S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Welt dreht sich, die Medien bleiben stehen

Herausgeber und Redakteure sehen zu, wie sich die Printmedien zugrunde richten. Anstatt jeden Tag über alles zu berichten, sollten sie Online-Ausgaben neu strukturieren und gedruckte Zeitungen aufs Wochenende verlagern. Bewegt Euch!

Eine Kolumne von


Da wir alle davon ausgehen, relevant für die Geschichte zu sein, möchte ich mich nicht ausnehmen und behaupten: Ich bin schuld am Zeitungssterben. In seinem Buch "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" erklärt Jared Diamond, warum sich einige Kulturen zugrunde richten. In kurzer Zeit erlebten sie einen vollkommenen gesellschaftlichen Zusammenbruch, wenn sie nicht angemessen auf allgemeine Umweltveränderungen reagierten. Ersetzen wir Kulturen durch Printmedien, dann haben wir die Erklärung.

Ich tue, was alle machen. Nach einer Woche, in der 180 Autorinnen und Autoren ein Thema bearbeitet haben, das ihrer Meinung nach gründlich beleuchtet werden muss (Wahlkampf, Merkel, Bespitzelung, Mollath) mache ich am Ende der Woche oft dasselbe. Statt ein Dorf in Nordindien und die Probleme der dort ansässigen Nudisten zu untersuchen, hänge ich mich an das, was den Leser vermeintlich gerade interessiert. Ich mache das, um das Problem, das gerade als relevant verkauft wird, mit einem erhofften neuen Blick zu betrachten. Auch nachdem sich der Leser schon in hundert Blogs damit auseinandergesetzt, und auf Twitter und Facebook diskutiert hat. Tut man das nicht, gibt es Kritik und der Leser ist weg.

Irgendwann kommt es zu einem so gewaltigen Überdruss, dass Leserinnen und Leser das Zeug zu den Ohren rauskommt. Vielen geht es so mit dem sogenannten Geschlechterkampf, der mit der Aufschrei-Debatte und Herrn Brüderle eine Wiederbelebung erfuhr. Irgendwann kann man den 8900. Artikel dazu einfach nicht mehr lesen, betrachtet das Thema als hinreichend erörtert und wartet auf das nächste große Ding. Wie geht es der regierungskritischen Punkband Pussy Riot eigentlich gerade? Oder den Japanern im Tsunami-Gebiet?

Todeskreislauf Printmedien

Statt sich auf die Neustrukturierung der Online-Versionen zu konzentrieren, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ordentlich zu bezahlen und sich um tagesaktuelle Qualität zu bemühen, statt Printausgaben vielleicht auf das Wochenende zu verlagern oder auf wirklich gut gemachte Lokalereignisse, die jeder gern beim Frühstück lesen würde, versuchen alle, alles zu machen. Jeden Tag. Gegeneinander kämpfend, gegen das Netz anstinkend, und immer noch nicht verstanden habend, dass auch Höhlenmalerei aus bestimmten Gründen ausgestorben ist.

Wir hätten alles gut machen können, aber wir haben uns dagegen entschieden. Was wie der Wahlspruch fast aller Parteien klingt, ist nicht mehr als die Headline der Menschheitsgeschichte. Wir müssen immer erst sehen, wie Dinge zugrunde gehen, ehe wir nach einer Lösung suchen. Das ist das Gesetz.

Die Printmedien, nehmen wir doch noch die Verlage dazu, können noch ein wenig 1988 spielen, mit Chefs, Hierarchien und Dienstwagen, mit Arroganz und dem unbedingten Willen, dass die Welt sich nicht verändert. Sie wird es doch tun. Städteplaner arbeiten schon lange daran, Notfallsysteme für die explodierende Bevölkerung zu entwickeln sowie Abwassersysteme, Beförderungsmittel und alternative Wohnanlagen.

So zu tun, als bliebe alles in seinen liebgewonnenen Strukturen, ist Quatsch, der bestraft wird. Auch der Konsument, der immer noch Radio hört, wenngleich mit dem Computer, wird immer lesen wollen. Manchmal gedruckt, öfter online. Und ich, in dem ich den 8729. Text zum Thema Veränderung der Welt, wie wir sie kannten, schreibe, denke mir: Ich bin Teil des Problems. Nein, ich bin das Problem.

Das nächste Mal einen Text aus Nordindien. Ein erfreuliches Wochenende bis dahin.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
julienne44 10.08.2013
1. genau
danke, Frau Berg. Wünschte ein paar mehr würden versuchen mitzudenken
griever 10.08.2013
2. 1+
sie haben das problem erkannt und lösungen aufgezeigt. ihr anteil am dilemma ist deshalb vermutlich eher gering
maulkorb 10.08.2013
3. Der Untergang der Zeitungen
Die gedruckten Zeitungen gehen nicht weger gesellschaftlicher Veränderungen zugrunde, sondern sie sind selbst für ihren Untergang verantwortlich. Jahrelang haben alle Tageszeitungen nur die leeren inhaltslosen Lego Satzbaustein Phrasen von Merkel abgedruckt, bis sie niemand mehr lesen wollten. Die Medien sind voll auf der Wohlfühlwolke von Merkel mitgeritten und haben den Leser total eingelullt. Um es etwas genauer zu sagen, die Journalisten haben nicht genügend Distanz zu Merkel gehalten und wurden von ihr regelrecht eingenebelt. - Nun ist es so, daß die Zielgruppe, die mit dieser Art Journalismus zu erreichen ist, schon von der BILD Zeitung besetzt ist. Letzten Endes haben alle Zeitungen nur um diese Zielgruppe konkuriert und die Zielgruppe von kritischen Menschen mit Bildungsniveau aus den Augen verloren. Ich gehöre auch dazu. Diese Zielgruppe ist in das Internet abgewandert, wo noch investigativer Journalismus betrieben wird. - Ihre Merkelfixierung hat den deutschen Tageszeitungen das Genick gebrochen, und daran sind sie selbst schuld. In Zukunft wird es nur noch die BILD Zeitung geben und vielleicht noch die FAZ.
sponx1212 10.08.2013
4. Verfechtbar
Treffende Selbstanalyse. Jetzt fehlt nur noch die Konsequenz: Verschonen Sie die Leser mit diesem inhaltsleeren Geblubbert. Gehen Sie stattdessen am Zürchersee spazieren und schimpfen auf den Wohlstand!
mjs2342 10.08.2013
5. Being Digital
Im Januar 1996 erschien das Buch von Nicholas Negroponte "Being Digital", in dem er von den Fortschritten beim e-Paper erzählt und das aller Content digitalisiert werden wird. Da er Begründer und damals Leiter des MIT Media Labs war, wusste er wovn er redete. Und jetzt haben wir 2013 und auch der deutschsprachige Raum versteht jetzt langsam, dass alles, aber auch wirklich alles digitalisiert werden wird. Jedes Medium ausser Festplatten und Speicherchips wird verschwinden. Oder ein teures Revival erleben wie die Vinyl-Platten. Mann, sind wir Deutsche langsam geworden.
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