S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Normalität gibt es nur in der Werbung
Zu dick, zu dünn, zu dumm oder zu klug: Gibt es etwas Furchtbareres, als Außenseiter zu sein? Das wirkliche Grauen allerdings sind die, die so tun, als seien sie normal. Sie werden irgendwann explodieren und Amok laufen.
Ich habe nie richtig dazugehört, ich war immer anders, stand daneben. Ich war ein Außenseiter, sagen Randständige und schauen den Gesprächspartner dabei nicht an. Ihr Blick geht nach Innen, an den Ort, wo die Erinnerungen liegen, in einer dunklen Höhle. Ich ahne, was sie da sehen: Ein Kind mit Kniestrümpfen in einer Ecke des Schulhofes, auf dem die anderen in glücklichen Gruppen miteinander verkehren. Sie sehen sich hinter Vorhängen, auf Sofas lungernd, Bücher lesend, während draußen der Dauerregen der Pubertät niedergeht. In einem Büro, da die Gespräche der fröhlichen Kollegen bei Eintreten des Freaks verstummen.
Die, die nie dazu gehörten, sind später oft Schauspieler, Soap-Darsteller oder total traurige Models, die zu weinen beginnen, wenn sie sich an früher erinnern. An die dicke Lippe, den langen Hals, diese verdammten endlosen Beine. Furchtbar war das.
So qualvoll die Kindheit sein kann - das als Ausgewachsener zu betrauern, bedeutet, Gesetze nicht verstanden zu haben. Das eine ist: Für erfahrenes Leiden gibt es keine Belohnung. Das zweite: Es gibt nur Menschen, die sich nicht dazugehörig fühlen, und die anderen, die sich die Frage, warum sie wo nicht aufgenommen werden, nie stellen. Jeder ist sein eignes Universum, keiner begreift sich als Teil des Ganzen.
Außer uns selbst müssen wir keinem gefallen
Furchtbar ist das, als kleiner Mensch nicht in der Masse verschwinden zu dürfen. Als rothaariges, dickes, dünnes, stinkendes, dummes oder zu kluges Kind. Grauenhaft, jugendlich zu sein, homosexuell in einem Dorf, als Transgender im Fricktal, als Bulimische in Frankfurt an der Oder. Zu schön, zu hässlich, zu schielend, zu neurodermitisch, zu langsam, zu schnell, zu links- oder rechtshändig, stotternd oder bettnässend - Normalität gibt es nur in der Werbung oder in Filmen, die uns manipulieren sollen, um etwas stromlinienförmiger zu werden. Perfekt werden wir nie, denn wir stinken und gehen kaputt.
Ich war immer anders! Ein Satz, der, gesagt von einem Menschen ab 30, einen Klaps verdient, denn da zählt nichts mehr. Kindheit und Jugend, das Dorf, die Eltern, die schreckliche Jugend, nichts wird angerechnet. Es ist dein Leben und du machst es dir zur Hölle, hängt als Plakat über jedermanns Haustür. Wir sind alle daneben, wir sind alle krank und hilflos und das wirkliche Grauen sind die, die tun, als seien sie es nicht.
Wir sind ganz normal, murmeln sie beschwörend und hoffen, das Rudel werde sie so nicht aussortieren. Sie essen gesund, trainieren ausreichend, erfüllen ihre Pflicht, tragen gedeckte Farben, amüsieren sich zur passenden Gelegenheit, schämen sich fremd, erregen sich über Vorgegebenes, schütteln die Köpfe beim Anblick Andersartiger, zahlen die Steuern, bestellen den Garten. Normal, mit ihren Uniformen und uniformen Berufen, uniformen Sätzen.
Die verdammten grauen Mäuse mit ihrer verdammten Angst, nicht normal zu sein. Und dann explodieren sie irgendwann in all ihrer Angepasstheit und laufen Amok. Du bist kein Außenseiter, lieber erwachsener Mensch, wir alle sind es, wir gehören nicht hierher, wir gehören nirgendwohin, außer uns selber müssen wir keinem gefallen, wir bekommen keinen Orden dafür, es ist: EGAL.
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- Samstag, 09.06.2012 – 15:40 Uhr
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Sibylle Berg lebt heute in Zürich. Sie hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht. Ihr aktueller Roman "Vielen Dank für das Leben" (im SPIEGEL-Shop...) wird gerade ins englische und französische übersetzt. Die zwölf Theaterstücke von Sibylle Berg werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Seit ihrer letzten Co-Regie ("Angst reist mit") im Staatstheater Stuttgart ist sie Teil des Regiekollektivs Berg & Förster.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
- Sibylle Berg auf Twitter
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