S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Gotteskrieger im Tweedjacket

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Was hat den Mann nur geritten? Martin Mosebach glaubt, dass Blasphemie die staatliche Ordnung gefährde. Wie so mancher Konservative träumt Deutschlands prominentester katholischer Schriftsteller von einer Welt, in der es ein klare Trennung in Gut und Böse gibt. Beängstigend.

Martin Mosebach nun wieder. Der Schriftsteller, hinter dessen Namen, wie um ihn mehr Gewicht auch für Nichtleser zu verleihen, stets der Zusatz "Büchner-Preisträger" angefügt wird, hat sich für eine strengere Anwendung des Blasphemie-Gesetzes in Deutschland ausgesprochen.

"Für den weltanschaulich strikt neutralen Staat könnte sich die Notwendigkeit einer Bekämpfung der Blasphemie ergeben, wenn die staatliche Ordnung durch sie gefährdet wird", sagte der Katholik der "Frankfurter Rundschau" und "Berliner Zeitung" (Dienstagsausgabe). Dies sei etwa der Fall, wenn eine durch Verletzung religiöser Gefühle ausgelöste Empörung zum öffentlichen Problem werde.

Nun sagt Herr Mosebach auch in seinen Büchern so einiges, was viele erfreuen mag, weil sie direkt von den im Jenseits befindlichen Geistern mittelprächtiger deutscher Romantiker in Mosebachs Hand geleitet wurden. Andere wieder werden von seiner Prosa zu Meisterleistungen der Buchkritik geleitet. Selten gab es einen gründlicheren und von tiefer Abneigung getriebenen Text wie den von Peter Dierlich, der vermutlich zur Grundlage im Erstsemester des Studiengangs Literaturkritik wurde.

Vage formuliert, aber gottesfürchtig

Mosebach ist Träger karierter Tweedsakkos und runder Brillen, und scheint über sein wahres Alter hinaus gealtert zu sein. Vermutlich hat die Bürde, Vordenker einer ganzen Generation adelssehnsüchtiger Jungjunker zu sein, ihn über Gebühr ergrauen und erstarren lassen. Er verblüfft in Interviews immer wieder durch vage formulierte, gottesfürchtige Sätze, die sich durch die Absenz einer tiefen Botschaft auszeichnen. Der Zuschauer oder Zuhörer ahnt da nur ein tiefes Unbehagen mit der neoliberalen, globalisierten Entwicklung der Welt.

Ob man den Autor und Gotteskrieger mag oder nicht - in einer Demokratie ist Raum für alle. Für Mosebach, den großen Anhänger Benedikts XVI. ebenso wie für Atheisten, Buddhisten und die Anhänger der Freikörperkultur.

Gerade die in Deutschland lebenden Muslime hätten wieder in Erinnerung gerufen, dass Religion eine schützenswerte Errungenschaft sei. Bei den Muslimen handele es sich um Menschen, "die in Hinsicht Blasphemie keinen Spaß verstehen". Betont Mosebach und träumt von einer Welt, in der es ein klares Gut und Böse gibt, in der Zucht und Ordnung herrschen. Eine Welt, in der Literatur und Kunst vielleicht bedeuten, dass Mosebach da wäre, wo er eventuell seiner Meinung nach hingehört: zur Linken des Papstes.

Als Vorsteher einer Kommission, die er in Personalunion bilden würde, da er über Qualität zu befinden und gegebenenfalls alle Bücher des Landes verbieten und deren Autoren zünftig bestrafen lassen würde. Nur noch Bücher des Herrn Mosebach in den Läden, in denen gottesfürchtig gekleidete dienstfertige Nonnen bedienten, und so weiter. Was unsere Welt unbedingt benötigt, ist die Rückkehr zum Rigiden. Wir brauchen eine klare Abgrenzung in Zeiten, in denen die Globalisierung Kraut und Rüben mit der Weltordnung spielt. Wir brauchen Gesetze, Härte und Hass auf jeden, der einer anderen Meinung ist als wir. Wir brauchen Furcht.

Danke für Ihren Wortbeitrag, geschätzter Kollege.

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