S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Diese verdammte Lieblosigkeit

Wir sind unglücklicher über einen kaputten Computer als über eine kaputte Großmutter, und wir lassen Roboter-Robben auf Demenzkranke los: Was für eine erschütternde Entwicklung.

Eine Kolumne von


Die Zukunft, die wir uns an unseren Computern vorstellen, diese schöne goldene Zeit mit ihrem Fortschritt, der menschliche Fehler eliminiert: Hoffentlich werden wir sie noch erleben.

Selbstfliegende Flugzeuge - aus aktuellem Anlass. Selbstfahrende Autos, großartig. Keine hupenden, rasenden Besoffenen mehr, keine Leute, die sagen: "Ich fahre gerne sportlich." Und damit meinen: "Ich bekomme meinen Arsch sonst nicht bewegt, blicke aber gerne auf meinen Unterarm, wie er den Schaltknüppel in die Gänge rammt."

Dann: Kinderkriegen für über 60-Jährige - welche Welle der Erregung ging durch die mediale Online-Welt. Alte Frauen, die Kinder kriegen, statt, wie sonst normal, Politikerinnen zu sein. In der Zukunft kein Problem, denn jeder, der einen Eignungstest besteht, kann Nachwuchs haben. Besser liebevolle 60-Jährige als dumpfe 20-Jährige. Lieblosigkeit Kindern gegenüber, ein komplettes Rätsel. Wer jemals den Film "Ponette" gesehen hat, weiß, wovon ich schreibe. Kann jemand, der begreift, wie sich Kinder fühlen, diese Kinder schlagen, quälen, ignorieren oder vergessen?

Gleich unverständlich ist die Mitleidlosigkeit alten Menschen gegenüber. Wenn sie nicht Nazis waren oder bei der Waffen-SS, macht mich unfreundliches Verhalten Alten gegenüber ratlos. In der Zukunft werden die Probleme der Altenbetreuung komplett an Maschinen delegiert - neben Kuschelrobben für Demente gibt es erste Versuche mit Roboterpflegepersonal, ist das nicht großartig.

Endlich keine schlecht bezahlten Altenpfleger mehr, sondern Sauberkeit, Maschinen, Geräte, die Liebe spenden, das könnte man auch für Kinder andenken, und schon bliebe mehr Zeit für die Selbstoptimierung der noch Leistungsfähigen.

In der Zukunft wird am besten alles, was mit Gefühlen, mit Liebe und Freundlichkeit zu tun hat, von Maschinen erledigt, die scheinen zuverlässiger. Wir Nichtmaschinen bauen uns Plastikteile in den Körper, machen stundenlang Sport, hängen neben der Arbeit im Internet und treffen uns mit Menschen, die wir nicht kennen, zu Spielen, an denen andere verdienen, wir googeln und twittern, wir laufen und stöhnen, wenn wir einmal im Monat zu irgendwelchen Alten müssen, mit denen wir aus Versehen verwandt sind.

Viele sind unglücklicher über einen kaputten Computer als über ihre kaputte Großmutter und glauben, dass all die wunderbaren Bekannten eine Familie ersetzen. Und vielleicht haben sie recht. Wahrscheinlich aber nicht.

Die Erfahrung, dass in absolut lebensbedrohlichen Krisen, bei schwerer Krankheit, Verarmung, Verlust eines Partners oder einer Partnerin, nur wenige unserer wunderbaren Freunde dazu taugen zu trösten, da zu sein, ohne ein Zeitlimit, ohne Ungeduld wegen der Langwierigkeit des öden Leidens, ist erschütternd. Keinem zu wünschen. Es bleiben meist nur ein, zwei Menschen, die einen halten, aushalten in so einem Fall.

Die meisten verzichten heute auf den Zusammenhalt einer Familie. Sie besuchen schlecht gelaunt die Alten im Heim, fahren gelangweilt zu den Eltern, sitzen angeödet bei Onkeln und Tanten. Sie vertrauen in eine wunderbare Zukunft, in der all die Jobs, die früher Familienmitglieder übernehmen mussten, von guten, ehrlichen Maschinen erledigt werden. Mit putzigem Robbenfell.

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insgesamt 258 Beiträge
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Seite 1
twistie-at 02.05.2015
1. meine Güte, wie selbstherrlich
warum ist es nicht möglich, dass hier ein Kolumnist mal von sich selbst schreibt? Warum immer dieses "wir lassen zu, wir machen x, wir sagen y"? Das ist anmaßend und auch fehl am Platze. Dazu dann diese schonVerteufelung der Technik per se. "In der Zukunft werden die Probleme der Altenbetreuung komplett an Maschinen delegiert - neben Kuschelrobben für Demente gibt es erste Versuche mit Roboterpflegepersonal, ist das nicht großartig. " Ohne irgendeinen weiteren Hintergru nd ohne nähere Information, ohne ein Für und Wider abzuwägn oder sich mit dem Thema in irgendeiner Form mal abseits der Ermpörung zu befassen, wird von der moralischen Empörungskuppel aus das Wort zum Sonntag gesprochen und sich danach wieder in den hübschen Second-Hand-Designerklamotten-Turm begeben. Warum gibt es denn das Roboterpersonal? Ist es ggf. sogar auch eine gute Idee? Würde mehr Roboter nicht ggf. auch bedeuten, dass sich weniger Menschen ausbeuten lassen bzw. selbst ausbeuten? Ist die Kuschelrobbe automatisch schlecht oder kann sie z.B. Menschen ohne Freunde und Bekannte, die sie dauernd besuchen und ohne direkten zwischenmenschlicehn Kontakt helfen und positiv wirken? Ist dieser fehlende Kontakt immer auf die ignoranten und selbstsüchtigen Menshen zurückzuführen oder kann es nicht einfach auch sein, dass jemand nun einmal auch mal einsam sein wird und insofern über die Robbe sich freut und dass diese z.B. eben auch nachts usw. da ist? Wie wird es sich auswirken, wenn mehr durch Roboter übernommen wird? Könnte dies ggf. auch zu einem BGE führen und so weiter und so fort? Aber nö: hauptsache moralisch empört und natürlich von einem "wir" gsprochen, was in dieser Form gar nicht existiert.
kevinschmied704 02.05.2015
2. das problem ist...
dieses problem existiert nur für euch deutsche! in italien ,spanien, greichenland usw. sind alte menschen niemals alleine! türlich gibt es ausnahmen, aber selbst da gibt es sogar noch nachbarn. ihr geht so mit euren älteren menschen um, weil ihr euch ständig auf erfolg und freizeit trimmt. ihr teilt nicht gerne und erst recht nicht eure freizeit... und ihr empfindet eure ältere generation heufig als unbequem und als eine last. das ist in vielen ländern nicht so! eine mutter und einem vater in einem altersheim abzugeben... UNDENKBAR! gruss
twistie-at 02.05.2015
3. Die Familie als glorifizierende Idee
Davon abgesehen klingt das wie ein reaktionärer Artikel zum Thema Familie als Hort der Glückseligkeit. Als würde eine Familie automatisch Sicherheit, Glück, Zufriedenheit und auch Absicherung vor Einsamkeit im Alter bedeuten usw. Dass es Familien gibt, die zerstören, dass es Familien gibt, die auf grund der Entscheidung der Mitglieder dann eben doch nicht halten oder auseinanderfallen und später eben doch jemand im Heim sitzt während 2000 km weiter dann der Verwandte noch den zweiten Job annimmt damit er das Heim bezahlen kann - egal. Vertane Chancen der Betrachtung wie immer.
archback 02.05.2015
4.
Nachdem ich meine Kinder gefüttert und gewickelt habe und was sonst noch dazugehört, sie zu anständigen Menschen zu machen und nun meine Enkelkinder betreue, immer wenns für die Kinder eng wird, soll ich auch noch meinem dementen Vater seinen Kot von Körper, Hände und Wände entfernen, aufpassen, dass er nicht wieder fortläuft und die Polizei ihn zu Fuß von der Autobahn holt und mich wegen mangelnder Aufssichtspflicht ermahnt. Der Vater, der nie Zeit für mich hatte und wenn, dann nur für Ermahnungen und Vorwürfe? Nein danke! Ab ins Heim!
chjuma 02.05.2015
5. Dem Artikel
vermag ich nur bedingt zu folgen. Ausführlich stehen dort alle Symptome. Nur die Ursache wird nicht genannt. Die Diktatur des EURO. Alle Lebensbereiche werden auch technokratische Effizienz getrimmt. Ich kann mich erinnern, dass es einmal Gemeindeschwestern gab. Die haben sich um die Sozialen und einfachen pflegerischen Belange gekümmert. Sie hätten ihr Gehalt und haben nicht auf die Uhr schauen müssen. Der EURO schreibt vor: 1x Lächeln 2,50, 1xStreicheln 3,00....Aber Ihr Budget reicht nur für 3 Einheiten. Das ist die kranke Ursache. Wir lassen für zig Milliarden Panzerchen durch alle Welt räubern. Aber haben nicht mal den Schneid um unsere Eltern in Würde alt sein zu lassen. Dass das für familienaffine Lebensweisen, denen wir unsere Eurokratie überhelfen wollen sich dagegen wehren, kann ich verstehen.
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