S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Früher war alles weniger anstrengend
Eigentlich wollen wir am liebsten so daliegen und den Himmel betrachten. Jedenfalls unsere Körper wollen das, diese ineffizienten Maschinen. Ständig müssen sie uns Grenzen setzen - wo doch das Leben nach immer höheren Umdrehungszahlen verlangt.
Dass wir einen Körper haben, ist so unglaublich lästig. Dass er Grenzen der Belastbarkeit aufweist, Gebrauchsspuren, dass er verdammt noch mal limitiert in seiner Umdrehungszahl ist. Dabei sind wir doch schon so fix geworden. Vom Trimm-dich-Pfad in die Zumba-Kurse, vom Fahrradausflug auf die Mountainbikes.
Wir haben ein schlechtes Gewissen (ich schreibe jetzt mal wir, ich habe das nicht, aber Sie vielleicht?), wenn wir uns nicht sportlich betätigen, wenn wir irgendwo hocken, schlendern, flanieren, gar nur sitzen und einen Fluss ansehen. In dem man nicht mehr schwimmen kann, aber dazu geht man auch ins Bad und krault seine zehn Kilometer runter. Wir machen das alles mit, wir glauben dem Versprechen, dass ein gestählter Körper wie eine Waffe ist, die wir gegen uns einsetzen können, um mit ihr Höchstleistungen zu erzielen.
Effizient muss das Leben sein, ein Time-Management muss es aufweisen und abends gibt es einen halbe Stunde Quality-Time mit Peter oder Uschi. Was tun wir nur alle, und was machen wir mit dem Geld, das doch nie ein Oligarchen-Geld sein wird, sondern immer nur knapp langt, weil alles in Ruhe teurer wird.
Immer noch kein Oligarch
Die Miete, das Essen, das Leben - alles wird teurer und wir müssen mehr leisten, immer mehr, um immer noch kein Oligarch zu sein. Nur um zu registrieren, dass Rechnungen kommen, für die wir arbeiten, die immer höher ausfallen, warum eigentlich? Wer wird denn da reich, wenn nicht wir? Wo geht das alles hin? Verpufft die Zusatzleistung in der Atmosphäre und ändert das Klima?
Die Welt war vor zehn Jahren halb so schnell wie heute. Und es hat zu genau demselben, wenn nicht besseren Lebensstandard gereicht. Immer mehr Arbeit, die man verrichten muss, und wir glauben, dass wir sie gerne verrichten, weil wir besser sein wollen, schneller als der Kollege oder die Kollegin. Wir wollen Helden der Evolution sein, und sind am Ende so oder so tot.Wie dieser unglückliche junge Mann zum Beispiel - oder anders.
Ständig angespannt und überfordert
Und was wird bleiben, wenn man merkt, dass das Ende kommt? Wird man sich an die Momente im Fitnessstudio erinnern? An die Gehaltserhöhung, die Entlassung, an den Krampf, an die neue größere Wohnung, das schnellere Auto, die Business Class? Langt es für ein glückliches Leben, Business Class zu fliegen - oder hilft es alles nichts, und wir eiern nur planlos zwischen Geburt und Alter, denn dass Altsein nicht vorgesehen ist, wissen wir doch, oder?
Es kann nicht sein, dass eine Welt, die sich ständig beschleunigt, irrsinnig gut mit den Alten umgeht, die wirklich nichts mehr leisten, außer bei Rent a Rentner Putzdienste anzubieten. Ich habe keine Ahnung, wie man aussteigt, eine Pause macht, langsamer wird, verzichten lernt, denn da ist ja kein Überfluss. Sondern nur diese verdammten Rechnungen, die immer höher werden, und die Städte, die voller werden, und der Ton, der rauer wird. Und alle reden von Hatespeech, weil wir ständig angespannt sind und überfordert, weil wir diesen verdammten Körper haben, der so limitiert ist. Und der nicht mehr will, außer liegen und in den Himmel zu sehen.
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Sibylle Berg ist Schweizerin. Ihre 12 Romane und 13 Theaterstücke wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Berg unterrichtet Dramaturgie und ist Kopf des Regiekollektivs Berg & Förster. Ihre Bücher "Vielen Dank für das Leben" und "Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle" sind im Handel erhältlich.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
- Sibylle Berg auf Twitter

Volker Hage:
Marcel Reich-Ranicki
(1920-2013)Der Kritiker der Deutschen.
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