S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir haben leider keine Zukunft für dich

In einer Castingshow abstrampeln oder sich für ein Start-up ausbeuten: Die Perspektiven, die Europa seinen Jugendlichen bietet, sind erschütternd. Wenn wir uns nicht endlich um die kommenden Generationen kümmern, wird sich bald deren Hass anstauen und brutal entladen.

Protestierende Studenten in Athen: Jugendarbeitslosigkeit ist das Elend unserer Zeit
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Protestierende Studenten in Athen: Jugendarbeitslosigkeit ist das Elend unserer Zeit

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59 Prozent jugendliche Arbeitslose in Griechenland, 55 Prozent in Spanien, 38 Prozent in Italien und Portugal. Die Statistik der Jugendarbeitslosigkeit in den EU-Staaten 2013 ist das Elend unserer Zeit in Zahlen. Die Jugend, unsere Hoffnung und so weiter, abgestellt, abgeschaltet, vergessen, nicht benötigt.

Während seltsame Menschen in schwachsinnigen Fernsehsendungen immer noch darüber reden, ob das Internet für junge Menschen schädlich ist, sitzen Millionen von ihnen ohne klare Funktion vor dem Computer. Und warten, dass endlich was passiert. Ausgebremst in der Zeit des Lebens, in der man in der Generation ihrer Eltern das Leben startete. Lehre, Beruf, erstes Geld, erste Wohnung und träumen, dass man sein Leben gestalten könnte, etwas erreichen, etwas Großes daraus machen.

Und es ist an dieser Stelle vollkommen unwichtig, ob das alles eine Illusion ist. Wir brauchen Hoffnung, was soll einen denn sonst am Leben halten. Europa stirbt aus, Kindergeld muss her und eine Herdprämie, aber wie halten wir unsere Jugendlichen am Leben?

Die Sorte Menschen, die heute über den Unsinn des Internets diskutieren, sagte früher gerne: Wer Arbeit will, findet auch welche. Das stimmt so nicht mehr. Nichts stimmt mehr - in einer Welt, die ihre Jugend vergessen hat.

Es ist verdammt schwer, heute einen Feind auszumachen

Hallo junger Mensch, wir geben dir keine Ausbildung, dafür bekommst du auch keinen Job. Natürlich kannst du studieren, wenn es sich deine Eltern leisten können. Danach bekommst du vermutlich auch keinen Job. Zum Ausgleich haben wir dir ein versautes Klima mit Dauerregen, eine ungelöste Atommüllfrage und einen prosperierenden Neoliberalismus gebaut. Wir haben Müll getrennt und ansonsten Aktien gekauft. Okay, das Geld ist jetzt weg, aber dafür ist es uns doch gelungen, einige Firmen so groß zu machen, dass sie jetzt schon mehr Einkommen zu verzeichnen haben als ganze Länder. Als Länder, wo du, arbeitsloser junger Mensch, zum Beispiel noch in der Wohnung deiner Eltern sitzt und wütend bist.

Aber auf wen nur? Es ist so verdammt schwer, heute einen Feind auszumachen. Amerika? Die Großkonzerne? Die Banken, die Manager? Wer ist schuld? Was wir sehen, wenn wir etwas sehen wollen, sind rührende Junge, die sich in Castingshows zum Deppen machen lassen. Die sich bei den Piraten engagieren oder die mit Start-ups von sich reden machen.

Die Millionen in den Wohnungen ihrer Eltern sehen wir nicht. Wir nehmen sie nicht wahr, sie haben keine Stimme, sie haben nur einen Hass, der sich irgendwann entladen wird. In Jugendrandale, in brennenden Städten. Vielleicht gibt es keine Lösung, keine Rettung. Vielleicht folgt der Mensch genau dem in seinen Genen eingeschriebenen Selbstausrottungsprogramm. Vielleicht ist Gerechtigkeit anormal, Mitgefühl und eine Entwicklung des Verstands sowieso.

Wir leben in der besten aller Welten, sagen Menschen mitunter. Ich denke, wir haben in der besten aller Welten gelebt, dann wurden wir gierig, dann wollten wir immer mehr, und dann wurde irgendwann das Licht gnädig ausgeschaltet.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
gumbofroehn 01.06.2013
1. Och, Frau Berg ...
... ein klein bisschen Differenzierung dürfte es doch schon sein. Ihre Symptombeschreibung mag für die Länder "am warmen Wasser" zutreffen. Aber hierzulande bleiben viele Plätze in der dualen Ausbildung unbesetzt und es gibt (gerade in Süddeutschland) jede Menge Arbeitsamtbezirke mit unter vier Prozent Arbeitslose. Ich erlebe Semester für Semester, dass meine Studenten gut bezahlte Praktika bei namhaften Großunternehmen machen und sogar schon mit dem (aus meiner Sicht unberechtigterweise) geschmähten Bachelor ein erstklassigen Berufseinstieg auf attraktiv vergüteten, unbefristeten Stellen machen. Wo ist also das Problem?
fr_dr._murksel 01.06.2013
2. Danke!
Ich als 20 jähriger kann mich dem nur anschließen. Wir brauchen endlich wieder Träume, eine große Utopie für die sich alle begeistern können damit das sinnlose vor-sich-hin-vegetieren endlich aufhört und wir alle wieder lernen uns auch für andere stark zu machen als nur mit dem Finger auf sie zu zeigen.
robin-masters 01.06.2013
3. Dekadente Jugend
alternativ gibt es da die von Prof. Papi und Dr. Mami finanzierten und charakterlosen BWL Kiddies die in dicken Autos fahren und sorgenfrei sind. Sie fangen dann bei der nächsten besten Bank an oder haben durch Beziehungen von Mami und Papi in irgendeinem Verband oder Partei, Behörde einen gehobenen Posten und sie bezeichnen sich als Leistungsträger. Da gibt es in Deutschland nicht wenige von. Auf der anderen Seite gibt es das Suff-, Party- XBox-,PS3volk was möglichst nicht an die Zukunft denkt oder an überhaupt irgendwas... wer mag es ihnen verdenken. Ein normaler Arbeiter ist heute zu tage einen Dreck wert und bekommt dies auch zu spüren. Gibt natürlich noch die Glücklichen die in einer Spezialbranche untergekommen sind.... wo man halbwegs gut leben kann.
luckyloser 01.06.2013
4. Felix Finkbeiner
Vor kurzem hat der gerade mal 15-jährige UN Kinderbotschafter Felix Finkbeiner in der Kanzel der Erlöserkirche in München eine wirklich beeindruckende Rede gehalten, die sollten sich alle mal reinziehen. Den Kindern gefällt es u.a. nicht, dass die Erwachsenen alles verbrennen, was sie in die Finger bekommen, obwohl bereits viel bessere Technik entwickelt ist.
freidenker_73 01.06.2013
5. Bliblablub
Komisch, mich dürfte es nach Frau Berg gar nicht geben: Studium als Dipl.Wing. (MB) obwohl ich aus einer einfachen Arbeiterfamilie komme ( Bafög + Stipendium reichen gut um zu leben). Auch meine 6 Monate in Südafrika wurden vom Staat unterstützt - es gibt so viele Möglichkeiten in D.! Klar gehört auch Eigenverantwortung und Leistung dazu ( sorry für die bösen neoliberalen Schimpfwörter Oma Berg). Seit zwei Jahren arbeite ich nun in einem gut bezahlten Job und wundere mich über Artikel wie diesen. Das es in anderen Ländern düster aussieht liegt primär daran, dass man zu lange wie Frau Berg gedacht hat - ja keine Eigenleistung, ja keine Reformen die schmerzhaft sind und immer schön die Gesellschaft, den Staat oder jemand anderen für die eigene Situation verantwortlich machen. Mir tun die jungen Menschen in Spanien etc. leid aber verantwortlich für deren Situation ist sicherlich nicht D.
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