S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Umarmt die, die noch da sind

Am Ende des Jahres zählt man traurig die Verluste, regt sich aber immer noch über Politiker und die Toilettenspülung auf. Ein Plädoyer für das, was wirklich wichtig ist.

Eine Kolumne von


Die Luft riecht nach Nebel, die Sonne ist auf Reisen - das ist der Herbst, von dem ich immer träume. Wird es leichter zu ertragen, das Elend, wenn man versucht, es sich jeden Tag vorzustellen? Das ist ein Text für alle, die in diesem Jahr den Sinn in ihrem Leben verloren haben. Das ist der Versuch, euch zuzudecken, zu umarmen, euch, Bekannte und Freunde, Fremde und Menschen, die ratlos stehen, in dieser Dunkelheit, die nun schon morgens kommt.

Sieben Bekannte und Freunde sind nicht mehr da. Für mindestens sieben Menschen, Partner und Partnerinnen, hat die Welt aufgehört, sich zu drehen. Ist stehen geblieben. Oder sie bleiben stehen, wie eingefroren, und sehen nach draußen, wo die anderen einfach weitermachen. Sich aufregen über Parkbußen, über Politiker, über die Toilettenspülung. Sich streiten, ihre Männer, Frauen, Kinder hassen in kurzen Momenten, einfach, normal und unsorgfältig. Die Trauernden, die Erstarrten haben nichts mit diesen anderen zu tun. Ein Loch ist mit dem Toten in die Welt gerissen, ein Krater vor das Haus.

Sieben Freunde und Bekannte, der Krebs, das Herz, die Niere. Die Idiotie, die einem so kurz klar wird. Der Quatsch, den wir uns antun, die wir uns hassen und anpöbeln, ankeifen, die wir uns nicht wahrnehmen und die wir sind, als wären wir unendlich. Können ja in hundert Jahren noch damit beginnen, freundlich zu sein. Oder endlich das tun, was wir immer tun wollten, was war das nur. Können irgendwann herausfinden, was wir an Kevin oder Helga, an Torben oder Chris je gut fanden. Und so lange behandeln wir den Menschen, der uns erträgt, so nachlässig wie einen Schirm. Wir können ihn beschimpfen, selbst schuld, er ist halt gerade da. Wir hören nicht zu, nicht hin, da ist gerade was im Fernsehen, nicht jetzt küssen, berühren, ich muss die Kartoffeln aufsetzen. Warum, verdammter Mist, vergessen wir das Wichtigste?

Wir müssen es jetzt besser machen

Sieben Menschen, von denen ich weiß, vermutlich sind es Millionen, haben in diesem Jahr den Sinn ihres Lebens verloren, von dem sie mitunter nicht wussten, dass es der Sinn ihres Lebens ist: einen geliebten Menschen. Auf einmal war da das Loch, und es zog. Ein Loch, das bleibt, wenn man nicht mehr mit einem lebt, der einem vertraut ist, der mit einem gegen den Irrsinn steht, der einen hält, wenn man traurig ist. Die Arbeit, die Wohnung, das Essen, es schmeckt nach Stroh. Was macht man da außer ein- und ausatmen und langsam laufen, damit man nicht unter einen Zug gerät, und was soll man da machen, wenn da nicht einmal ein Zug ist. Allein jeden Morgen aufstehen, kämpfen, laufen, weitermachen.

Für viele steht die Welt still, und nun wird es auch noch dunkel draußen, es kommt keiner vorbei, an diesen Nachmittagen am Wochenende, wenn nicht mal die Uhr tickt, da wirkt doch alles wie lebendig begraben. Das ist ein Text für alle, die einen Toten zu betrauern haben, für die, die ich gerne trösten würde mit Sätzen wie: Es wird besser, es wird wieder heller, es wird wärmer werden, und es ist wichtig, dass du weitermachst. Ich glaube mir nicht.

Ich glaube nur, dass wir es besser machen müssen. Jetzt sofort: Die umarmen, die noch leben, die wir irgendwann geliebt haben, und wieder lieben können, denn wir sind noch da. Sie sind noch da.

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Erich91 06.12.2014
1. Die Frau
ist offensichtlich nicht zu bremsen.
hendrik677 06.12.2014
2. Danke
Frau Sybille! Ein wirklich schöner und berührender Aufsatz bzw. you made my day!
max__1985 06.12.2014
3. Zustimmung
Es gibt dem nichts weiter hinzu zu fügen!
yogibimbi 06.12.2014
4. mal wider was...
...richtig schönes.
acomment 06.12.2014
5.
Ein wunderschöner Text, hat mich sehr berührt...
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