S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Aalgleich in Amerika

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Dicke Autos, billiges Essen, günstige Kleidung und Vorschriften für alles - Amerika ist das Lieblingsland vieler Deutscher. Die USA scheinen zu symbolisieren, was die Menschen wollen. Man weiß hier eben, wo unten und oben ist. Aber vergisst das schnell, wenn man von hier nach Europa schaut.

Vorschriften haben etwas Fundamentalistisch-religiöses. In Amerika, wo ich mich seit Wochen aufhalte, ist Gott allgegenwärtig als kleinster gemeinsamer Nenner, auf den man sich neben dem Erwerb von Produkten einigen konnte. Von weit her, durch die träge Sonne, durch den Wall des Desinteresses der amerikanischen Einwohner an Europa, erreichen mich vereinzelt Schlagzeilen aus Deutschland, die keine Verbindungen mit irgendetwas in meinem Hirn herstellen.

Die Schwaben werden diskriminiert. Ich brauche eine seltsam lange Zeit um zu ahnen, wer mit den Schwaben gemeint ist. In der Schweiz heißen alle Deutschen so. Ich komme zu dem Schluss, dass es sich bei den Diskriminierten um gebürtige Stuttgarter handeln muss. Eigentlich sehr angenehme Menschen. Außer den beiden alten Männern mit Gehhilfen, die einmal bei einer Theaterpremiere von mir am Stuttgarter Theater gebuht haben. Ob sie gemeint sind? Die beiden Flegel scheinen Berlin ja gerade tüchtig aufzumischen.

Tage vergehen, ich verstehe immer noch nicht genau, worum es ging. Ich bewege mich aalgleich durch Amerika und versuche zu begreifen, wie es funktioniert, dass so viele unterschiedliche Nationalitäten relativ friedlich nebeneinander leben können. Ob es an den vielen Vorschriften hier liegt, an der Angst, sie zu übertreten? Oder an der Sorge, verklagt zu werden? Oder ist es einfach der Wettbewerb, der die Menschen so erschöpft, dass sie keine Zeit haben, um Schwaben zu hassen? Dann der nächste Winteraufreger - Herr Augstein ist auf der Judenhasserliste.

Lange brauchte ich um zu verstehen, dass es sich um den Sohn handelte, der angeblich gleich vielen anderen Deutschen mit Obsession beobachte, was die Vorfahren so übriggelassen haben, ohne sich in ähnlicher Intensität anderen Problemzonen der Welt zu widmen. Gedichte könnte man über die rechtlosen Frauen in Indien schreiben. Über die Gesetzgebung einiger islamischer Länder. Über von Nestlé verscherbeltes Grundwasser, westlichen Müll in Afrika, man könnte Leser über viele interessante Dinge informieren, reimt sich aber vermutlich nicht so gut.

Als in Deutschland Weihnachten gefeiert wurde, stand ich auf den Hollywood-Hügeln und dachte irgendetwas, das ich schon wieder vergessen habe, ja, nichts bleibt. Nicht einmal die Helden einiger Leut's Kindheit. Das war das nächste Thema, das mit hundert Stunden Verspätung bei mir ankam. Das Wort Neger soll in Wiederauflagen von Pippi Langstrumpf nicht mehr verwendet werden. Und irgendwer regte sich darüber auf. Vermutlich einige nicht übermäßig pigmentierte Menschen.

Die Welt verändert sich und wird politisch korrekter, was wunderbar ist, denn Worte prägen das Denken. Von welcher Bezeichnung sich eine bestimmte Bevölkerungsgruppe diffamiert fühlt, haben immer noch die Betroffenen zu entscheiden. Amerika scheint seine rassistischen Zeiten überwunden zu haben. In Europa hat man noch einen guten Weg vor sich, wenn ich, nächste Schlagzeile von zu Hause, lese, dass dunkelhäutige Fußballer in Stadien niedergebrüllt werden.

Silvester habe ich früh am Morgen per Twitter in Los Angeles verfolgt. Es scheint in Ordnung gewesen zu sein. In Amerika standen die Menschen in New York und haben gesungen, in Indonesien wurde derweil den Frauen der korrekte Frauensitz auf dem Moped per Gesetz verordnet. Der Amoklauf an einer amerikanischen Schule und jener in einem Walliser Bergdorf waren, außer von den Beteiligten, schon Tage später vergessen. Das neue Jahr nimmt seinen gewohnten Verlauf.

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insgesamt 80 Beiträge
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    Seite 1    
1. Lieblingsland
kdshp 19.01.2013
Zitat von sysopDicke Autos, billiges Essen, günstige Kleidung und Vorschriften für alles -Amerika ist das Lieblingsland vieler Deutscher. Die USA scheinen zu symbolisieren, was die Menschen wollen. Man weiß hier halt, wo unten und oben ist. Aber vergisst das schnell, wenn man von hier nach Europa schaut. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-den-blick-von-amerika-nach-europa-a-877722.html
Mein gott WAS hat man im ausland vorurteile gegen deutsche!
2. Statement für was ...
a.vollmer 19.01.2013
Freuen Sie sich doch, dass es in Europa keine schlimmeren Probleme gibt. Genau das selbe Problem, das sie mit den Schwaben haben - wer sind die überhaupt, das haben andere mit den Semiten, denn sowohl Israelis wie Palästinenser zählen zu den Semiten. Anti-Semitismus wäre es dann, wenn man beide Seiten - sie wissen schon. Und die Frauen in Indien haben Rechte, es ist nur die jahrzehntelange Untätigkeit von Polizei und Justiz, die zur Katastrophe geführt hat und die Sitten verdorben hat. Und das Problem gab und gibt es überall. Und Neger ist nur ein Wort, das Wort zu tilgen verändert nicht das Denken, im Gegenteil - dieses Denken sucht sich neue Wörter. Und stellen Sie sich vor, die Zuschauer im Stadium beleidigen einen dunkelhäutigen Spieler plötzlich mit dem Begriff "Sybilleberg", würden Sie dann die Entscheidung über den Wert des Wortes auch den Beschimpften und Rassisten überlassen? Und dass Amokläufe nicht in Vergessenheit geraten, dafür sorgt die NRA. Entweder auf die eine oder die andere Weise, hoffen wir auf die eine.
3.
spiegelreflexion 19.01.2013
---Zitat von S. Berg--- ... man könnte Leser über viele interessante Dinge informieren, reimt sich abervermutlich nicht so gut. ---Zitatende--- Warum meinen Sie eigentlich, ihren Lesern erklären zu müssen, was gute journalistische Arbeit ist? Ich behalte mir selbst die Entscheidung vor, was sachlich richtig, wichtig und/oder gut geschrieben ist. Das gleiche billige ich auch Amis zu, auch wenn ich deren Entscheidungen oft nachvollziehen kann. Ansonsten, wo ist der Inhalt?
4. Auf Bahnsteig und Strand aalen
herr wal 19.01.2013
Zitat von sysopDicke Autos, billiges Essen, günstige Kleidung und Vorschriften für alles -Amerika ist das Lieblingsland vieler Deutscher. Die USA scheinen zu symbolisieren, was die Menschen wollen. Man weiß hier halt, wo unten und oben ist. Aber vergisst das schnell, wenn man von hier nach Europa schaut. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-den-blick-von-amerika-nach-europa-a-877722.html
Tip an Sie Bylle: Ich war auch schon mal in USA und glaube festgestellt zu haben, dass man manche der vielen Vorschriften doch auch mal aalgleich umschwimmen kann. (Disclaimer: Diese Mitteilung erfolgt ohne Haftung für bei Nachahmung evtl. eintretende Nachteile.) Die Leute erschienen mir viel zu entspannt, um z.B. gleich die Cops zu rufen, wenn der Gringo am Strand oder auf dem Bahnsteig mal an einem NikotinBrötchen lutschen wollte. Oder vor dem SchlafenGehen noch mal mit nem Budweiser at hand um den Block zog.
5. Etwas mehr Substanz bitte.
Polyprion 19.01.2013
Hallo Frau Brigitte, inhaltlich liefern Sie, wie so oft, wenig. Dass Amerika mit seinen (entzauberten) Heilsversprechen nach wie vor für viele Menschen ein Sehnsuchtsland ist, ist ein Allgemeinplatz, wenn auch ein interessanter. Doch wen lockt es? Was sind das für Menschen und aus welchen Gesellschafts-, Bildungs- und Einkommensschichten stammen sie? Sind die Gutenbergs wegen der weißen T-Shirts geflogen und wird Bettina Wullff wegen des billigen Essens über den großen Teich machen. Und was ist mit dem immer stärker anwachsenden Rassismus gegen die zahlreichen Einwanderer aus Süd- und Mittelamerika und den Problemen, welche sich daraus ergeben? Sollten Sie tatsächlich zu Recherchezwecken Ihr Hotel verlassen und die Ganggegenden und Schwarzenbezirke von Los Angeles aufgesucht haben? Wer tatsächlich etwas über dieses Land berichten möchte, der sollte hinter die allgegenwärtige Show und in die Lebenswirklichkeit der großen Masse dort blicken, wie sie es in Bezug auf den puritanischen Fanatismus und die dortige Konsumwelt ansatzweise getan haben. Im "alten Europa" mindestens hält sich die Begeisterung für die Vereinigten Staaten in Grenzen und viele die dort lebten oder auch nur den Urlaub verbrachten kehren gerne zurück.
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