S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Papa war ein Nudel-Nazi, seufz

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Ich hatte eine schwere Kindheit! Papi war ein Nazi, Mama ein Marsmensch, darum bin ich verkorkst. Ächz. Warum nur erklären deutsche Regisseure, TV-Macher oder Autoren jede Charakterschwäche aus einem Trauma? Vermutlich würden diese Leute selbst Loriots berühmten Nudelsketch verhunzen.

Wie unendlich mich das anödet, das Entwickeln von Charakteren, das wir in der deutschsprachigen Literatur, im Theater oder im Film so ungefragt benicken. "Ja, ja, natürlich, das ist ein glaubwürdiger Charakter", sagen wir, wenn wieder einmal eine deutsche Frau an einem deutschen Meer steht und nichts sagt.

Sie schweigt aber nicht aus einer depressiv-französischen Stimmung heraus, die sich aus der Melancholie erklärt, sondern aus ihrem Charakter. Wir haben irgendwann in dem zähen Film/ Stück/ Buch erfahren, dass die Frau missbraucht wurde. Also nicht körperlich, aber seelisch, von ihrem Großvater (Waffen-SS). Der Charakter sitzt, ist erklärt. Leider macht das keinen Spaß und ist außerdem Stuss.

Dieses ernsthafte Bemühen, die Welt zu verstehen, sie in erklärbare Portionen zu teilen, ist so freud- wie hilflos. Und schon ein paar hundert Generationen vor uns missglückt. Es gibt keine erklärbaren Charaktere, es gibt kein "Wenn die Eltern getrunken haben, wird auch das Kind Alkoholiker". Es gibt nur Menschen, die sich dafür oder dagegen entscheiden, andere schlechter zu behandeln als sich selber.

Kriegsgewinnler dank Nudelfabrik

Der Rest ist Albernheit. Nach dem deutschen Kunstverständnis müsste sich auch die Albernheit aus einer biografischen Finesse entwickeln (Vater liebte Zwergponys, der Sohn musste sie immer in Unterhosen füttern, während draußen die Ostfront zusammenbrach). Aber Albernheit passiert einfach aus der Betrachtung unseres Lebens und unseren verzweifelten Versuchen, alles erklären zu wollen, als stürben wir nicht darum.

Warum sind wir hier? Was ist der Sinn? Warum haben meine Eltern mich nicht mehr/ weniger geliebt? Die Antwort lautet bekanntlich 42.

Das haben wir doch gelernt, aber unverdrossen wird nach glaubhaften Charakteren, sinnvollen Biografien verlangt. In Buchbesprechungen heißt es dann: XYZ ist ein sehr glaubhafter Charakter. Sehr gerne werden auch glaubhafte Charaktere in glaubhaften Familiensagas gesehen. Und so sieht das dann eben auch oft aus. Der hölzerne Versuch, Unerklärbares zu beschreiben, die glaubhaften Dialoge in glaubhaften Zusammenhängen, die Sprache in Filmen, die oft klingt, als seien Synchronsprecher am Werk.

Und immer wieder beteuert der deutsche Mensch, wie sehr er doch den britischen Humor liebt, wie langweilig doch der deutsche Film, das deutsche Theaterstück sei. Irre komisch, der britische Humor, so ein Nonsens, nicht wahr. Und dann beugt sich der Kulturmitarbeiter wieder über ein ihm vorliegendes Drehbuch, um die Hauptfigur, einen Marsmenschen, mit einer glaubhaften Biografie und nachvollziehbaren Sätzen auszurüsten. Und dann steht Barbara an der Ostsee und flieht aus nachvollziehbaren Gründen nicht in den Westen. Ihr Charakter, Sie wissen schon.

Vermutlich würden auch Loriots Filme heute auf die Glaubwürdigkeit der Charaktere untersucht. Die Nudelszene, eingeführt durch ein traumatisches Kindheitserlebnis, über das in Folge gesprochen würde.

Sie: "Du hast mir noch gar nichts von deiner Kindheit erzählt." Er: "Ja, sie ist zu schmerzvoll, meine Eltern waren Kriegsgewinnler und hatten eine Nudelfabrik." Es gibt so viel nicht Nachvollziehbares, was einfach Spaß macht. Weil es Tempo hat, Witz, Blödheit, Nonsens. Nun ja, wenn man richtig erklären kann.

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insgesamt 25 Beiträge
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1.
Olaf 09.11.2012
Ähmm.. die Antwort auf den Sinn des Lebens ist 42 und nicht 24. Das hilft Ihnen jetzt sicherlich weiter.
2. Auskotz-Bloggerei
DrWimmer 10.11.2012
Wie unendlich mich das anödet, das unvermittelte Auskotzen von Bloggern, das wir in der deutschsprachigen Blog-Szene ungefragt benicken. "Ja, ja, natürlich, das hat mich auch schon immer geärgert", sagen wir, wenn wieder einmal eine deutsche Frau in einem deutschen Blog lesen und sie nichts weiter zu sagen hat, als einen ausgedehnten, im Affekt verfassten Motzki-Klospruch. Würden wir doch nur alle Geld dafür bekommen, wenn wr uns auskotzen.
3. Pathos ante portas
Olligigagags 10.11.2012
Was Frau Berg für die Neigung deutscher Regisseure zum Trauma hält, ist m.E. die neue Lust am Pathos, die schon Harald Schmidt einst prophezeit hat. In diesem Zusammenhang mache ich mir mehr Sorgen um Loriots zwei Herren im Bad als um den Nudelsketch, lassen sich doch anhand des Psychodramas von Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner wesentlich mehr Traumata entwickeln:Frühkindliche Zwangsneurosen( zu heiß gebadet?), sodomitische Triebsublimationen , verbunden mit religiösen Wahnvorstellungen ("Lassen Sie in Gottesnamen das Ententier zu Wasser!"), Hinweise über die mögliche Verstrickung des geerbten Familienbetriebs in Naziverbrechen (Müller-Lüdenscheidt:"Ich leite ein führendes Unternehmen in der Schwerindustrie..."), die Metapher des Badens als Versuch einer notorischen Katharsis, etc, etc....
4. Und bei Ihnen?
pklauss 10.11.2012
Ja, diese schablonierten Figuren nerven mich auch. Darum lese ich nur Romane auf Empfehlung. Wo wir gerade davon sprechen: Toi toi toi für den Schweizer Buchpreis! Ist das Vergabe-Datum Ironie oder Unwissen?
5. Alles erklärt sich aus sich selbst heraus
Scheidungskind 10.11.2012
_Als Kind: Unsicher-vermeidende Bindung_ Kinder vom Typ A-Bindung reagieren scheinbar unbeeindruckt, wenn ihre Bindungsperson hinausgeht. Sie spielen, erkunden den Raum und sind auf den ersten Blick weder ängstlich noch ärgerlich über das Fortgehen der Bindungsperson. Durch zusätzliche Untersuchung der physiologischen Reaktionen der Kinder während der Situation wurde jedoch festgestellt, dass ihr Cortisolspiegel im Speichel beim Fortgehen der Bindungsperson höher ansteigt als der sicher gebundener Kinder, welche ihrem Kummer Ausdruck verleihen – was auf Stress schließen lässt. Auch ihr Herzschlag beschleunigt sich. Kommt die Bindungsperson zurück, wird sie ignoriert. Unsicher-vermeidenden Kindern fehlt die Zuversicht bezüglich der Verfügbarkeit ihrer Bindungsperson. Sie entwickeln die Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche grundsätzlich auf Ablehnung stoßen und ihnen kein Anspruch auf Liebe und Unterstützung zusteht. Ein solches Bindungsmuster ist bei Kindern zu beobachten, die häufig Zurückweisung erfahren haben. Die Kinder finden einen Ausweg aus der belastenden bedrohlichen Situation des immer wieder Zurückgewiesen-Seins nur durch Beziehungsvermeidung. _Als Erwachsene: Distanziert-beziehungsabweisende Bindungseinstellung_ Auch „dismissing“ oder mit „Ds“ abgekürzt. Erwachsene mit dieser Bindungsrepräsentanz können sich kaum an ihre eigene Kindheit erinnern, was bedeutet, dass sie viel verdrängt haben. Tendenziell idealisieren sie ihre Eltern und deren Erziehungsmethoden, wenngleich keine konkreten Situationen aufgezählt werden können, welche diese Idealisierung rechtfertigen. Berichtet wird hingegen von mangelnder elterlicher Unterstützung sowie von Zurückweisung (offen oder verdeckt) der kindlichen Bedürfnisse. *Die Erwachsenen mit einer distanziert-beziehungsabweisenden Bindungseinstellung verleugnen die Bedeutung ihrer eigenen Erfahrungen mit den Eltern und deren Folgen für die Färbung ihrer jetzigen Affekte.* Sie zeigen ein sehr großes Unabhängigkeitsbestreben und verlassen sich lieber auf die eigene Stärke. Sie formulieren, die fehlende Hilfe nicht vermisst zu haben und diesbezüglich auch keine Wut oder Trauer zu verspüren. Kinder dieser Erwachsenen können eher mit affektiver Unterstützung und Einstellung auf ihre Bedürfnisse rechnen, wenn sie versuchen, eine Aufgabe zu bewältigen. Die Kinder werden früh unter Leistungsdruck gesetzt. Den Ergebnissen des „Adult Attachment Interviews“ zufolge, gefällt es diesen Müttern, wenn die Kinder Anhänglichkeit zeigen. Allerdings neigen sie dann dazu, das Kind zu ignorieren, wenn es Beruhigung und Unterstützung braucht.
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