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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Der Mob der Frustrierten

Eine Kolumne von

Riemanns NDR-Auftritt: Das Schnappen der Masse Fotos
DPA

Sie sind ein Star in Deutschland? Dann ernten Sie Hass! Wenn sich Katja Riemann über dreiste Interview-Fragen aufregt, gilt sie als Zicke. Und warum ist das so? Weil diese Pöbel-Horde schlicht und einfach frustriert ist.

Das Schnappen der Masse, die Intelligenz des Schwarms, oder auch: Warum es so beschissen ist, in Deutschland ein Star zu sein. Mag der Mensch generell nicht, was ihm überlegen scheint? Was mehr strahlt und funkelt, was mehr vermutetes Geld hat und Ruhm, das mag er nicht, der Mensch. Da wird er neidisch, da wird er böse, da will er zubeißen.

Weil ihre Tätigkeit sich meist außerhalb der Verstandesreichweite der Masse abspielt, werden berühmte Physiker, Schachspieler oder Altphilologen seltener Objekt der volkstümlichen Verachtung. Sportler werden nur gehasst, wenn sie Frauen und Hochspringerinnen und nach Meinung des Volkes zu oft in den Medien präsent sind.

Am besten eignen sich zur Entladung der Frustration der Horde Schauspieler und Sänger. Aus Eitelkeitsgründen muss ich auch Schriftstellerinnen erwähnen, Berufe, die jeder Bürger meint mit dem Gewinnen von Castingshows, einer Rolle in GZSZ oder einem Blog selber erledigen zu können. Hass auf bekannte Schauspieler oder Sänger meint immer den Hass auf sich selber. Ich, Sven, in Klammern 41, sitze bloß als Fernmeldemonteur in Wuppelbach, während Til Schweiger...

Apropos Til Schweiger. Für eine große Gruppe gehört es zum guten, aufgeklärten Ton, mit dem man sich von einer vermeintlichen Masse abzuheben sucht, diesen Schauspieler für ein Brötchen zu halten. In der letzten Woche lief der erste Tatort mit Herrn Schweiger. Der Film war so gut wie sein Skript, und was auch immer Til Schweiger in seiner Rolle hätte tun können, konnte er sich auch sparen. Denn das Urteil der Masse stand schon lange vor der Ausstrahlung fest. Haben wir ja schon immer so gemacht.

Irgendwas müssen wir ja hassen

Als die Schauspielerin Katja Riemann in einer Talkshow saß, weil sie vermutlich per Vertrag einen Film bewerben muss, brach ihre professionelle Haltung unter den seltsam inhaltsleeren Fragen eines Moderators, der vermutlich früher nur mit Bäumen geredet hat, zusammen.

Völlig verständliche Reaktion, diese Fassungslosigkeit ob der Dreistigkeit, mit der Moderatoren und Journalisten eigentlich nur ausrufen: Hey, ich kann nichts. Ich verachte dich, prominenter Mensch, und fühle mich dir überlegen. Ich, der Moderator und Journalist, warte nur auf einen Moment, um dich, Künstler, mal so richtig zu provozieren. Weil ich zu einfältig bin, um mit dir über etwas anderes zu reden als über deine Haarfarbe. Weil es bei mir nicht dazu reicht, ein Gespräch im künstlichen Raum zu erzeugen, darum versuche ich, dich klein zu machen, sprachlos zu machen, das finde ich echt frech und investigativ, darum, du bekannter Mensch, musst du dir meine Dreistigkeit gefallen lassen. Denn wir wissen doch, wie es läuft. Du musst deine Arbeit bekanntmachen, weil sie sonst untergeht im Meer der künstlerischen Entäußerungen auf der Welt.

Katja Riemann wird seit Jahren von einem undefinierbaren Mob gehasst, der zwar keinen einzigen Film mit der Schauspielerin kennt, aber sie irgendwo mal schlechtgelaunt auf bescheuerte Interviewfragen hat reagieren sehen. Der Mob hat eine normale Regung gesehen, und er ist verstört darüber. Für jeden Menschen wäre es eine Selbstverständlichkeit, auf dreiste Fragen irritiert zu reagieren. Unseren Stars sprechen wir das Recht dazu ab. Sie sollen sich verstellen, damit wir ihnen ihre Künstlichkeit vorwerfen können. Sie müssen herhalten, weil manche ihr Leben nicht geregelt bekommen, das grau und soßig dahinfließt, weil sie nicht den Mut haben, einer Vision zu folgen.

Darum muss der Star herhalten, stellvertretend, denn irgendwas müssen wir ja hassen, wenn wir uns schon nicht selber lieben können.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 749 Beiträge
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1. Stimmt!
strichcode 23.03.2013
...wie wahr!
2.
tauschspiegel 23.03.2013
Zitat von sysopDPASie sind ein Star in Deutschland? Dann ernten Sie Hass! Wenn sich Katja Riemann über dreiste Interview-Fragen aufregt, gilt sie als Zicke. Und warum ist das so? Weil diese Pöbel-Horde schlicht und einfach frustriert ist. Sibylle Berg über das Katja Riemann und Schwarmintelligenz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-das-katja-riemann-und-schwarmintelligenz-a-889754.html)
*** riemann hatte vollkommen recht, der moderator war absolut daneben, warum soll man soetwas als "star" immer weglächeln. sollen die pöbler machen was sie wollen, aber niemand hat einem vorzuschreiben, wie er auf schwachsinn zu reagieren hat.
3. Das stimmt so einfach nicht !
tylerdurdenvolland 23.03.2013
Zitat von sysopDPASie sind ein Star in Deutschland? Dann ernten Sie Hass! Wenn sich Katja Riemann über dreiste Interview-Fragen aufregt, gilt sie als Zicke. Und warum ist das so? Weil diese Pöbel-Horde schlicht und einfach frustriert ist. Sibylle Berg über das Katja Riemann und Schwarmintelligenz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-das-katja-riemann-und-schwarmintelligenz-a-889754.html)
Ja, der Moderator lieferte in der Sendung keinen journalistischen Glanzpunkt. Es war durchschnittliches ARD Niveau. Vieles in den hochgepriesenen Talkshows ist wesentlich schlimmer. Aber das Verhalten der Dame war äussesrt unterdurchschnittlich, da führt kein Weg dran vorbei. Sie war einige Kategorien lächerlicher als der Moderator. Es gibt keinen Grund daraus ein grosses Thema zu machen, aber jeder der es gesehen hat, weiss jetzt was man von Frau Riemann zu halten hat.
4. No Gott sei Dank...
Der_zu_spät_geborene 23.03.2013
Zitat von sysopDPASie sind ein Star in Deutschland? Dann ernten Sie Hass! Wenn sich Katja Riemann über dreiste Interview-Fragen aufregt, gilt sie als Zicke. Und warum ist das so? Weil diese Pöbel-Horde schlicht und einfach frustriert ist. Sibylle Berg über das Katja Riemann und Schwarmintelligenz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-das-katja-riemann-und-schwarmintelligenz-a-889754.html)
...haben Sie uns das jetzt mal erklärt Frau Sybille. Die arme Frau Riemann. Aber was mich jetzt stutzig macht, das die Sexismusdebatte hier noch nicht mit reinspielt. @SPON: erst den Schappschiet hochkochen und dann gegen das Hochkochen schreiben. Perpetuum Mobile! Respökt!
5. Recht im Unrecht
vivare 23.03.2013
Grundsätzlich haben Sie mit Ihrer Beschreibung über den " frustierten Mob" schon recht. Aber im Fall Riemann denke ich doch, dass Kritik berechtigt ist. Die Frage ist nur in welcher Form. Umgegkehrt wäre es ja auch nicht akzeptabel, wenn man keine Kritik mehr äussern dürfte, nur weil jemand Prominent ist. Boris Becker ist z.B. das Paradebeispiel für die "absolute Notwendigkeit" der Kritik. Prominente sind nun mal Meinungsmultiplikatoren. Und wenn sie sich zu politischen Themen äussern, müssen sie einen kritischen Diskurs aushalten. Bei Rieman ist die Sache anders gelagert. Wenn ich zu "Aldi " gehe, kann ich nicht die die Qualität eines Bio Ladens erwarten. Und wenn ich aus Promotiongründen zu "DAS" gehe, muss ich mit Boulevard Niveau leben und als Moderator nicht Elke Heidenreich erwarten..
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