S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Zitternd und mit Oropax

Wenig ist widerwärtiger als Buh-Rufe. Mag der große, rauschhafte Abend auch der Traum aller Theaterleute sein und jede Inszenierung ein Versuch, die Welt neu zu erfinden - am Ende steht die Verhöhnung durch das Publikum.

Eine Kolumne von


Der Vorhang senkt sich, wenn auch meist nur noch gefühlt. Ein Stück ist zu Ende. Ein Schauspiel, eine Oper, egal. War es eine kleine Produktion, haben 20 Menschen zwei Monate an dieser Inszenierung gearbeitet, oft sind es 50. Die meisten sieht man nicht, sie sind in der Technik, im Bühnenbau, in der Tonabteilung, in der Schneiderei. Die Requisite fieberte an diesem Abend genauso mit wie die Maskenabteilung. Zwei Monate Angst, Spaß, Verwirrung und harte Arbeit.

Sicher auch eine privilegierte Tätigkeit, denn jene, die am Theater oder an der Oper arbeiten, müssen nicht in einen Bergbau. Aber dennoch Arbeit. Außer bei den Stars nicht besonders üppig bezahlt, mit vielen Überstunden. Selbstgewähltes Schicksal. Sicher. Die Sänger und Schauspieler, die Regisseurin wollen wir auch kurz erwähnen. Im Theater, auch meist mies bezahlt, wollen sie immer und bei jeder Inszenierung die Welt neu erfinden.

Jetzt endlich, heute, in dem Moment, wird es der perfekte Abend, denken alle. Denn keiner am Theater oder an der Oper nimmt sich vor, mal so richtig zu scheitern. Meist bleibt der eine rauschhafte, große Abend aus, denn die Gefahr, wenn 50 oder eben hundert Menschen zusammenarbeiten ist, dass Dinge nicht vollkommen reibungslos zusammenpassen, die Phantasie sich nicht mit der Realität vereinbaren lässt. Ein Video zu hell, ein Einsatz zu laut, ein Schauspieler ist krank, dann springt ein anderer ein, seine Mutter ist gerade krank. Dann fällt ein Scheinwerfer aus, ein Kronleuchter runter, was kann alles schiefgehen.

In der Dunkelheit der Masse

Egal, der große Abend ist vorüber, alle Beteiligten hoffen auf das Wohlwollen des Publikums. Das gibt es nicht. Verhaltenes Klatschen, dann hört man die ersten Buhrufe. Entrüstete Zuschauer, die entweder ihre Erwartungen, wo auch immer die herkamen, nicht erfüllt sahen oder die mit der Leistung eines Künstlers unzufrieden waren, einen Schauspieler nicht mochten oder die Regisseurin blöd fanden. Vielleicht gefiel ihnen auch ein Video nicht, aber das können sie im Publikum ja nicht wissen, wer von den Schwarzgekleideten dafür zuständig ist. Es wird gebuht, und ich kann Ihnen sagen, es gibt wenig auf der Welt, was widerwärtiger wäre.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Laden, in einem Büro, Sie sind Ingenieurin oder Zahnärztin, Sie sind Lehrer oder Maler, und immer dann, wenn Sie die Erwartungen Fremder nicht erfüllen, werden Sie ausgebuht. Der Patient hatte sich eine andere Füllung imaginiert. Buh. Rotten buhender Menschen im Museum vor Bildern, die schwer zugänglich sind. Buhende Menschen im Kino.

Mir stellt sich die Frage, ob Menschen, die sich bei Premieren so entäußern, wissen, was sie da tun. Gibt ihnen der Erwerb einer Eintrittskarte wirklich das Recht, Künstler zu traumatisieren? Ich habe von Sängern gehört, die ihre Laufbahn wegen Buhrufern beenden mussten. Regisseure, die zu trinken begannen. Aus eigener Erfahrung darf ich Ihnen verraten, dass ich die Premierenverbeugung nur noch zitternd und mit Oropax überstehe. Und ich frage die buhenden Menschen: Was denken Sie sich dabei? Können Sie nicht einfach den Beifall verweigern, Aufführungen meiden, die Ihnen zu gewagt erscheinen? In der Pause leise und höflich verschwinden?

Werden Ihre Erwartungen im Leben sonst immer erfüllt, und ist irgendjemand dazu da, genau das zu tun? Ist Ihr momentanes Unbehagen so wichtig, dass es rechtfertigt, eine Karriere zu beenden oder Menschen den Spaß an ihrem Beruf zu verderben? Haben Sie Mut, buhen Sie in der Bank, buhen Sie vor Rohstoffhandelsfirmen, buhen Sie, wenn wieder ein schönes Gebäude in Ihrer Stadt verschwindet, buhen Sie bitte Tag und Nacht.

Aber überlegen Sie sich, was Sie bei einem Theaterbesuch damit anrichten können. Ob Sie allein mit einem Künstler den Mut hätten, ihn anzubuhen. Oder ob Sie nicht mehr sind als ein pöbelnder Online-Kommentator, der die Dunkelheit der Masse für seinen Mut benötigt.

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
Indigo76 03.08.2013
1.
Zitat von sysopWenig ist widerwärtiger als Buh-Rufe. Mag der große, rauschhafte Abend auch der Traum aller Theaterleute sein und jede Inszenierung ein Versuch, die Welt neu zu erfinden - am Ende steht die Verhöhnung durch das Publikum. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-buhendes-publikum-a-913911.html
Was war das? Fishing for Buhrufe? Ein sehr anschaulicher und guter Artikel und dann der bescheuerste Schlussatz, den ich je auf spon gelesen habe. Wollen sie pöbelnde Kommentatoren? Wenn nicht, haben sie einen denkbar schlechten Weg gewählt. Man sollte die, von denen man sich Beifall erhofft, niemals beleidigen.
hého 03.08.2013
2. Liebe,
ich nehme an, dass Sie sich in Ihrem Kommentar auf die letzte Bayreuth Vermasselung beziehen. Nun, ich habe sie nicht gesehen, aber das Gebuhe kam ja nicht nur aus den Reihen des Publikums und scheint sich ja kaum auf die Sänger, das Orchester oder den Dirigenten bezogen haben, sondern schier ausschliesslich auf den Regisseur. Die gesamte internationale Presse schüttelt den Kopf und da mag an den Buhrufen ja vielleicht was dran sein.
praktisch 03.08.2013
3. Buhen gehoert zur Buehne
Wer gern im Rampenlicht steht, muss bei Nichtgefallen auf Buhrufe gefasst sein. Das Sensibelchen sollte dann lieber als Blumenverkaeufer oder Ingenieur seine Broetchen verdienen. Aber bei unbefriedigender Leistung kann es eine Abmahnung oder Kuendigung geben. Auch ein Grund, zur Flasche zu greifen.
h.hass 03.08.2013
4.
Wenn die Künstler nicht ausgebuht werden wollen, dann sollen sie auch darauf verzichten, beklatscht zu werden. Zahnärztinnen, Lehrer oder Maler werden, um bei Frau Sibylles Beispielen zu bleiben, nämlich auch nicht beklatscht. Klatschen und Buhen sind Gefühlsäußerungen, die nur bei künstlerischen Darbietungen eingesetzt werden. WAS wäre die Alternative, wenn dem Publikum eine Aufführung nicht gefällt? Wie soll es seine Abneigung zum Ausdruck bringen? Es gibt nun mal Theaterinszenierungen, die einfach zum Davonlaufen sind. Der Verweis auf die 50 Menschen, die monatelang an der Aufführung gearbeitet haben, ist hier wenig zielführend. Wenn das ein Kriterium wäre, dann müssten wir auch einen NSDAP-Reichsparteitag beklatschen - oder auch nur einen Musikantenstadl mit Andy Borg. An diesen "Aufführungen" haben auch sehr viele Menschen sehr lange gearbeitet.
Bronko 03.08.2013
5. Denkfehler
Applaus stellt Anerkennung dar, keine Reaktion zumindest Gleichgültigkeit oder Unentschlossenheit und Buhrufe oder Pfiffe sind der einzige Ausdruck negativer Rezeption. Ist so alt wie das Schauspiel selbst, also muss man wohl damit klarkommen.
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