S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Ich denke, also wähle ich
Die Regierung ist immer die falsche, und die Weltregierung haben längst Unternehmen übernommen. Trotzdem lohnt es sich, wählen zu gehen. Denn bisweilen gelingt es Politikern tatsächlich, Gesetze zu verabschieden, die klüger sind als die Bevölkerungsmehrheit.
Die Wahlen stehen an, die Medien drehen durch. Leider nur die, denn außer Journalisten, die erregt dem Sommerloch entkommen, scheinen sich die Menschen mäßig für die bevorstehenden Wahlen zu interessieren. Es gibt ein in Stein gemeißeltes Gesetz, das universell nie an Bedeutung verliert. Es heißt: Die Regierung ist immer die falsche.
Daran wird sich nichts ändern, denn auch die ausgewogenste Zusammensetzung eines Kabinetts wird nichts an der Tatsache ändern, dass die eigentliche Weltregierung längst wenige große Firmen übernommen haben. Was wir Regierung heißen, ist nicht mehr als Lokalteil einer untergehenden Zeitung. Wichtig für die Details der Verwaltung und der Regelung des Zusammenlebens.
Apropos Detail. Trotz der stärksten Partei CDU, die den Namen einer religiösen Vereinigung im Namen trägt, was man sonst vornehmlich aus fundamentalistisch orientierten Ländern gewöhnt ist, wird es ab 1. November in bundesdeutschen Geburtsurkunden ein "drittes Geschlecht" geben. Die Vorstufe zu einer geschlechtsneutralen Zukunft ist ein großer Fortschritt für Intersexuelle und ein Beispiel dafür, dass es mitunter gelingt, Gesetze zu verabschieden, die klüger sind als der Großteil der Bevölkerung.
Das Unbehagen der Unbedarften
Wie bei fast allen Diskussionen in letzter Zeit, ob es die Abschaffung diskriminierender Ausdrücke ist oder der Versuch, die Gleichberechtigung aller Menschen voranzutreiben, besteht die Reaktion vieler erst einmal in einem Aufschrei. Der nicht mehr meint als: Wir haben das immer so gemacht. Wir haben uns unser Leben lang angepasst und gesetzestreu gelebt, wir haben Scheiße gefressen und wir hassen alles, was uns zeigt, dass wir uns Beschränkungen auferlegt haben.
Wir lehnen alles ab, das unseren Lebensentwurf und unsere Sicht auf die Welt in Frage stellt. Wir wollen nicht denken! Errichtung geschlechtsneutraler Toiletten? Redigieren rassistischer Formulierungen in alten Büchern? Oder schrittweise Akzeptanz der Auflösung der Geschlechter? Die Reaktion ist dieselbe. "Die naturgegebene Wirklichkeit von Mann und Frau soll durch ein 'gefühltes' Geschlecht auf eine sterile Unisex-Uniformität reduziert werden", weint ein katholisches Forum. Und der Kommentar "Ich hoffe, dass sich das Zeitalter des Nihilismus schnell zum Ende neigt. Mit ihm soll der ganze Genderwahn, Gleichheitswahn, Feminismus, Materialismus, Sozialismus, Liberalismus, etc. mit untergehen", fasst die Haltung vieler zusammen.
Es darf nicht sein, was nicht sein darf, wäre die These, die das Unbehagen des Unbedarften gegen Veränderungen seiner Gewohnheiten zusammenfasst. Erst ihr, dann wir! Das brüllten gute Bürger aus der unteren Mitte der Gesellschaft, als sie vor einem Asylantenheim demonstrierten, was jetzt politisch korrekt Geflohenenheim heißen soll. Wehe, man würde sie nach den Rechten für Homosexuelle befragen oder sie damit konfrontieren, dass es für denkende Menschen normal ist, Feminist zu sein, oder damit, dass Betroffene entscheiden, wann sie sich diskriminiert fühlen.
Für sie alle braucht es eine Orientierungshilfe in der Welt der schneller werdenden Veränderung: Gesetze. Die ihnen Geländer des moralischen Handels sein sollen. Bis der Mensch informiert genug für eine direkte Demokratie ist. Darum sollten alle, die im Besitz eines Verstands sind, an der Wahl teilnehmen. Und gut überlegen. Wessen Gesetze wollen wir befolgen, wem trauen wir mehr als uns. Das war der Beitrag zur Wahl 2013.
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Sibylle Berg ist Schweizerin. Ihre 12 Romane und 13 Theaterstücke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Berg unterrichtet Dramaturgie und ist Kopf des Regiekollektivs Berg & Förster. Ihre Bücher "Vielen Dank für das Leben" und "Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle" sind im Handel erhältlich.- Homepage von Sibylle Berg
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Volker Hage:
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