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19. Januar 2013, 10:30 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Aalgleich in Amerika

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Dicke Autos, billiges Essen, günstige Kleidung und Vorschriften für alles - Amerika ist das Lieblingsland vieler Deutscher. Die USA scheinen zu symbolisieren, was die Menschen wollen. Man weiß hier eben, wo unten und oben ist. Aber vergisst das schnell, wenn man von hier nach Europa schaut.

Vorschriften haben etwas Fundamentalistisch-religiöses. In Amerika, wo ich mich seit Wochen aufhalte, ist Gott allgegenwärtig als kleinster gemeinsamer Nenner, auf den man sich neben dem Erwerb von Produkten einigen konnte. Von weit her, durch die träge Sonne, durch den Wall des Desinteresses der amerikanischen Einwohner an Europa, erreichen mich vereinzelt Schlagzeilen aus Deutschland, die keine Verbindungen mit irgendetwas in meinem Hirn herstellen.

Die Schwaben werden diskriminiert. Ich brauche eine seltsam lange Zeit um zu ahnen, wer mit den Schwaben gemeint ist. In der Schweiz heißen alle Deutschen so. Ich komme zu dem Schluss, dass es sich bei den Diskriminierten um gebürtige Stuttgarter handeln muss. Eigentlich sehr angenehme Menschen. Außer den beiden alten Männern mit Gehhilfen, die einmal bei einer Theaterpremiere von mir am Stuttgarter Theater gebuht haben. Ob sie gemeint sind? Die beiden Flegel scheinen Berlin ja gerade tüchtig aufzumischen.

Tage vergehen, ich verstehe immer noch nicht genau, worum es ging. Ich bewege mich aalgleich durch Amerika und versuche zu begreifen, wie es funktioniert, dass so viele unterschiedliche Nationalitäten relativ friedlich nebeneinander leben können. Ob es an den vielen Vorschriften hier liegt, an der Angst, sie zu übertreten? Oder an der Sorge, verklagt zu werden? Oder ist es einfach der Wettbewerb, der die Menschen so erschöpft, dass sie keine Zeit haben, um Schwaben zu hassen? Dann der nächste Winteraufreger - Herr Augstein ist auf der Judenhasserliste.

Lange brauchte ich um zu verstehen, dass es sich um den Sohn handelte, der angeblich gleich vielen anderen Deutschen mit Obsession beobachte, was die Vorfahren so übriggelassen haben, ohne sich in ähnlicher Intensität anderen Problemzonen der Welt zu widmen. Gedichte könnte man über die rechtlosen Frauen in Indien schreiben. Über die Gesetzgebung einiger islamischer Länder. Über von Nestlé verscherbeltes Grundwasser, westlichen Müll in Afrika, man könnte Leser über viele interessante Dinge informieren, reimt sich aber vermutlich nicht so gut.

Als in Deutschland Weihnachten gefeiert wurde, stand ich auf den Hollywood-Hügeln und dachte irgendetwas, das ich schon wieder vergessen habe, ja, nichts bleibt. Nicht einmal die Helden einiger Leut's Kindheit. Das war das nächste Thema, das mit hundert Stunden Verspätung bei mir ankam. Das Wort Neger soll in Wiederauflagen von Pippi Langstrumpf nicht mehr verwendet werden. Und irgendwer regte sich darüber auf. Vermutlich einige nicht übermäßig pigmentierte Menschen.

Die Welt verändert sich und wird politisch korrekter, was wunderbar ist, denn Worte prägen das Denken. Von welcher Bezeichnung sich eine bestimmte Bevölkerungsgruppe diffamiert fühlt, haben immer noch die Betroffenen zu entscheiden. Amerika scheint seine rassistischen Zeiten überwunden zu haben. In Europa hat man noch einen guten Weg vor sich, wenn ich, nächste Schlagzeile von zu Hause, lese, dass dunkelhäutige Fußballer in Stadien niedergebrüllt werden.

Silvester habe ich früh am Morgen per Twitter in Los Angeles verfolgt. Es scheint in Ordnung gewesen zu sein. In Amerika standen die Menschen in New York und haben gesungen, in Indonesien wurde derweil den Frauen der korrekte Frauensitz auf dem Moped per Gesetz verordnet. Der Amoklauf an einer amerikanischen Schule und jener in einem Walliser Bergdorf waren, außer von den Beteiligten, schon Tage später vergessen. Das neue Jahr nimmt seinen gewohnten Verlauf.

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