S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Im Zwischenreich der Gefühle

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Sofa, Ort des Schweigens: Und es regnet nicht Zur Großansicht
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Sofa, Ort des Schweigens: Und es regnet nicht

Das große Schweigen in unserem Leben - schuld ist wahrscheinlich das Sofa. Und andere zu große Möbel in unserer Wohnung. Oder unsere vollkommen unnütze Arbeit, der wir nachgehen. Über die wir aber nicht reden können, weil sie uns nicht interessiert. Dabei müssen wir doch reden.

Nein, ich möchte nicht mit dir über unsere Beziehung reden.

Weißt du, wenn man damit einmal beginnt, kann man sich auch gerade trennen, und trennen wollen wir uns doch nicht. Weil wir wissen, wie der Markt aussieht.

Wir kennen unseren Wert, und der ist nicht gerade berauschend. Wir sind im selben Alter wie die meisten. Dazwischen. Da geht man nicht mehr in Clubs. Oder man steht dort und wird depressiv, weil man bereits sechsundzwanzig ist und in einer bedeutenden Stadt wohnt und versteht, dass es noch etwas im Leben geben muss. Und keine Ahnung, was das sein kann, nur die Gewissheit, dass das Gehirn, das wir zugeteilt bekamen, nicht das eines Atomphysikers ist.

Wir sind eindeutig aus diesem Alter heraus und sind nun Teil jener, denen Alter egal ist, wie sie behaupten, und die besten Jahre, die haben immer noch nicht begonnen.

Wir sitzen in einer Wohnung, die aussieht, als wäre sie von einer großen Möbelhauskette eingerichtet worden. Ist sie auch. Es stehen Möbel in unserer modernen Wohnung, die sich selber beatmet, die zu groß für uns sind.

Es sieht immer ein wenig traurig aus, wenn du auf dem Sofa sitzt, ernsthaft entschlossen, dieses Sofa zu beleben und zu nutzen und dich wohl zu fühlen. Aber wie soll man sich wohlfühlen auf etwas, das ist wie ein Elefant, der aber nicht atmet?

Wir sitzen also in der Wohnung, nachdem wir im Tagesverlauf für die Volkswirtschaft vollkommen uninteressante Arbeiten erledigt haben. Ich habe früher gesagt, ich mach etwas mit Kommunikation. Stimmt auch, ich organisiere interne Meetings, die nie stattfinden, und sehe dabei auf eine Platane. Eine eingebildete Platane. Ohne Laub. Das ist bedeutungsschwer.

Und zu Hause sehe ich auf dich, und wir haben uns einmal verstanden. Aber es ist schwierig, sich abends aneinander zu gewöhnen, wenn man den ganzen Tag vollkommen unnütze Dinge gemacht hat, von denen man nicht berichten kann. Also erzählen wir uns etwas von Kollegen, was den anderen nicht interessiert, und kochen biologische Produkte und würzen sie mit Meersalz.

Und dann sitzen wir auf dem Sofa, das uns verschluckt, und streamen irgendeine HBO-Serie, und ich denke, jetzt könnten wir nicht einmal über unsere Beziehung reden. Denn da gibt es nichts zu sagen, außer: Ich glaube, das Sofa ist schuld. Es frisst unser Leben, und die Arbeit frisst unser Leben, und stattdessen sollten wir.

Meine Güte. Was bloß. Ich wollte früher immer Musik hören und Freunde haben und Ferien machen, aber mir fällt nicht mehr ein, warum. Das, sage ich mir manchmal, ist das Elend derer, die kein Elend kennen. Die nicht fünf verschiedene Jobs haben, sondern nur einen. Das ist das Elend derer, die nicht mehr jung sind und nicht alt.

Alles hält sich in einem Zwischenreich auf, auch die Gefühle, über die man reden könnte, wie es in Filmen immer passiert. Aber auch da trennen sich die Menschen im Anschluss, und dann sind sie wieder auf der Suche nach etwas Großem, das Leben in die Bude bringt.

Wir schauen Serien, sitzen auf dem Sofa, das grunzt, es wird uns verschlucken. Du schweigst, ich auch, und es regnet nicht.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Zu Spät!
benaulcar 20.04.2013
Game Over. Du hättest schon früher aussteigen sollen! Such Dir ne Jüngere, die ein bisschen Pep in dein Leben bringt.
2. Geopfertes Leben
GinaBe 20.04.2013
Keine Kind? keine Kinder? Hat der Druck am sogenannten Arbeits"markt" den Kinderwunsch erwürgt? Das böse Sofa ist sicherlich Kinder- und sogar noch mal einen draufgelegt, Hundersatz, da beides sich mit der heutigen modernen und flexiblen Arbeitswelt mit ständigem Erreichbarkeitsgebot etc. nicht mehr gut und locker- lustig vereinbaren lässt. Gemeinsames Zentrum zwischen einem Paar ist die liebevoll pompös eingerichtete, teure Wohnung, weil "man" sich ja nicht lumpen lässt und zeigen will, was man sich leisten kann. Aber es ist tot, mausetot, und langsam zeigt sich die Sinnlosigkeit des Unterfangens, für die Möbel und die Firma zu leben. Die Entfremdung wird zu groß, von sich selbst, von der Familie , vom Partner. Davor schützt das riesige Sofa auch nicht mehr, sondern auf ihm fühlt Mensch sich obendrein noch winzig klein und ihm unterlegen, dem Sofa, dem ehemaligen Objekt der Begierde. Das Leben wurde kampflos aufgegeben- der Sicherheit wegen geopfert.
3. midlife crisis?
joajo 20.04.2013
das beschreibt, was man landläufig als Midlife crisis kennt? ....kenne das Gefühl nur zu gut.
4. Was?
userinlm 20.04.2013
Was soll das denn sein? Möchte Frau Berg eigentlich Dichterin sein oder wie?!
5. Selbst Schuld
privat78 20.04.2013
Wenn man als Mensch das Alter als Wertminderung ansieht, sich mit anderen (die sowieso lügen) vergleicht, und dann noch versucht im Job die nötige Wertschätzung zu erlangen, dann wird man schnell reif für die Klinik. Wenn man sich selbst akzeptiert, sich Ruhe und Zeit nimmt um zu genießen, kommt man weiter. Man verpasst dann etwas, wenn man Angst hat etwas zu verpassen. Lieber weniger machen und das dann richtig. Wenn man freiwillig ins Hamsterrad steigt, braucht man sich nicht zu beklagen.
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