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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Tut wenigstens so, als wärt ihr nicht hilflos

Eine Kolumne von

Die Regierungen kapitulieren, suggerieren aber, die Flüchtlingsproblematik sei bei ihnen in guten Händen. Sie überlassen damit das Feld den rechten Rattenfängern - und die sind erbärmlich.

Das Feuer in Tröglitz ist gelöscht. Im Zuge dieses spektakulären Falls erfahren die Uninteressierteren unter uns, dass sich die Angriffe auf Flüchtlingseinrichtungen häufen, ein paar Leit- oder Nicht-Leitartikel werden geschrieben, ich quatsche jetzt auch noch ein bisschen herum, die Polizeikontrollen werden verstärkt. Die Sache ist klar: Es waren die Nazis. Die Deppen. Wenden wir uns wieder der Welt zu.

Die Welt. Was hat sie denn heute auf Lager? Die US-Regierung sendet Flugzeuge in den Jemen, was wohl nicht mit der Meeresenge dort zu tun hat, nein, sicher nicht, nach Nigeria werden keine Flugzeuge geschickt. Was macht eigentlich Assad, was ist in der Ukraine los, wo lagert eigentlich das Geld russischer Oligarchen? Wie hängt das alles zusammen?

Verstehen wir nicht.

Versteht keiner.

Die Welt, geben wir es doch einfach zu, ist unbegreiflich geworden, und das nicht nur für mittelprächtige Gehirne wie meines oder Ihres - auch im Silicon Valley, wo die im Moment vermutlich klügsten Anarchisten an transhumanen Experimenten sitzen, hat keiner eine Ahnung.

Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen

Die Welt mittels Facebook und WhatsApp zu beherrschen, bedeutet eben nur, genau einen Aspekt der Welt mit Facebook und WhatsApp zu beherrschen. Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Schließen wir den Laptop, atmen tief durch und freuen uns, dass wir leben. Hoffen wir, dass dieser Zustand noch eine Weile anhält - bei all den Pflastern, die gerade überall auf die Wunden der Welt geklebt werden, die so sicher nicht heilen.

Vergessen wir die abstoßende Eigenschaft von Politikern - im aktuellen Fall: von rechtsradikalen Politikern -, sich die Ratlosigkeit vieler zunutze zu machen. Was bleibt, ist die Realität: Es werden bis zu einer halben Million Flüchtlinge in Deutschland erwartet. Im Moment. Sieht man sich Bilder aus Syrien an, kann man nicht anders, als den Menschen von dort die Tür zu öffnen, die Betten aufzuschütteln. Sonst ist man eine Maschine.

Die demokratisch gewählten Volksvertreter appellieren an das Mitgefühl, reden von Geldmitteln, die bereitgestellt werden - also von Ihnen. Bei der Bevölkerung aber fehlt der große Plan. Den hat keiner. Was passiert mit den Menschen? Kann man mitfühlend helfen und dennoch eine weiterreichende Idee entwickeln, was das mit den Menschen macht, wenn der Krieg vorbei ist - und was, wenn er nie vorbeigeht? Kann man den Gästen und der bereits ansässigen Bevölkerung die Basis für ein gutes Zusammenleben bieten?

Es fehlt eine neue Idee

Überfordert ist jeder. Auch die Regierung, in der Leute sitzen, deren Gehirne unseren vermutlich nicht wesentlich an Brillanz überlegen sind. Aber: Sie werden dafür bezahlt, so etwas wie eine Gruppenintelligenz herzustellen.

Es wäre die Aufgabe einer Regierung, zumindest so zu tun, als wäre sie nicht hilflos. Sonst übernehmen die Rechtsreaktionäre mit einfachen Lösungen wie: "Alles zurück auf 1940!" Vermutlich ist die Zeit von Regierungen, die nicht aus Spezialisten bestehen, vorbei. Und vermutlich ist eine neue Idee noch nicht vorhanden - so wie neue Ideen zu fast allen Problemen nicht vorhanden sind, weil Lösungen immer noch nicht global gedacht werden.

Ich bezweifle, dass Pegida-Mitläufer oder Neonazis die "Lügenpresse" hier lesen. Falls doch: Behandeln Sie Gäste oder Zugezogene mit Freundlichkeit, denn schon morgen können Sie selbst irgendwo um Hilfe suchen müssen. Es gibt keine Sicherheit mehr. Auf die Opfer der chaotischen Zeit einzuschlagen, ist erbärmlich. Überlegen Sie lieber, wen Sie als Nächstes wählen. Und das kann niemand sein, der einfache Lösungen anbietet.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 227 Beiträge
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1. Spon,
millerntor 11.04.2015
danke für diesen genialen Beitrag ! Mit Schärfe geschrieben.....trifft auf den Punkt genau !
2. Ja, es ist kompliziert
auchda 11.04.2015
Danke Frau Berg, Ihre ironischen Worte, gemischt mit Aufforderungen daran zu denken, dass auch die Sichersten nicht sicher sind wird wie Sie selber feststellen nicht die Richtigen erreichen.
3. Endlich mal Klartext
marcelchen0374 11.04.2015
Freue mich sehr über diesen Artikel. Wahrscheinlich werden allerdings die Meisten tatsächlich gar nicht oder nicht bis zum Ende lesen. Es ist so viel angenehmer sich mit rosa Brille zurück zu lehnen...
4. Fahren wir den PC runter...
n0 by 11.04.2015
...fahren in die Welt, die reale, nicht surfen in der digitalen Welt. Denn die Furcht vor Fakten, Hass-Predigern kann man als Rentner am besten außerhalb des Landes entgehen, als E-Migrant eben. http://n0by.blogspot.it/2015/04/furcht-vor-fakten-hass-predigern.html Allerdings muss der Reisende für seine Kosten schon selbst aufkommen.
5. Ab imo pectore
alsterdorfkater 11.04.2015
Bravo, Frau Berg.
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