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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Blöd kauft blöd

Eine Kolumne von

Was wäre eigentlich, wenn jemand das deutsche Fernsehen revolutionieren und Physiksendungen statt Castingmüll senden würde? Vermutlich wären wir dann auf einmal viel zu schlau für die Werbung, mit der man uns zu verdummen sucht.

Das Fernsehen, das heute noch weniger Bedeutung hat als zu irgendeiner Zeit seit seiner Erfindung. Die Einschaltquoten, an die alle Fernsehproduzenten immer noch glauben, die durch den seltsamen Geschmack von tausend Durchschnittsmenschen ermittelt werden - wer sind die? Gehen die arbeiten? Und könnten es meine Freunde sein?

Wohl eher nicht. Keiner, den ich kenne, schaut mehr Fernsehen, kaum einer hat noch ein sogenanntes Fernsehgerät. Man sieht im Computer ab und zu Formate, die von Produktionsfirmen für Fernsehanstalten produziert wurden. Werden da auch Einschaltquoten ermittelt? Ich habe keine Ahnung. Das Motto meines Lebens.

Fernsehen und die Werbung zwischen Fernsehformaten sind auf eine Zielgruppe zugeschnitten, die nicht zwingend alt sein muss, aber geistig ein wenig - träge. Vielleicht auch mit übergebührlich viel Tagesfreizeit, Menschen, die von Zynikern wie Idioten behandelt werden. Schaut den Scheiß, dann kauft den Mist aus der Werbung, der dick macht, und kriecht dann träge zurück auf euer Sofa. Da schaut ihr weiter Fernsehen. Wir unterhalten euch mit Programmen, die euch ruhig halten und nicht verwirren sollen. Blöde Menschen kaufen blöde Sachen.

Kleiner Robbie, umringt von Frauen

Was würde eigentlich passieren, wenn man den Menschen, die aus Gewohnheit oder Langeweile noch Fernsehen schauen, nur wunderbare Formate liefern würde? Physiksendungen, Transhumanismussendungen, Geschichtsprogramme, Atonale Musik, so ein Zeug. Würden die Zuschauer verzweifelt anfangen zu lesen? Würden sie weiter schauen? Würde ein Krieg beginnen? Fragen über Fragen.

Beim MTV Award eine weitere Umwälzung alter Gewohnheiten: Popstars sind heute weiblich. Und zwar fast ausschließlich. Verloren ist Robbie Williams, verzweifelt Justin Bieber - inmitten von Frauen. Erfolgreiche, hart schuftende Pop-Millionärinnen mit Superstimmen.

Seltsamerweise sind alle nackt. Milliarden hören und sehen es, werden davon beeinflusst. Wollen aussehen wie Miley, Rihanna, Lana Del Rey, wollen stark sein wie sie. Und genauso nackt und zugleich unantastbar. Vermutlich sind es überwiegend junge Frauen, die weibliche Popstars hören. Seit Musik so einfach verfügbar ist, auf Playlists zusammengestellt und mit einem Klick gekauft werden kann, ist das Interesse junger Frauen an Musik gewachsen.

Die letzte Bastion männlichen Auskennertums löste sich auf. Man muss nicht mehr in Plattenläden stehen, prahlerische Auskenner-Artikel lesen und wertvolle Zeit mit komplizierten Geräten verbringen, um Musik zu finden, die einem gefällt. Radiostationen, die sich genauso abgeschafft haben, wie es das Fernsehen gerade tut, braucht es nicht mehr, um Musik zu entdecken. Statt für singende Jungs zu schwärmen, orientieren sich junge Frauen und Mädchen lieber an jungen Frauen und Mädchen. An Rapperinnen, HipHopperinnen und eben Popsängerinnen. Junge Männer scheinen dagegen vornehmlich auf männliche Vorbilder, etwa Rapper, zu stehen, die ihren Traum von Männlichkeit verkörpern.

Alles scheint friedlich nebeneinander zu existieren, alles entwickelt sich weiter, nur das Fernsehen bleibt blöd. Holt seine schwindenden Zuschauer ganz unten ab und hält sie fern von alldem, was gut ist in der Welt.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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insgesamt 133 Beiträge
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1.
bitte_weitergehen 23.11.2013
Dass Fernsehen keine Rolle mehr spielt, sich ordentlich verblöden zu lassen, das stimmt. Diese Rolle haben die Online-Medien a lá Spiegel Online, Zeit.de oder Faz.de übernommen. Will sagen, früher wurde man vom TV der Gehirnzellen beraubt, heutzutage übernehmen das die Online-Auftritte der Print-Magazine. Man hat deren Gehirnlosigkeit aber schneller konsumiert und sie ist zu jeder Tageszeit verfügbar, weswegen man sich seine tägliche Ration von dummen Menschen, die einem vorschreiben, was andere dumme Menschen hip zu finden haben viel besser einteilen kann. TV 2.0 sozusagen.
2. Endlich...
joered-1972 23.11.2013
... mal dazu ein Beitrag. Wer heutzutage noch Super RTL und Konsorten schaut, dem ist nicht mehr zu helfen. Zum Glück gibt es fürs anspruchsvolle Publikum Alternativen!
3. TV = Total Verblödet?
sancho panza 23.11.2013
Ich lebe im Nahen Osten und habe wenig Programmauswahl, bekomme nur RTL, ARTE, Sat 1 und 3Sat. Seit ich viel 3Sat schaue, hat sich meine Meinung über's Fernsehen geändert. Es geht niveauvoller, aber der Aufwand ist erheblich und es gibt keine Werbeeinnahmen. Also wer bezahlt das ganze? Ist denn in unserer Low Cost Kultur überhaupt einer bereit, die wirklichen Kosten zu tragen? Ich fürchte nein.
4. Fernsehen heute :-)
herrdainersinne 23.11.2013
Ist wirklich auf sein Publikum zugeschnitten. Leidlich inteligente Menschen sehen 20.15 den Spielfilm oder vielleicht noch Navy CIS und, ok, ab und an auch mal ne Dschungel-Gaudi, aber mehr nicht. Und tagsüber schonmal gar nicht. Kommt nix, wird ne DVD oder blue ray eingelegt, oder ne Streaming-Seite im PC aufgerufen. Wer also sieht ( viel ) fern ? Die Dummen, die Alten, die Unterschicht, die ALG2 Empfänger mit Tagesfreizeit und die, die sich, ähnlich wie beim Autoradio auf dem Weg zur Arbeit auch Abends einfach nur noch ein bißchen berieseln lassen wollen. Anspruchsvolle Sendungen ( Arte ) sehen sich meist nur Menschen an, die schon als Kind hieran interessiert waren. Durch Veranlagung oder durch Erziehung. Fernsehen ist durch. Mein Fernseher ist nur noch Monitor. Mal landen TV - Inhalte drauf, mal Blue ray, oft Internetinhalte. Gute Nacht Landesrundfunkanstalt, ruhe sanft Intendantentum, möget Ihr weiter Abstellplatz und willkommene Nebenverdienstmöglichkeit für selbstversorgende Politiker sein.
5. Zwei Seiten hat die Medaille
BettyB. 23.11.2013
Gewiss wird im Fernsehen viel Schrott gezeigt, aber immerhin wissen selbst die Dummen von heute wohl etwas mehr als die Uninformierten vor der Zeit des Fernsehens. Deshalb ist Verbesserung des Fernsehens zum Zwecke weiterer Demokratisierung durch besserer Bildung auch für Nichtmehrschulgänger sinnvoll. Deswegen theoretisch: Beiräte der öffentlichrechtlichen Sender wegen Unfähigkeit ablösen und die "Programmmacher" in den Sendern alle schnellstens austauschen. Aber welcher Tropf sollte über die Neubesetzung entscheiden?
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Sibylle Berg

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