S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Im Club der mutlosen Menschen

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Wer hält diese Zeit vor dem Jahreswechsel schon gut aus? Niemand. Am schlimmsten ist sie aber für die Einsamen, die Aussortierten und die Müden. Ich könnte ihnen helfen, wenn ich nur den Mut dazu hätte: Man muss einen Club eröffnen - mit Kaminfeuer, Pralinenfütterung und Streicheleinheiten.

Für jene, die einsam an unheilbaren Krankheiten leiden und die von allen verlassen oder einfach nur müde in ihren Wohnungen sitzen, ist die Welt untergegangen. Die Menschen sind geflohen, die Läden geschlossen, der Kapitalismus hat Pause. Es schneit oder nicht, das ist egal, denn es ist zwischen den Jahren, zwischen den Ritzen, den Stühlen.

Ein paar Lichter in den Fenstern sind dunkler als die anderen, die hellen Räume strahlen, weil in ihnen Menschen streiten und sich verfluchen. Die hellen Räume, wo Kinder sind, Eltern, irgendjemand, den man hassen kann, nach überbordender Kalorienzufuhr.

Die anderen, die Müden, sitzen in ihren halbhellen Wohnungen und versuchen, sich zu bewegen. Aufstehen, in die Küche gehen, den Kühlschrank öffnen. Keinen Hunger auf nichts mehr. Zurück, der Fernseher läuft, wer hat eigentlich noch Fernseher, und draußen schneit es nicht, und kein Auto und nichts. Nichts wird sich jemals ändern.

Die Welt hat sich nicht verschworen

In einer Welt, die mehr Mut und Energie kostenlos an uns verteilen würde, klingelte ich an jeder Tür jedes Lebensmüden und würde den Zögernden an der Hand nehmen. Hand halten hilft in den meisten Fällen, es befremdet, verunsichert, und schon bewegt sich der Mensch, ohne Widerstand.

Man könnte meinen, es gäbe Angenehmeres, als von mir an der Hand durch die Dunkelheit geführt zu werden. Möglich.

Am Ende wartet aber ein behaglicher Club. Mit Kaminfeuer und Ledersofas, einer Bücherei und viel Essen. Die schönsten Filme des Jahres werden gezeigt, von mir ausgewählt, und nun sind alle eingetroffen. Hunderte Einsame sitzen beklommen auf warmen Fellen, sie drehen Gläser verlegen in ihren Händen, und aus lauter Peinlichkeit beginnen sie, miteinander zu reden. Und reden.

Und sie finden heraus: Da sind andere wie ich, von keinem gemocht, von der Welt nicht benötigt, vom Kapitalismus aussortiert. Alleine in einer Wohnung hockend, aus dem Fenster starrend. Ich bin nicht alleine, die Welt hat sich nicht gegen mich verschworen. Ich bin ihr nur einfach egal.

Und über das Reden kommt die Entspannung, das Essen macht müde, die Filme schläfrig. Manche machen eine Nickerchen, den Kopf an die Schulter eines anderen gelehnt, sie halten Hände, streicheln Köpfe, sie sind nicht mehr allein. Das könnte so einfach sein, in einem Leben, das mehr Mut verteilt hätte und mehr Energie. In dem ich losziehen und das alles genauso machen würde.

Neben dem Kamin würde ich stehen, und ein paar alte Menschen sehen, die sich mit Pralinen füttern. Und traurige Männer, die auf einmal mit anderen traurigen Männern darüber reden, dass sie sich nicht für Autos interessieren, sondern für Gedichte. Und Frauen sind da, und sie sind sich nicht spinnefeind, so wäre das zwischen den Jahren, in einer besseren Welt. In der ich dann die Tür von außen schließen würde weiter gehend, zum nächsten Ort.

Und klingeln würde, und fragen: Sind Sie einsam? Dann habe ich eine Idee. Folgen Sie mir einfach, und haben Sie keine Angst!

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insgesamt 146 Beiträge
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1.
Micha123 29.12.2012
Sehr schöner Artikel, Danke.
2.
birthe2051 29.12.2012
Sehr berührend, es gibt leider in unserer reichen Gesellschaft viele, die im Abseits stehen und einsam und arm sind.
3. .
Liebäugelnde_Habseligkeit 29.12.2012
Zitat von sysopWer hält diese Zeit vor dem Jahreswechsel schon gut aus? Niemand. Am schlimmsten ist sie aber für die Einsamen, die Aussortierten und die Müden. Ich könnte ihnen helfen, wenn ich nur den Mut dazu hätte: Man muss einen Club eröffnen - mit Kaminfeuer, Pralinenfütterung und Streicheleinheiten. Sibylle Berg über die Zeit zwischen den Jahren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-die-zeit-zwischen-den-jahren-a-874691.html)
Nicht der Kapitalismus sortiert Menschen aus, sondern die Menschen sortieren Menschen aus. Den traurigen Typ Mensch, den sie beschreiben, gibt es im Sozialismus genauso. Vermutlich sogar einige mehr.
4.
gebsauf 29.12.2012
Gedanken, so tröstlich wie ein Butterbrot und ein süsser Kakao...
5.
großwolke 29.12.2012
Zwei Trauerstücke nacheinander? Verkauft sich sowas gerade gut oder lässt das Rückschlüsse zu auf das Innenleben der Autorin? Naja, wie dem auch sei, der logische Fehler an dieser rührseeligen Geschichte ist folgender: Einsamkeit prägt. Man ist vielleicht nicnt glücklich allein zuhaus hinter seinem etwas dunkleren Fenster. In einem noch so behaglichen Raum mit einer unüberschaubaren Zahl wildfremder Menschen (nach Ihren Auswahlkriterien noch dazu genauso komplexbehafteten) fühlt man sich aber noch viel schrecklicher. Der Weg in die soziale Isolation erfolgt für die Betroffenen meist schrittweise, und genauso behutsam muss man auch den Weg zurück angehen, sonst führt die Überreizung zum Gegenteil des Beabsichtigten. Und noch was: Männer, die Gedichte mögen? Also bitte! ;)
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