S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Kommt mal raus aus dem Bällebad

Erwachsenwerden heißt zu verstehen: Der ganze Irrsinn da draußen ist real. Eure Eltern hatten es besser. Das hilft euch aber nicht. Tja.

Eine Kolumne von

Piraten-Parteitag: Die jungen Menschen sind verwirrt
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Piraten-Parteitag: Die jungen Menschen sind verwirrt


Wie jetzt, Sie verstehen die jungen Leute nicht? Ihre Kinder zum Beispiel. Sie finden die gar nicht mehr so jung, um so zu tun, als seien sie jung, die jungen Leute? Ja, aber was verstehen Sie denn genau nicht? Die Sache mit dem Bällebad und den "Sendung mit der Maus"-Mäusen, mit den Plüschoveralls, die Games verstehen Sie nicht?

Also, es ist doch so, Moment, ich habe gerade eine Unterbrechung meiner stringenten Gedanken: "Leistung lohnt sich wieder". Steht mit Neonfarben in meinem Kopf.

Keine Ahnung, wer mir diesen Satz in mein Langzeitgedächtnis gehakt hat. Die Suchmaschine findet ungefähr 7.060.000 Ergebnisse zu der großen Beschwörungsformel. Genauso dämlich wie das "Alles wird gut" einer Moderatorin, deren Namen ich vergessen habe.

Vor der Tür tobt der Irrsinn

Nichts wird gut, nichts lohnt sich, wir wissen es besser. Es geht uns nicht schlecht, aber auch nicht besser, wenn wir bis zur Selbstverschleuderung Leistungen erbringen. Wem? Wozu?

Draußen vor der Tür tobt der Irrsinn. Kommen die IS-Männer wirklich mit Schleppern und Schiffen aus Libyen nach Italien? Und was machen sie dann da, in dem Europa, also hier? Ihre Buddys anrufen?

Diese gelangweilten jungen Männer ohne besondere Eigenschaften, die endlich mal der Welt auf die Fresse hauen wollen? Und so lange, bis der IS also ankommt, können sie den Juden auf die Fresse hauen? Oder allen Blonden. Allen Russen, allen Kopten, Christen, Rothaarigen. Leute von hier hauen Leuten von hier den Kopf ein.

Terror überall auf der Welt

Die jungen Menschen sind verwirrt. Sie verstehen nicht, was in der Ukraine los ist, bringen die Namen all der Plätze durcheinander, die Symbole für unterschiedliche gescheiterte Revolutionen sind. Wie wir fast alle. Leistung lohnt sich nicht mehr, reich werden die mit dem Erbe. Die zehn Prozent. Und der Rest kommt so durch.

Es geht den meisten nicht schlecht, es ist eigentlich alles wie immer, man geht aus, man geht essen, Freunde haben Geburtstag, man selber hat Geburtstag, ver- und entlieben, gutes Wetter. Aber irgendwie ist ein Surren da draußen, wie ein Tinnitus.

Terror überall auf der Welt, der uns noch nicht betrifft. Aber was wenn. Wenn die Einschläge näherkommen, jeden Tag ein Attentat, jeden Tag Blaulicht, Explosionen, Straßenkontrollen, Krieg vor Aldi Süd.

Erwachsen werden

Was, wenn es eben aus Versehen nicht besser wird, sondern schlechter. Die Alten haben Angst, sie wissen, was sie verlieren können, die Jungen haben keine Lust.

Darum wollen weniger Menschen erwachsen werden als früher. Darum spielen sie Spiele, tragen Plüschoveralls und versinken in der Welt der Games, die man kontrollieren kann, aus denen sie ab und zu auftauchen und denken, man sollte was machen, was unternehmen. Dann unternehmen sie eine Online-Petition. Irgendwas mit Internet, da kennen sie sich aus.

Erwachsenwerden heißt doch: Das ist real da draußen, das ist wirklich die Welt, auf der sie jetzt leben sollen, Erwachsenwerden heißt doch, das ist mein Leben, ein anderes gibt es nicht, und es wird jetzt stattfinden, in dieser beschissenen Zeit voller Nazis, Antisemiten, Terroristen, in dieser Zeit, in der das Leben vermutlich immer anstrengend und unsicher war.

Bis auf die kleine Pause der Behaglichkeit, in den letzten 50 Jahren. Die Zeit, in der die Eltern aufwuchsen, die Eltern der Kinder, die jetzt nicht aus dem Bällebad auftauchen wollen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
joG 28.02.2015
1. Der Unterschied zu früher ist, ....
....daß man in Deutschland damals versuchte die Dinge zu vertuschen und wenig zu beachten. Mitglieder meiner Familie wurden bereits vor 50 Jahren Ziele von Terroristen. Wir wussten als ich Kind war, daß deutsche Unternehmen ihre Aufträge mit Korruption bekamen. Wir wussten, daß die Bereitschaft und Fähigkeiten zum Krieg immer notwendig ist um den Frieden zu haben.
observerlbg 28.02.2015
2. Oh, Frau Berg, was mahlen Sie da für ein düsteres Bild.
Nein, der Terror ist nicht erst jetzt da, er war immer da, wird nur durch die modernen Kommunikationsmittel bis unter die Haut geführt. Und wir nahmen ihn, den Terror, nicht so schnell wahr, weil wir mit dem Wirtschaftswunder und uns selbst beschäftigt waren. Die Jugend von heute muss sich anders ablenken. Nur leider wird ihnen dabei die Welt um die Ohren gehauen. Ja, die modernen Kommunikationsmittel können auch zum Fluch werden. Einen Tip habe ich noch für die Jugend im Bällebad: meidet SPON, dann beginnt der Tag schon mal deutlich besinnlicher.
unky 28.02.2015
3. Sie haben...
... es genau getroffen. Danke für Ihre klugen Worte. Ich werde nun trotzdem versuchen, dem nahenden Frühling mit Freude entgegen zu sehen und auf eine friedliche Welt zu hoffen.
erik93_de 28.02.2015
4. Die Dame hat Recht, aber...
...was wäre denn nun der Ausweg?
lalito 28.02.2015
5. wie süß! Speed muss sein.
Ist es die Geschwindigkeit mit der sich Krisen und nicht mehr Kompromissfähiges entwickeln, und gehen will das alles gar nicht mehr. Die elektronischen Medien sind die Hardware und gleichzeitig Ursache des exponentiellen Anwachsens dieses Phänomens. Kein Wunder, dass manche Kids da lieber im selbstgewählten Bällebad versinken wollen, es ist allerdings deren Zukunft . . . ;-))
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