S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wo ist dein Verstand, Mittelstand?

Es wird wohl die berühmte Trägheit des Geistes sein, die dafür verantwortlich ist, dass wir mehrheitlich gegen Vielfalt und für Eliten stimmen.

Eine Kolumne von


Vielleicht war Günter Grass, auch bekannt als das Gewissen Deutschlands, der erste, der seine mahnende Stimme erhob, um der nachfolgenden AutorInnen-Generation ihr Desinteresse an allem Politischen vorzuwerfen. Ich habe ihn damals nicht verstanden. Meinte er, Künstler müssten, so wie er, Parteiarbeit betreiben? Die Frage wurde nie beantwortet, aber von den Medien übernommen.

"Ist Ihre Arbeit politisch zu verstehen?", fragen seitdem JournalistInnen und KritikerInnen. Unbedingt, versichern die Autoren, denn nicht politisch zu sein, ist das Ende auf deutschen Bühnen. Die Unbeschwertheit, böse Komödien zu schreiben, kann sich Yazmina Reza erlauben, die ist nicht von hier. Unsere DramatikerInnen arbeiten sich an den politischen Krisen unserer Zeit ab. Immer ein wenig zu spät, oft ein bisschen naiv, denn sie sind ja nicht ohne Grund KünstlerInnen und keine Politökonomen. Lange Einleitung, kurzer Inhalt: Es folgt ein politischer Text, in dem ich mit aller gebotenen Einfalt meinen Anschluss an die Parteiarbeit herstellen möchte.

Warum die Bewohner Europas mit mittelmäßigem Einkommen, also alles unter 150.000 im Jahr, zunehmend sogenannte bürgerlich-konservative Parteien wählen, was meint wertkonservative, was meint Bürger mit Einkommen deutlich über drei Millionen begünstigende, kann nur mit der berühmten Trägheit des Geistes zusammenhängen. Oder mit dem Glauben an Parolen wie: Die Wirtschaft stärken zum Wohle der Arbeitnehmer.

Nehmen wir die Schweiz. Das kleine Land, das zu zwei Prozent von Einwohnern besiedelt ist, die mehr besitzen als die restlichen 98 Prozent, wählt knapp mehrheitlich konservativ bürgerlich. Also jene Parteien, die gerade abenteuerliche Begünstigungen für Diktatoren und eine milde Gesetzgebung für Organisationen wie die Fifa wesentlich mit beeinflusst haben.

Bei allen demokratischen Volksabstimmungen in der Schweiz richten sich die Empfehlungen der Konservativen mit großer Sicherheit gegen die Interessen des Mittelstands. Der sie aber wählt. Warum tun die Menschen das? In Österreich sieht die Situation nicht besser aus. Dort singen die nationaltreuen Parteivorsitzenden Jörg Haider: Pfiat Gott, liabe Alm / HC Strache: Österreich zuerst.

Darauf müssen die Deutschen verzichten. Aber auch da hat die wirtschaftsfreundlichste Partei die Mehrheit der Parlamentssitze inne. Das ist alles in Ordnung. Es braucht eine gesunde Wirtschaft (diese Worte wollte ich schon immer einmal schreiben), und vielleicht misstrauen einige Bürger der Partei, aber auch neben der gäbe es doch sicher für jeden Geschmack etwas, ein wenig Christentum und Tierschutz, eine Frauenpartei und eine für Rentner, junge Nazis und stramme Linke, ein wunderbares Gemisch, in dem sich die Zusammensetzung der Bevölkerung spiegeln würde.

Aber dazu müssten vermutlich alle wählen gehen und nachdenken, und ein Großteil des Genörgels über die grauenhafte Regierung fiele auch flach. Das kann ja keiner wollen. Aber was wollen die Menschen, wenn sie die Freunde des Großkapitals wählen? Ich bin mir sicher, sie könnten mir einiges erklären, ich schreibe jetzt wieder etwas Unpolitisches. Denn Grass ist tot.

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insgesamt 295 Beiträge
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claus_debold 13.06.2015
1. Die Antwort weiß nur der Wind...
...oder wissen Sie mehr, Frau Berg? Die Frage ist wirklich interessant und die Antwort wäre es umso mehr. Vielleicht deshalb, weil sich der Wassertropfen im See nicht so alleine fühlt? Die 3% einem das Gefühl geben, wenn man nur lange genug rumschwimmt, wird aus dem Tropfen eine Pfütze?
spon_2277428 13.06.2015
2. Die Unverschämten verführen die Ahnungslosen
bis die Dummheit zu Ende ist - oder gibt's da irgendeinen Anlass, intelligentes Verhalten vorauszusetzen? Leider scheint die Dummheit grenzenlos zu sein bzw. die Intelligenteren verschwinden immer, bevor sie die Mehrheit erreichen.
spmc-121676002122637 13.06.2015
3. Treibende Kraft ist die Angst
mehr nach unten abgeben zu müssen als von der Umverteilung von oben nach unten selber zu profitieren. Jeder der sich was erarbeitet (oder geerbt) hat ist damit automatisch eher Kapitalist als Sozialist im Verhalten.
braman 13.06.2015
4. Diese paradoxe Wahlverhalten
ist in der Tat sehr merkwürdig. Die "wirtschaftsfreundlichen" Parteien sind alles andere als wirtschaftsfreundlich da sie nur die oberen 3% der Wirtschaft begünstigen. 3%, das sind knapp 2,5 Mio. Menschen in Deutschland. Zur 'Wirtschaft gehören aber etwas mehr als 80 Mio. Menschen in DE. Leider werden auch in der Berichterstattung durch die Medien die 97% immer ausgeblendet. Diese sind aber nicht nur die Grundlage der Wirtschaft sondern auch der Teil, der alle Werte erzeugt und einen großen Teil davon auch konsumiert. Zurück zum Wahlverhalten. Diese 97% wählen also mehrheitlich Parteien die (nur) den Interessen der oberen 3% dienen. Das nennt sich wohl erfolgreiche Manipulation mit Hilfe der Medien. Es ist keine "Gehirnwäsche". Etwas nicht-vorhandenes kann nicht gewaschen werden. MfG: M.B:
my-space 13.06.2015
5. Ist gut so!
Das hat schon sein Gutes, wenn gerade so genannte Intellektuelle (wie Grass) besser nicht politisch werden. In seinem Fall kam nur Kokolores und und krasse Fehleinschätzungen komplexer Zusammenhänge. Und so ist es bei den meisten Mitgliedern seiner Zunft. Die sollen besser Theaterstücke schreiben, die keiner sehen will, (weil bedeutungslos und langweilig) und darauf hoffen, dass weiter Steuersubventionen fließen. Von denen, die etwas erwirtschaften.
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