S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: It's a book!

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Ein Wirbel wie um das Royal Baby: Der Deutsche Buchpreis steht für die Boulevardisierung des Literaturbetriebs. Doch der beste Roman des Jahres lässt sich nicht nach dem Castingshow-Prinzip ermitteln.

Preise mag der Mensch. Er zeichnet Kühe aus, Frisuren, Würste, Filme, Schönheitskönige, Top-Models und Bücher. Jeder, der sich näher mit den Kriterien ihrer Verleihung und dem Zufall auseinandersetzt, weiß, dass Preise nicht besonders viel aussagen, je schwammiger die Materie wird. Die schönste Kuh. Okay, Eutergröße, Milchleistung, Gebiss, aber was ist mit dem Charakter des Tieres? Zählt der nicht?

Auszeichnungen finden immer die Ausgezeichneten prima. Folgerichtig sind die Verlierer vollkommen anderer Meinung. Und der Mensch, der Laie, der Verbraucher stellt das Ganze selten in Frage - und kauft. Er bestaunt die Miss Germany bei der Eröffnung eines Schuhladens. Er wundert sich nicht über den Entscheid des Nobelpreis-Komitees. Und das ist auch vollkommen richtig so.

In einer Zeit der Selbstausbeutung, des Zeitmanagements und der Popularisierung aller Medien suchen wir nach Qualitätsparametern, die uns Leuchtturm sind im Dickicht des Überangebots an Kühen, Menschen und Kunst. Preise für Schriftsteller sind ein willkürliches, vom Künstler aber gerne genommenes Zubrot, das zudem kommenden Jurys die Arbeit erleichtert - schließlich hat der Schriftsteller sich durch den Erhalt eines Preises als preiswürdig erwiesen.

Als 2005 der Börsenverein einen neuen Buchpreis erfand, der hauptsächlich darauf zielte, den Abverkauf anzukurbeln, dachte sich keiner etwas Böses dabei. Ein neuer Preis. Warum auch nicht. Es gibt ja stündlich irgendeinen neuen Preis für Kunst, Kühe und Blumenausstellungen, warum also nicht noch ein neuer Literaturpreis, der Aufmerksamkeit erregt und den Menschen das Lesen näherbringt.

Acht Jahre später existiert der Buchpreis immer noch, aber irgendetwas ist gewaltig schiefgelaufen. Fast alle Verlage versuchen, die Herausgabe ihrer hoffnungsvollen Titel jetzt in den Sommer zu legen, um eine Chance auf die Buchpreisnominierung zu haben. Der Wirbel, der um den Preis medial gemacht wird, kann nur mit der Geburt des royalen Babys verglichen werden. Shortlist und Gewinner stapeln sich in Pyramiden im Buchhandel und verkaufen sich wie warme Semmeln. Was auch die Idee des Preises war.

Den besten Roman des Jahres zu küren, ist natürlich ein vollkommen absurdes Unterfangen. Was ist besser - "Ulysses" oder "Der Mann ohne Eigenschaften"? Nabokov oder Arno Schmidt? Egal, hier lässt sich Geld machen. Statt Literatur zu fördern, wird der Abverkauf gepusht. Was dem Gewinner, der Gewinnerin zu gönnen ist, den ungefähr tausend anderen Neuerscheinungen des Jahres aber den Überlebenskampf immens erschwert.

So ist das halt, könnte man sagen, die einen stehen im Schatten, die anderen im Licht. Diesen Preis nicht in Frage zu stellen und vielleicht zu ignorieren, ist von den Verlagen allerdings fahrlässig. Verdrängung statt Vielfalt, der Inhalt dieses Germany's-Next-Buch-Star-Wettbewerbes, dessen Gewinnerinnen eine genauso lange Erinnerungshalbwertzeit haben dürften, wie der letzte DSDS-Star. Na? Wer hat letztes Jahr gewonnen?

Wie Schriftstellerinnen und Schriftsteller überleben, ist vollkommen gleichgültig, denn der Existenzkampf von Krankenschwestern und Pflegern, von Bäckern und Landwirtinnen interessiert uns ja auch nur, wenn wir zu den Betroffenen gehören.

Und vielleicht sind Castingshows das neue Ding der neuen Welt. Vielleicht muss man sich nur fragen, ob man daran teilnehmen möchte.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Deutsche Sprache -schwere Sprache
muskat51 07.09.2013
Bei aller Begeisterung (auch diesmal!) für Frau Bergs Beiträge, diesmal muss ich nachfragen: Was ist der Unterschied zwischen Verkauf und Abverkauf und warum hat man noch nie von dem Wort "Anverkauf" gehört?
2. Saisonal
Antoninus 07.09.2013
"Ulysses" oder "Der Mann ohne Eigenschaften"? Nabokov oder Arno Schmidt?" [Zitat-Ende!] Alle diese Namen bzw. Titel haben sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten zu "preiswürdigen" Nennungen entwickelt. Und sie dienen heuer - im Digitalismus - nur als Angebereien im literarischen Sektor. Beispiel Schmidt: Er wird nicht mehr komplett aufgelegt. Ja, bei ebay lässt er sich billig ersteigern. Wer liest sie? Bis zum Abitur kommt keiner die EhrWürden in Frage. Danach bietet sich nur noch der digitale KleinKram für e i n e Saison an.
3. Neues vom "pressenden" Buchhandel
Antoninus 07.09.2013
Zitat von muskat51Bei aller Begeisterung (auch diesmal!) für Frau Bergs Beiträge, diesmal muss ich nachfragen: Was ist der Unterschied zwischen Verkauf und Abverkauf und warum hat man noch nie von dem Wort "Anverkauf" gehört?
Im Kommentar zu einer Berg-Glosse fragt muskat51 als aufmerksamer Leser nach dem unschicklichen „Abverkauf“. Abverkauf und Anverkauf? Also nicht länger oder weiterhin simpel und sachlich Einkauf und Verkauf? Wikipedia belehrt uns über die besonders pressige Form des Abverkaufs. Das „geht“ wie im Fußball: Pressing ist der große Schlager: Ran an den Feind, pardon: den Kunden. Abverkauf (http://de.wikipedia.org/wiki/Abverkauf)
4. Abverkauf
Herr Hold 07.09.2013
Zitat von muskat51Bei aller Begeisterung (auch diesmal!) für Frau Bergs Beiträge, diesmal muss ich nachfragen: Was ist der Unterschied zwischen Verkauf und Abverkauf und warum hat man noch nie von dem Wort "Anverkauf" gehört?
Als Abverkauf wird vor allem im Einzelhandel ein Aktionsverkauf bezeichnet, bei dem zeitlich, räumlich oder sortimentsbezogen besondere Kaufanreize geboten werden. Diese können in Form von Rabatten oder Preisausschreiben (Verkaufsförderung), aber auch in einer gesteigerten Besuchs- und Gesprächsfrequenz beim Einzelhandel durchgeführt werden." Wiki
5. Preise und Absatz
Spiegelkritikus 07.09.2013
Zitat von sysopEin Wirbel wie um das Royal Baby: Der Deutsche Buchpreis steht für die Boulevardisierung des Literaturbetriebs. Doch der beste Roman des Jahres lässt sich nicht nach dem Castingshow-Prinzip ermitteln. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-den-deutschen-buchpreis-a-920346.html
Der "beste" Roman des Jahres dürfte schlicht der sein, der sich nach Ansicht von Marketing-Experten des Literaturbetriebs am besten verkaufen lässt. Betriebe brauchen nun mal Um- bzw. Absatz, um Gewinne zu realisieren. Die Ermittlung des Preisträgers ist dabei jedoch weit weniger "demokratisch", als bei den berühmt-berüchtigten Casting-Shows, wo die Wettbewerber um die Gunst eines breiteren Publikums buhlen müssen. Das lesende Publikum dagegen bekommt den Preisträger einfach vorgesetzt und hat erst hernach die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil über die Preiswürdigkeit des betreffenden Buches zu bilden. Insofern hinkt Frau Bergs vergleich mit Casting-Shows. Zu einer fairen Preisermittlung müssten im Buchsektor alle Neuerscheinungen seit der letzten Preisvergabe sowohl von "Literaturexperten" studiert als auch einer möglichst breiten interessierten Öffentlichkeit nähergebracht gebracht werden, zum Beispiel in Form von Lesungen in Rundfunk und Fernsehen. Dann müssten Experten und Laien zu einem demokratischen Urteil (per Abstimmung) kommen. Jury- und Laienurteile müssten noch irgendwie gewichtet werden, zum Beispiel 40/60. Falls sich kein klarer Gewinner ermitteln lässt, sollten wie beim naturwissenschaftlichen Nobelpreis auch mehrere Kandidaten ausgezeichnet werden können. Aber so ein Aufwand nur wegen eines Preises? Die Verlage wollen doch eigentlich nur verkaufen und ein "ausgezeichnetes" Buch verkauft sich eben besser - so wie der Bauer für seine preisgekrönte Kuh einen besseren Preis auf dem Viehmarkt erzielt als für ihre nicht prämierten Schwestern. Ob er nun wirklich die "beste" Kuh hat, ist ihm normalerweise einerlei.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 26 Kommentare
Sibylle Berg

Facebook