S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Fetzen soll das Zeug und gut sein
Unsere TV-Moderatoren, unsere Showmaster, unsere Regisseure und Künstler - ist eigentlich noch irgendein Alter unter ihnen? Warum fordern immer alle Verjüngung ein, selbst für Medien- und Kulturbetriebe? Eine Verklugung wäre wesentlich klüger.
Matthias Lilienthal soll dafür sorgen, dass das Publikum der Münchner Kammerspiele jünger wird. Im Deutschlandradio Kultur sagte der Kulturreferent der Stadt, Hans-Georg Küppers, genau dafür stehe der frühere Leiter des Berliner "Hebbel am Ufer" - Verjüngung.
Was in der bildenden Kunst schon so unerträglich ist, kein Newcomer hat eine Chance im internationalen Markt, wenn er über 30 ist, Jugend gilt als wahnsinniges Qualitätsmerkmal, fräst sich in derselben Geschwindigkeit also durch die Medien und Kulturszene.
Moderatoren, Ansager, Showmaster - ist da noch einer alt? Richtig alt, sagen wir: 70 plus? Gut, da ist auch niemand über- oder untergewichtig oder schwarz. Aber früher, unter dem Kaiser, waren doch immerhin noch alte Männer beim Fernsehen geduldet. Und wann immer es irgendeine profilierte Sendung gibt, "Aspekte" mit Luzia Braun, um mal eine zu nennen, wird sie irgendwann verjüngt. Heißt: das Programm mit voller Wucht vor die Wand gefahren und dann womöglich friedlich eingestellt.
Die Zeitungen haben sich in ihrem Hang zur Verjüngung mindestens zwei von sechs Sargnägeln selber eingeschlagen, was in Zeitungssprache bedeutet: Wir müssen flacher werden und größere Fotos drucken. Warum aber jünger, wenn es doch kaum mehr junge Menschen gibt, der Großteil des Kapitals in den Händen jener über 50 befindlich ist? Und mit den Jungen normalerweise auch nicht hervorragend rücksichtsvoll umgegangen wird?
Alle gleich hassenswert, Menschen halt
Die Jungen, die also mit Medien und Kunsterzeugnissen bedacht werden müssen, sind arbeitslos, sie finden eine kaputte Welt vor, die die Alten ihnen gerne überlassen. Sie sollen aber bei den Aufräumarbeiten noch ein wenig mit TV und Medien sowie appetitlichem Theater unterhalten werden.
Wann sollen die das Zeug denn konsumieren, hart am Wind und mit dem Überleben beschäftigt? In allen älteren Personen schläft die tiefe Sehnsucht nach Jugend. Nicht junges Fleisch wollen sie, sondern die Einmaligkeit erster Momente, das große Staunen, die fetten Emotionen.
Doch die Erregung, die Erregung - denkt doch mal nach, ihr Alten - die gibt es nicht. Und die werdet ihr mit einem Theaterstück für junge Menschen, erzeugt von alten Menschen, auch nicht herstellen. Die werdet ihr mit lustigen Fotos in untergehenden Zeitungen nicht erzeugen, ihr Alten, die ihr nicht besser oder schlechter seid als die Jungen. Alle gleich liebenswert oder hassenswert, Menschen halt. Die einen besser anzusehen - und jetzt kommt mir nicht mit der Schönheit des Alters. Daran ist nichts schön, und das ahnen die Leute und schreien nach Verjüngung.
Wäre es nicht geradezu verwegen, wenn ein Kultur- oder Medienbetriebsnudelmensch sagen würde: Ob jung oder alt, das ist mir vollkommen egal, Zuschauer will ich haben. Leser will ich, fetzen soll das Zeug und gut sein.
Nein, das sagen sie nicht. Sie brabbeln von Verjüngung aus ihren alten Gesichtern. Und sie wissen weder, was sie tun, noch warum. Verjüngung überall da, wo man erstaunlicherweise nicht den Schlachtruf ausgibt: Wir müssen klüger werden.
Warum eigentlich nicht?
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Kultur
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Gesellschaft
- RSS
- alles zum Thema S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Fragen Sie Frau Sibylle: Alle Kolumnen
Sibylle Berg ist Schweizerin. Ihre 12 Romane und 13 Theaterstücke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Berg unterrichtet Dramaturgie und ist Kopf des Regiekollektivs Berg & Förster. Ihre Bücher "Vielen Dank für das Leben" und "Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle" sind im Handel erhältlich.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
- Sibylle Berg auf Twitter

Volker Hage:
Marcel Reich-Ranicki
(1920-2013)Der Kritiker der Deutschen.
SPIEGEL E-Book 2013;
2,49 Euro.- Direkt bei Amazon bestellen: Kindle Edition
MEHR AUS DEM RESSORT KULTUR
-
Bestseller
Die aktuellen Listen: Hardcover, Taschenbücher, DVDs und Kino-Charts -
Rezensionen
Abgehört, vorgelesen, durchgeblickt: Unsere Rezensionen - was Sie nicht verpassen sollten -
TV-Programm
Ihr TV-Planer: So gucken Sie beim Fernsehen nie mehr in die Röhre -
Gutenberg
Bücher online lesen: Die Klassiker der Weltliteratur - gratis bei Projekt Gutenberg -
Tageskarte
Sieben Tage, sieben Empfehlungen: Die wichtigsten Entdeckungen der Woche.