S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Dein Joint ist mir egal

Von Sibylle Berg

Was spricht gegen den freien Verkauf von Drogen? Wenig. Doch die Logik scheint außer Kraft gesetzt, wenn manche Menschen den Wunsch haben, ihr Leben durch einen Filter wahrzunehmen. Vielleicht sollten wir sie einfach mal in Ruhe lassen.

Dass der Mensch nur begrenzt lernfähig ist, ist ein Umstand, der mich verzweifeln lässt. Wann immer ich versuche, mir das Universum vorzustellen oder die Grignardsche Reagenz zu begreifen, schüttelt sich mein Gehirn bedauernd.

Jedes Thema in unserer Welt ist durch die Vielzahl an sofort verfügbaren Informationen scheinbar oder wirklich so komplex geworden, dass man sich wundern muss, dass der Fundamentalismus in der Weltbevölkerung nicht noch rasanter um sich greift.

Die Sehnsucht nach einfachen Strukturen und einer Unterteilbarkeit der Welt in Gut und Böse ist so niedlich, dass man selbst für militante Religiöse eine milde Liebe empfinden kann. Die sich allerdings schnell wieder in Wut wandelt, denn hinter jedem Beharren auf den Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit lauert eine immense Blödheit.

Die Texte, die ich an dieser Stelle schreibe, sind Momentaufnahmen, Gedanken zum Tage, zum Leben. Wollen nicht mehr, als eventuell Zuspruch oder Abneigung zu erzeugen, im guten Fall. Im schlechten sind sie nur Meinungen zwischen Millionen anderer, die täglich zu irgendeinem Thema geäußert werden.

Es gibt kaum mehr etwas zu begreifen. Es gibt kaum mehr eine Haltung einzunehmen, die man nicht am nächsten Tag wieder ändern muss. So schnell man sich erregt, ob anscheinender Verblödung eines anderen, so schnell muss man seine Meinung revidieren, wenn man dessen scheinbar absurden Argumentationsketten folgt. Das oberste Gesetz wäre eigentlich: Lasst alle in Ruhe. Lebt, ohne Mitmenschen zu bevormunden, zu ärgern, zu quälen oder zu benutzen. Leicht gesagt inmitten neoliberaler Zeiten.

Bis heute versteh ich zum Beispiel die weltweite Drogenpolitik kaum. Was spricht noch mal gegen den teuren Verkauf aller Drogen mit einer Alterskontrolle? Wie viele Opfer der Drogenmafia, des Krieges für und gegen Drogen gibt es im Jahr? Und wie vielen Drogentoten stehen sie gegenüber? Wie viel Beschaffungselend gibt es, und wie viele Alkoholiker machen sich und ihren Familien ganz legal das Leben zur Hölle?

Wenn es um Drogen geht und um den völlig nachvollziehbaren Wunsch vieler Menschen, das Leben durch einen Filter ertragen zu wollen, scheint Logik außer Kraft gesetzt. Vielleicht hängen vielen Gegnern der Legalisierungskampagnen, die immer wieder scheitern, noch traurige Bilder von den "Kindern vom Bahnhof Zoo" im Gedächtnis. Vielleicht handelt es sich auch um eingangs erwähnte Fundamentalisten, die versuchen, sich in einer unübersichtlichen Welt zurechtzufinden. Oder es sind schlicht jene, die sich selber misstrauen, die am lautesten zum Widerstand aufrufen.

Das könnten sie, wäre das ebenfalls erwähnte Grundgesetz "Lasst alle in Ruhe" endlich weltweit verankert und zöge jede Zuwiderhandlung harte Bestrafung nach sich, gerne fürs sich tun. Man muss ja auch keinen Alkohol trinken, obwohl er frei zugänglich ist. Man muss kein Fleisch essen und keine Kinder schlagen. Das geht alles, wenn man seine Moralvorstellungen ausschließlich auf sich selber anwendet.

Diese Torheit der Menschen, sich ins Leben anderer einzumischen, ist ein Witz mit katastrophalen Folgen für die Welt. Nachzulesen hier, in einem sorgfältig recherchierten Text. Man kann die Menschen nicht vor sich selber schützen. Man kann sie nur freundlich betrachten und sein eigenes Leben überdenken. Das sei das Gesetz.

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insgesamt 153 Beiträge
jolip 19.05.2012
Als eigentlicher Befürworter des freien Drogenverkaufs bin ich gleichzeitig der Meinung, dass es auch eine Menge berechtigter Argumente dagegen gibt. Um eine gute Drogenpolitik zu gestalten, sollte man doch zunächst erst [...]
Zitat von sysopWas spricht gegen den freien Verkauf von Drogen? Wenig. Doch die Logik scheint außer Kraft gesetzt, wenn manche Menschen den Wunsch haben, ihr Leben durch einen Filter wahrzunehmen. Vielleicht sollten wir sie einfach mal in Ruhe lassen. Sibylle Berg über Drogen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,833449,00.html)
Als eigentlicher Befürworter des freien Drogenverkaufs bin ich gleichzeitig der Meinung, dass es auch eine Menge berechtigter Argumente dagegen gibt. Um eine gute Drogenpolitik zu gestalten, sollte man doch zunächst erst einmal wissen, worüber man eigentlich redet, und da haben die Politiker, also die Menschen, die darüber zu bestimmen haben, wie in diesen Kreisen allgemein üblich, überhaupt keine Ahnung. MFG jolip
marcuspüschel 19.05.2012
Angesichts der ziemlich gewalttätigen Erziehung, die ich erfahren habe, wäre ich schon sehr froh gewesen, wenn sich jemand eingemischt hätte. Hat aber niemand, obwohl die Nachbarn durchaus im Bilde waren. Und sicher ist das heute [...]
Angesichts der ziemlich gewalttätigen Erziehung, die ich erfahren habe, wäre ich schon sehr froh gewesen, wenn sich jemand eingemischt hätte. Hat aber niemand, obwohl die Nachbarn durchaus im Bilde waren. Und sicher ist das heute in den meisten Fällen immer noch so. Kiffer kann man wirklich in Ruhe lassen, deren Entscheidung, betrifft nur sie selbst, gewalttätige Eltern gehören in den Knast.
Solange Alkohol frei verfügbar ist, gibt es kein Argument dieser Welt, was mir vernünftig erklären kann, warum Marihuana und Haschisch verboten sein sollten. Wenn es um chemische Drogen und anderen Kram geht sieht das natürlich [...]
Solange Alkohol frei verfügbar ist, gibt es kein Argument dieser Welt, was mir vernünftig erklären kann, warum Marihuana und Haschisch verboten sein sollten. Wenn es um chemische Drogen und anderen Kram geht sieht das natürlich schon etwas anders aus.
zonie73 19.05.2012
Ist mal ein echt guter Artikel.. allerdings - wenn man es konsequent umsetzt.. eine Welt, in der jeder alles darf wär ziemlich schnell am Ende.. eben gerade wegen der Dummheit Einzelner, die ohne klare und enge Grenzen nicht [...]
Ist mal ein echt guter Artikel.. allerdings - wenn man es konsequent umsetzt.. eine Welt, in der jeder alles darf wär ziemlich schnell am Ende.. eben gerade wegen der Dummheit Einzelner, die ohne klare und enge Grenzen nicht auskommen - weil sie die Konsequenzen ihres Handelns nicht abschätzen können, oder wollen, oder einfach nur sich selbst und ihren Vorteil sehen...
MrStoneStupid 19.05.2012
Eine Legalisierung von Drogen ist wünschenswert aber gleichzeitig muss es strenge Auflagen und Kontrollen geben. Notwendig ist ein Drogenführerschein, der dann aber auch Folgen haben kann (keine Waffen, keine sicherheitskritischen [...]
Eine Legalisierung von Drogen ist wünschenswert aber gleichzeitig muss es strenge Auflagen und Kontrollen geben. Notwendig ist ein Drogenführerschein, der dann aber auch Folgen haben kann (keine Waffen, keine sicherheitskritischen Berufe, ...). Des Weiteren muss es auch bei einer Legalisierung eine gezielte Anti-Drogenpolitik und Aufklärung geben, so dass die Gesellschaft durch Drogen keinen relevanten Schaden nimmt. Werbeverbot für Drogen und harte Drogen dürfen kein Geschäft für profitgierige Private sein (Verkauf nur in staatlich lizensierten Geschäften mit staatlicher Preisfestsetzung und Besteuerung). (imho)
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  • Samstag, 19.05.2012 – 11:37 Uhr
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