S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Der Untergang der Mächtigen

Atomkraftwerke, Waffendeals, Umweltverschmutzung: Die herrschende Klasse riecht ihren nahenden Untergang - und will noch rasch möglichst viel Unheil anrichten.

Eine Kolumne von


Die Welt verändert sich, im Moment offenbar zu schnell. Das lässt den Verstand kollabieren, das fördert die Panik. Es scheinen gerade zwei Lager aufeinanderzuprallen, unerbittlich, unversöhnlich. Die einen, die von einer Erde träumen, die nicht mehr ungerecht ist. Und die anderen, die es sich in ihrer Vorherrschaft bequem eingerichtet haben.

In Amerika gerade so: 15 Bundesstaaten klagen gegen Obamas Energiewendekonzept. Also sie klagen auf ihr gutes Recht, die Umwelt weiter zu belasten. Das Klima zum Kollabieren zu bringen.

In Amerika gerade weiter: Republikaner klagen gegen Obamas Krankenversicherungsrevolution. Also für den Erhalt einer Zweiklassengesellschaft.

In der Schweiz unterdessen: Vornehmlich bürgerliche Parteimitglieder (so nennt man fast nationalistische Parteien elegant) voten für ihr Recht auf Atomkraftwerke.

Es scheint, als hätten einige Mitglieder der aktuell noch herrschenden Klasse - Politiker, Wirtschaftsvorstände, Aufsichtsratsvorsitzende, Chefs von Energiekonzernen, Waffenhersteller und Dealer - eine Ahnung von der Veränderung, als röchen sie ihren Untergang. Das Ende des umjubelten Wachstums, das alles zum Explodieren bringt, das Ende des Patriarchats, das Ende des Neoliberalismus, das wittern sie.

Und deshalb wollen sie so viele Menschen wie möglich mit in den Abgrund reißen. Schnell noch mal so richtig Scheiße bauen. Ein paar Endlager errichten, ein paar alte Atomkraftwerke weiterlaufen lassen, größere Autos bauen, Wiesen zubetonieren, Grundwasser vergiften, ein paar gute Entscheidungen revidieren, ist doch egal, was die nach uns machen.

Wir leben jetzt, wir haben noch nicht genug. Immer noch nicht. Wir wollen nicht sterben, wir wollen nicht sterben. Aber leider: Wusch - da geht die Sonne unter und reißt ein paar Lobbyisten mit sich, ein paar Chefredakteure, Chefmanager, Chefsessel. Die Welt ist noch nicht am Ende. Da geht noch was. Euer "I don't give a fuck" ist bald vorbei. Ihr könnt toben und strampeln, ihr könnt unnütze Parolen schreien, in euren schlecht sitzenden Anzügen, ihr seid am Ende.

Die Zeiten, da der Mensch sich von Schwachsinn motivieren ließ, sind vorbei. Was da heranwächst, ist eine neue Generation, die Meinungshoheiten nicht mehr toleriert, nicht mehr an Hierarchien glaubt, an als Tradition getarnten Sexismus und Rassismus, Menschen, die sich als Teil der Welt begreifen und um ihre Sterblichkeit wissen. Menschen lernen aus ihren Fehlern, sie entwickeln sich weiter.

Okay, das vielleicht nicht. Der Rest schon. Amen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 391 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
richooo 22.08.2015
1. Super artikel
Leider nicht zutreffend. Zumindest noch nicht. Die zeiten das die menschheit sich von schwachsinn motivieren lässt ist leider leider nicht vorbei. Zumindest gibt es dafür für michnkaum beweise. Das öko jetzt in ist, ist ein kleiner schritt aber noch nicht die lösung. Die menschen konsumieren noch immer zu viel, essen novh immer zu viel fleisch, fahren zu viel auto, wollen alles billig. Ich würde ja gerne eine änderung sehen, kann es aber leider nicht.
jorei1 22.08.2015
2. den ersten teil ihrer diagnose, liebe sibylle, teile ich -
maßgebliche eliten (geld, wirtschaft, politik) gebärden sich wie die letzten vergnügungssüchtigen auf der titanic. dazu gehören auch und vor allem wir europäer unter der knute der eu und der usa. den befund, dass die jetzt heranwachsende generation sich nicht mehr von schwachsinn motivieren ließe, weise ich als schwachsinn zurück. ein paar love parades machen noch keine energiewende. ein paar vegane schickimicki-restaurants bewirken nichts, schon gar keine wende unserer wahnsinns-agrarpolitik. und ein paar e-mobile tragen aber gar nichts gegen den klimawandel bei. die heranwachsende generation ist sogar leichter verführbar als die ihrige und meinige, weil sie vor lauter i-junk, den sie konsumiert, gar nicht mitkriegt, wieviel müll, schulden, dreck und uneinlösbare hypotheken auf die zukunft wir ihnen hinterlassen. statt dessen laden sie lieber die neuesten apps auf ihre handies, joggen mit stöpseln in den ohren, bloggen und chatten ihre langeweile zu tode. die verantwortung tragen wir, die generationen 1 und 2 nach dem 2. wk. wir haben die erde endgültig zur müllhalde unserer gier gemacht. unsere kinder und enkel aber sind politisch desorientiert. woran sollen sie sich auch orientieren? an einer spd, die politik macht, die kapitalistischer und konservativer ist, als die einer cdu ludwig erharts (ttip)? an einer cdu, die das hände falten vor dem bauch als ergebenheitsgeste gegenüber dem goldenen kalb wachstum als einzige und alternativlose maxime predigt und lebt? oder an rechten hetzern, die patriotische parolen plärren, nichtmal das wort deutschland richtig buchstabieren können, aber nazi-parolen grölen?
meinmein 22.08.2015
3.
Dass nach dem Zusammenbruch des Schlechten was Besseres kommt, wurde von der Geschichte immer wieder widerlegt. Meist kommt's noch dicker.
glorieux 22.08.2015
4. Merci
Ach hätten Sie doch Recht liebe Frau Sybille. Merci für diese Zeilen, sie tun so richtig gut!
Koana 22.08.2015
5. Leider voll daneben.....
.... die Mächtigen hassen ihre Kinder, das taten sie wohl schon immer. Es ist wohl der Neid, der Neid auf die Jugend. Sie riechen nicht ihren Untergang, sondern den Gestank ihrer zerfallenden Körper, den auch das teuerste Parfüm nicht übertünche kann. .... die Masse träumt seit jeher von einer gerechten Welt und schenkt ihre Träume gegen etwas Nahrung und mehr oder weniger schäbige Unterkunft den Mächtigen. .... Bildung nutzt einzig dazu, sich etwas mehr an den Lebensstil der "Eliten" annähern zu dürfen. Das die hoffnungsvollen Zuckungen heranwachsender Generationen schlichtes Ornament und leider absolut unwirksames Theater repräsentieren, konnte man an der Bewegung der 68er wahrlich mustergültig erkennen. (Das gilt auch für viele ähnliche Bewegungen in der Geschichte, die Mächtigen hielten immer den Status Quo aufrecht, Krieg, Elend und Hass sind der Kitt mit dem sie die Güte der Menschen überschütten, die Güte und Vernunft verhindert einzig das absolute Horrorszenario, wobei nicht in allen Regionen dieser Welt, nicht immer. Dabei wäre der Mensch zur sozialen Anarchie fähig, nur dann würden sie nicht für ihre Zeilen bezahlt, während ich in einer kleinen Hütte lebe und - gerne - praktisch ohne Geld lebe, da es mich anwidert, vom System ernährt zu werden. Ihre Systemkollaboration ist sehr weit fortgeschritten, die meine ist auf ein überlebensnotwendiges Minimum reduziert. Daher sind mir Ihre "Tränen" eher Krokodielstränen, sie wirken wie ein C-Promi, der gerne endlich zum B-Promi würde, ich wüsste wie sie das schaffen können. Fragen Sie einfach.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.