S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Ändern wir doch auch mal Deutschland

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Wir fluchen über Israel und die USA, wir spenden für Kinder in Afrika - wir wollen immer gleich die ganze Welt retten. Warum werden wir nicht mal dort aktiv, wo wir wählen gehen und uns auskennen? Man könnte ja im Asylbewerberheim um die Ecke vorbeischauen. Oder beim Rentner von nebenan.

Ich habe ihn gehört. Live und in Farbe. Den Satz: Ich habe nichts gegen Juden, aber ich bin Israelkritiker. Nach dem Satz folgte das allgemein bekannte, absolut positiv kritische, angelesene und auswendig gelernte Halbwissen, um das es heute ebenso wenig gehen soll wie um die amerikakritischen Kommentare nach den Morden beim Boston-Marathon.

Es geht auch nicht um Madonna, die schon wieder in Afrika mit Kindern beim Tanzen fotografiert wurde. Sondern ganz einfach um die Untersuchung meiner dauernden Frage: Menschen, warum kümmert ihr euch nicht um euren Scheiß?

Die Welt retten zu wollen, sich zu empören über Missstände, Ungerechtigkeit und abstoßende Regierungen ist an und für sich nicht schlecht, bekommt aber schnell etwas von einer bequemen Empörungsverlagerungsstrategie.

Statt eine Patenschaft für ein Kind zu übernehmen, das irgendwo in irgendeinem Land sitzt und von dem man nicht einmal den Vornamen weiß, könnte man in Deutschland oder der Schweiz aktiv werden. Kinder zu sich nach Hause einladen, Patenschaften in der Nachbarschaft übernehmen, das volle Programm. Machen sicher auch viele, aber den meisten scheint das Elend im eigenen Land nicht groß genug.

Oder ist es gar zu wenig exotisch? Böse Unterstellung, doch wenn man weiß, wie viele Kinder in Deutschland unter der Armutsgrenze leben, in welchen Verhältnissen Kinder in Asylantenheimen wohnen, wenn man sich genau ansieht, wie Roma- und Sinti-Kinder ignoriert werden, und zwar von Deutschen, und zwar täglich, sollte man doch glauben, es gäbe jede Menge zu tun, wenn man sich dazu entschlossen hat, andere an seinem relativen Wohlstand teilhaben zu lassen.

Ist das Elend daheim zu nah?

Es gäbe auch tausend Möglichkeiten, sich für alte Menschen zu engagieren. Aber die sind ja noch weniger niedlich, oder warum tun viele der spendenfreudigen Menschen das nicht? Ist das Elend zu Hause vielleicht zu nah an einem selber? Ist es einfacher, sich das Unglück von Menschen irgendwo auf der Welt vorzustellen, als es real neben dem eigenen Haus zu entdecken? Fragen über Fragen, wie die nach den Kritikern anderer Länder, die eigentlich ausschließlich Amerika und Israel sind.

Wir wollen nicht darüber nachdenken, dass es angezeigter wäre, Tschad- oder Russlandkritiker zu sein. Reden wir vom normalen Deutschlandkritiker. Mit ein wenig, sehr wenig Mühe fände sich auch hier viel zu tun, um das Land und seine Politik zu optimieren. Man könnte zum Beispiel wählen gehen.

Fernab von Endlagerung und Bahnhofsneubauten könnte man weiterhin viele Ungerechtigkeiten und fragwürdige diplomatische Beziehungen kritisieren und bekämpfen. Könnte vor Firmen und Läden demonstrieren und solche boykottieren, die zu unmenschlichen Bedingungen in armen Ländern produzieren lassen, und so weiter.

Es gibt in jedem Land dieser Welt, und auch in unserem eigenen, noch viel zu verbessern. Und die Frage ist, warum beginnen viele Menschen nicht dort aktiv zu werden, wo sie eine Stimme haben und sich auskennen? Ist es die erweiterte mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik? Oder ist es zu unbequem, im eigenen Land Initiative zu zeigen, die über das Posten wütender Kommentare hinausgeht? Ist es einfacher, sich bequem in die Weltpolitik einzumischen und online eine Spende zu leisten?

Sie verstehen mich richtig, wie immer, oder? Nichts gegen spontane Solidarität nach verheerenden Naturkatastrophen irgendwo, nichts gegen Spenden und Güte. Aber es gibt auch bei uns noch einiges zu tun, ehe wir den Rest der Welt verändern.

Dann mal los.

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1.
Atheist_Crusader 11.05.2013
Zitat von sysopWir fluchen über Israel und die USA, wir spenden für Kinder in Afrika - wir wollen immer gleich die ganze Welt retten. Warum werden wir nicht mal dort aktiv, wo wir wählen gehen und uns auskennen? Man könnte ja im Asylbewerberheim um die Ecke vorbeischauen. Oder beim Rentner von nebenan. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-das-deutsche-weltretter-syndrom-a-898707.html
Ja, und jeder einzelne davon steht unter polizeilicher Beobachtung.
2. Danke Frau Berg!
rennix 11.05.2013
besser hätte ich es auch nicht formulieren können, Da wird selbstherrlich über Kanzlerin Murksel und USA/Israel schwadroniert. Aber sich selbst auch mal mal kommunalpolitisch zu engagieren. Ehrenamtlich. Einfluß nehmen auf Dinge, die man tatsächlich verändern kann? Keine Spur. Lieber in Bekanntenkreis mit erhobenem Zeigefinger die Welt erklären. Ist bequemer.
3. optional
altarek 11.05.2013
Genau so ist es. Es muss immer die ganze Welt sein. Erstr wollten wir die erobern,jetzt wollen wir das Welt-Klima retten und den Regenwald und die Berggorillas und was sonst noch alles. Wir haben alle eine Brille auf mit Fernsicht. Das Elend in der Nachbarschaft ließe sich wirklich und mit sichtbarem Erfolg lindern. Aber ganze Welt ist irgendwie besser und nicht so anstrengend.
4. Warum nicht?
waldlergeist 11.05.2013
Weil uns all die Jahre der pure Egoismus eingeimpft wurde. Und wenn ich schon so ein Idiot bin, wie kann ich davon ausgehen, der Nachbar wäre besser. Außerdem - auch das wurde uns eingebläut - sind die Anderen ja selber Schuld an ihrem Schicksal. Weil zu faul, zu fett oder zu kinderreich. Die eigene Arroganz steht uns gewaltig im Weg. Doch mittlerweile wendet sich das Blatt und langsam (und sehr vorsichtig) entdecken wir, dass um uns herum lauter lebendige Menschen leben. Übrigens verströmt der Artikel einen sonderbaren Subtext. Sich um das eigene Volk (!) mehr zu kümmern - für solche Forderungen wären wir vor Jahren als engstirnige Nationalisten - oder noch Ärgeres - verteufelt worden. Guter Text.
5. Warum nicht?
waldlergeist 11.05.2013
Weil uns all die Jahre der pure Egoismus eingeimpft wurde. Und wenn ich schon so ein Idiot bin, wie kann ich davon ausgehen, der Nachbar wäre besser. Außerdem - auch das wurde uns eingebläut - sind die Anderen ja selber Schuld an ihrem Schicksal. Weil zu faul, zu fett oder zu kinderreich. Die eigene Arroganz steht uns gewaltig im Weg. Doch mittlerweile wendet sich das Blatt und langsam (und sehr vorsichtig) entdecken wir, dass um uns herum lauter lebendige Menschen leben. Übrigens verströmt der Artikel einen sonderbaren Subtext. Sich um das eigene Volk (!) mehr zu kümmern - für solche Forderungen wären wir vor Jahren als engstirnige Nationalisten - oder noch Ärgeres - verteufelt worden. Guter Text.
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