-literaturbetrieb-a-981535.html
Das Buch wird eingehen. Wer mit Hilfe des Staates von der Industrie über die Medien darauf getrimmt wird, das Leben in erster Linie als ein materialistisches Unterfangen zu verstehen, zu kaufen, um darin steckenzubleiben und letztlich keine weitergehenden Interessen zu haben, um sich in der Gesellschaft allein darüber zu positionieren, dem bedeutet Buch nichts. Auch wurde unsere ehemals vorhandene intellektuelle Klasse abgeschafft, es gibt mithin außer Kaufleuten keine Idole mehr, Literatur hat nur noch dann einen Stellenwert, wenn der Leser sich als Voyeur fühlt - alles andere ersetzt mittlerweile das Internet. Im Fernsehen gibt es unter den diversen Angeboten gerade mal einen verbliebenen Sender, der in etwa einem Bildungsauftrag nachkommt. So soll es sein, so werden die Menschen ruhiggestellt und auf das Fließband der immer defizitären Anschaffungswünsche gesetzt. Es ist nur zu logisch, dass das Buch seinen gesellschaftlichen Stellenwert vor diesem Hintergrund einbüßt. Daher kommen ja auch noch kaum gute Bücher auf den Markt, die guten Autoren sind mittlerweile alle verstorben.
lutschbommler 19.07.2014
2.
Ich bin nicht so ganz in der Materie drin bezüglich der Buchbranche, aber ich nehme ähnliche Entwicklungen wahr im Musikbereich. Es ist ja ansich toll, wenn es computergestützte Möglichkeiten gibt, relativ leicht Musik zusammenzubasteln, oder selbst passabel aufzunehmen. Auch diverse Online-Plattformen als Publikationsmöglichkeiten sind ganz prima... do-it-yourself, für mich immer auch ein bisschen Punk... aber dabei entsteht leider so viel mittelmässiger bis schrottiger Kram, verteilt auf YouTube, BandCamp, SoundCloud etc. Die mehr oder weniger zugemüllte Musikhörenden verändert natürlich ihr Kaufverhalten, auch sein Gespür für Qualität, behaupte ich. Im Detail sicher anders gelagert als in der Buchbranche, im großen Zug vielleicht aber doch eine ähnliche Problematik.
lutschbommler 19.07.2014
3.
Ich bin nicht so ganz in der Materie drin bezüglich der Buchbranche, aber ich nehme ähnliche Entwicklungen im Musikbereich wahr. Es ist ja an sich toll, wenn es computergestützte Möglichkeiten gibt, relativ leicht Musik zusammenzubasteln, oder selbst ganz passabel aufzunehmen. Auch diverse Online-Plattformen als Publikationsmöglichkeit sind prima... do-it-yourself, für mich immer auch ein bisschen Punk... aber dabei entsteht leider viel mittelmässiger bis schrottiger Kram, verteilt auf YouTube, BandCamp, SoundCloud etc. Die mehr oder weniger zugemüllten Musikhörenden verändern natürlich ihr Kaufverhalten, auch ihr Gespür für Qualität, behaupte ich. Im Detail sicher anders gelagert als in der Buchbranche, im großen Zug vielleicht aber doch eine ähnliche Problematik.
BettyB. 19.07.2014
4. Kleiner Irrtum
Es gibt Bücher, die erscheinen, um sie zu verkaufen, dazu gehört gute und lesenswerte Literatur sowie auch der Prominentenschrott, andere druckt man allein, um sich den Druck bezahlen zu lassen. Aus all diesen beziehen Verlage ihr Einkommen. Und wenn ein Teil in die "gute Literatur" fließt, sollte man dafür dankbar sein...
Mertrager 19.07.2014
5. Bin drin
... in der Materie als Buchhändler. Ich bewundere immer wieder, was da so alles geschrieben wird. Und meist, wie auch hier, aus meiner Sicht am realen Buchhandel völlig vorbei. Das Buch wird untergehen, so wie die Menschheit auch nicht ewig ist. Aber alle, die das hier lesen, werden das nicht mehr erleben. Was sich verändern könnte ist, dasz Bücher das Medium sind, was neue Inhalte im Volk verteilen. Aber für Liebhaber des gedruckten Textes werden Bücher noch lange leben. Leben kann allerdings der Buchhandel immer schlechter. Diese Herausforderung für die Händler ist ein umfangreiches Thema, das hier den Rahmen sprengt und auch in dem Artikel nicht wirklich angesprochen wird. Journalisten hat selten interessiert, wovon die Anderen leben.
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